Konjunkturmotor der Welt Droht Chinas Wirtschaft 2022 die große Flaute?

Container im Hafen von Qingdao - Chinas Konjunktur wird Prognosen zufolge 2022 geringer ausfallen Quelle: dpa

China ist besser durch die Coronapandemie gekommen als der Rest der Welt. Doch immer mehr Konjunkturexperten warnen vor zunehmenden Risiken. 2022 könnte ein mageres Jahr für die zweitgrößte Volkswirtschaft werden.

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Chinas Wirtschaft hat das abgelaufene Jahr überraschend positiv abgeschlossen. Das vergangene Woche vom Pekinger Statistikamt vorgelegte Wachstum von 8,1 Prozent fiel sogar noch etwas höher aus, als Analysten erwartet hatten. Es lässt sich nicht abstreiten: Die Volksrepublik ist besser durch die Coronapandemie gekommen als der Rest der Welt. Strenge Maßnahmen haben dazu geführt, dass China die letzten eineinhalb Jahre kaum Infektionen verzeichnete und die Wirtschaft weitestgehend normal funktionieren konnte. Während Europa und die USA kollektiv im Homeoffice saßen, lieferten chinesische Fabriken zuverlässig alles, was das Herz begehrt.

Dank boomender Bestellungen ist Chinas Außenhandel im vergangenen Jahr kräftig gewachsen – und war damit die wichtigste Stütze für das Wachstum. Um 30 Prozent zogen die Exporte im Vergleich zum Vorjahr an, was auch dazu führte, dass der politisch sensible Außenhandelsüberschuss Chinas mit 676 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert erreichte.

Doch der Außenhandel kann auf Dauer andere Probleme in Chinas Wirtschaft nicht alleine ausgleichen. So hat sich etwa der Immobilienmarkt deutlich abgekühlt. Ihn belasten Unsicherheiten wie die Krise um den mit mehr als 300 Milliarden US-Dollar verschuldeten Immobilienkonzern Evergrande.

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„Die Anzahl der insolventen Bauentwickler steigt, die Liquidität im gesamten Sektor ist angespannt, und Kaufinteressenten halten sich zurück. Es ist nicht zu erwarten, dass diese Probleme das Finanzsystem in Schwierigkeiten bringen, so dass Vergleiche zur globalen Finanzkrise nicht angebracht sind. Doch als Wachstumsstütze fällt dieser enorm bedeutende Sektor bis auf Weiteres aus“, heißt es in einer Analyse der DekaBank in Frankfurt.

Die Regierung arbeitet weiter daran, die hohe Verschuldung von Unternehmen zu reduzieren. Auch gestiegene Rohstoffkosten und Energieknappheit wirkten sich zuletzt negativ auf die Konjunktur aus.

Beobachter fürchten zudem, dass sich die wirtschaftlichen Aussichten in China besonders mit der Verbreitung von Omikron deutlich eintrüben könnten. Denn die Eindämmungsstrategie der Regierung könnte durch die leichter übertragbare Variante des Coronavirus an ihre Grenzen stoßen. Anfang des Monats waren Chinas erste lokale Omikron-Fälle in der Hafenmetropole Tianjin nachgewiesen worden, kurz darauf folgten weitere Fälle in der Hafenstadt Dalian sowie im ostchinesischen Anyang. Bereits zuvor hatten sich lokale Ausbrüche der Delta-Variante gehäuft, die zum Teil die Wirtschaftstätigkeit in betroffenen Städten und Regionen schwer beeinflussten. Fabriken mussten vorübergehend den Betrieb einstellen, Lieferketten wurden unterbrochen.

„Omikron könnte in der Zukunft zu massiven Lockdowns führen, was Folgen für deutsche Firmen hätte“, warnt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Deutschland. Glunz half der Deutschen Handelskammer in China jüngst bei der Erstellung ihrer jährlichen Mitgliederumfrage. Das Ergebnis: Auch deutsche Unternehmen blicken deutlich pessimistischer auf ihre Wachstumsaussichten in China. Zwar äußerte sich die Mehrheit der Firmen weiterhin zuversichtlich. Allerdings waren es deutlich weniger als noch im Vorjahr.

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Demnach gaben noch rund 51 Prozent der Unternehmen an, Verbesserungen in ihrem Sektor zu erwarten. Bei der Umfrage des Vorjahres hatte dieser Wert noch bei 66 Prozent gelegen. Insbesondere wirtschaftspolitische Tendenzen hätten ihre Spuren hinterlassen, meint Clas Neumann, Präsident der Deutschen Handelskammer in China. Die fehlende Gleichbehandlung im Vergleich zu heimischen Firmen sei zur größten regulatorischen Herausforderung für die deutsche Wirtschaft in China geworden. Zudem wurden die wegen der Coronapandemie weiter bestehenden Einreisebeschränkungen als „kaum zumutbare Hürde“ im Geschäft mit China identifiziert. Sie beeinträchtigen laut Umfrage das gegenseitige Verständnis, verhindern ausländische Investitionen und bremsen letztendlich auch das Wachstum Chinas.

Reihenweise schraubten Institute zuletzt ihre Wachstumsprognosen für China zurück. Die US-Investmentbank Goldman Sachs warnte, ein großer Omikron-Ausbruch könne in China schwerwiegende Folgen für die Konjunktur haben – und kürzte ihre Prognose für Chinas Wachstum auf 4,3 Prozent im laufenden Jahr. Auch die Weltbank kürzte ihre Prognose von 5,3 auf 5,1 Prozent. In dieser Woche legte dann auch noch der Internationale Währungsfonds (IWF) nach. Am Dienstag senkte der IWF seine Prognose für China zunächst um 0,8 Punkte auf 4,8 Prozent und legte dann am Freitag eine ausführliche Analyse über die Probleme der chinesischen Wirtschaft vor.

Die Volksrepublik stecke in einer „bedeutsamen Flaute“, war in dem Bericht zu lesen. Die Erholung der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft sei zwar gut vorangeschritten, aber nicht ausgewogen und habe an Schwung verloren, stellte der IWF weiter fest.

Als Gründe für die Abschwächung hob der Währungsfonds den rapiden Rückzug politischer Unterstützung für die Wirtschaft und eine verzögerte Erholung des Konsums angesichts vereinzelter, neuer Corona-Ausbrüche hervor. Verwiesen wurde auch auf die verlangsamte Entwicklung der Immobilieninvestitionen als Reaktion auf staatliche Bemühungen, die Verschuldung des Sektors zu reduzieren.

Chinas Fiskalpolitik sei zu Beginn des vergangenen Jahres „stark restriktiv“ geworden, während der Fokus von einer Unterstützung der Wirtschaft auf eine Reduzierung der Verschuldung verlegt worden sei.

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