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Konjunkturrisiko Die Quittung für Chinas Expansionskurs

Nicht nur die Euro-Krise, auch hausgemachte Probleme belasten Chinas Wirtschaft. Die Wachstumslokomotive kommt ins Stottern.

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Ruhe ist die erste Chinesenpflicht - Fischer protestieren in Guangdong. Quelle: REUTERS

Jedes Jahr im Dezember treffen sich Chinas Parteiführer zu ihrer sogenannten Arbeitskonferenz für die Wirtschaftspolitik. Leitlinien und Prioritäten für die konjunkturelle Entwicklung der folgenden zwölf Monate beschließt die Regierung dort. Selten reagierten die Märkte auf die Ergebnisse des Treffens so enttäuscht wie in diesem Jahr. Nachdem die Herren am Abend des 14. Dezember auseinandergegangen waren, fiel der Shanghai- Aktienindex am nächsten Tag um 2,1 Prozent. Die Anleger vermissten vor allem ein klares Zeichen für eine offensive und wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik.

Die meisten Beobachter sind sich einig: die Zeiten der zweistelligen Wachstumsraten sind vorerst vorbei, und das nicht nur im kommenden Jahr. Vermutlich wird sich das Riesenreich auf mehrere Jahre mit deutlich geringerem Wirtschaftswachstum einstellen müssen.

Magische Linie

Für 2012 rechnen die meisten Analysten mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von etwa acht Prozent. Im ablaufenden Jahr dürfte Chinas Wirtschaft um gut neun Prozent gewachsen sein, 2010 waren es noch mehr als zehn Prozent. Nähert sich die Rate der Acht-Prozent-Marke, bricht in der Parteispitze regelmäßig Nervosität aus. Fällt das Wachstum unter die magische Linie, werden zu wenig Jobs für die neu auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Leute geschaffen, heißt es. Und das könnte für soziale Unruhen sorgen.

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    Vor allem die Krise in der Euro-Zone hinterlässt in China deutliche Bremsspuren, die schwache Nachfrage aus Europa stürzt Chinas exportorientierte Unternehmen zu Zehntausenden in die Pleite. Das könnte sich 2012 noch verschärfen. Die Analysten der Investmentbank UBS rechnen für das kommende Jahr mit einer Stagnation der Ausfuhren, die bisher ein wesentlicher Stützpfeiler der chinesischen Wirtschaft gewesen sind. Um die Exporteure zu entlasten, dürfte Chinas Zentralbank den Yuan 2012 nur noch geringfügig aufwerten. Außerdem will Peking die Verbrauchsteuern punktuell senken und das soziale Netz ausbauen. Das soll den privaten Konsum ankurbeln und den Einbruch bei den Ausfuhren zumindest zum Teil wettmachen. Die Turbulenzen in Europa haben die ausländischen Direktinvestitionen in China in Mitleidenschaft gezogen. Im November fielen sie um 9,8 Prozent – das erste Minus seit 2009.

    Folgen der Geldschwemme

    China bekommt jetzt die Folgen der Geldschwemme der Jahre 2009 und 2010 zu spüren - die Inflation steigt, faule Kredite häufen sich. Quelle: REUTERS

    Doch die Chinesen bekommen jetzt auch die Rechnung für die Exzesse ihrer Geld- und Fiskalpolitik der Jahre 2009 und 2010. Als Reaktion auf die Finanzkrise hatten Staat und staatliche Banken das Land in einer beispiellosen Offensive mit Geld überschwemmt. Das Ergebnis: Chinas Wirtschaft wuchs weiter kräftig, Unternehmen im Westen freuten sich über volle Auftragsbücher. Viel frisch gedrucktes Geld floss allerdings in unrentable Projekte, zahlreiche Städte und Gemeinden sind nun überschuldet. Bei den Banken dürften die Quoten der faulen Kredite in den nächsten Jahren steigen. Die Geldschwemme hat überdies den ohnehin überhitzten Wohnungsmarkt weiter unter Dampf gesetzt.

    Wechsel in der Führung

    Der Schwenk hin zu einer deutlich restriktiveren Geld- und Fiskalpolitik war daher unausweichlich, zumal die Inflationsrate zeitweise auf mehr als sechs Prozent in die Höhe geschnellt war. Regierung und Zentralbank können es sich daher kaum erlauben, mit expansiven Maßnahmen auf die dämpfenden Folgen der Euro-Krise zu reagieren. Die Arbeitskonferenz für die Wirtschaftspolitik hat beschlossen, dass es im kommenden Jahr keine durchgreifende Lockerung der restriktiven Politik geben wird. Bei der Inflation erwarten die meisten Analysten für das kommende Jahr denn auch einen weiteren Rückgang. Dies ist wichtig, um für Ruhe im Volk zu sorgen, denn im Herbst 2012 steht der Wechsel in der chinesischen Führung an.

    Schwenkten Geld- und Fiskalpolitik auf einen expansiveren Kurs, würde dies die Bilanzen der Banken und die Haushalte der Kommunen weiter belasten. Chinas Führer wissen, dass sie dafür ein – möglicherweise deutlich – schwächeres Wachstum in Kauf nehmen müssen. Risikolos ist der Kurs allerdings nicht. So sind in den vergangenen Wochen erstmals seit Jahren in vielen Städten die Wohnungs- und Häuserpreise gefallen. Viele Immobilienfirmen werfen ihre Objekte nun auf den Markt, auch weil sie keine Kredite mehr bekommen. Sollte sich der Abschwung auf dem Immobilienmarkt verstärken, könnte das böse Folgen haben. Berechnungen von Experten zeigen, dass der Wohnungs- und Häusermarkt insgesamt 20 Prozent zur Wirtschaftsleistung Chinas beiträgt.

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