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Kosten des Geldes Bargeld ist teuer: Sollten wir Münzen und Scheine abschaffen?

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Geprägte Freiheit?

Nach dem Druck werden die Geldscheine auf dem Landweg oder mit dem Flugzeug auf die Notenbanken der 19 Euro-Staaten verteilt. Da der Transport als „sicherheitsrelevant“ eingestuft ist, müssen die Notenbanken den Transport nicht ausschreiben, aber natürlich hohe, von der EZB überprüfte Sicherheitsstandards einhalten. Die Bundesbank muss für ihren Eigenbedarf die Transportkosten tragen, auch für die Verteilung des Geldes in ihre 35 Filialen.

Das lästige Kleingeld dürfte abgeschafft werden
Cent-Münzen Quelle: dpa
Abschaffung aus Platzgründen Quelle: dpa
Zu teure Herstellung Quelle: dapd
Abschaffungsgegner in der Minderheit Quelle: dpa
Bargeld nach wie vor beliebt Quelle: dpa
Männer haben im Schnitt 17 Euro mehr Bargeld im Portemonnaie Quelle: dpa
EC-Karte gewinnt an Bedeutung Quelle: dpa

Für die Münzprägung hingegen sind die nationalen Regierungen zuständig, in Deutschland das Bundesfinanzministerium. Die Bundesbank kauft dem Ministerium die Münzen zum Nennwert ab, die Differenz zwischen Herstellungskosten und Nennwert – die Seigniorage – fließt in die Staatskasse. 2016 waren das 300 Millionen Euro.

Im Privatsektor produziert das Bargeldsystem dagegen nur Kosten. Das fängt mit dem Aufwand für die Geldtransporte an, denn die Banken müssen ihr Bargeld bei der Bundesbank abholen. Das kostet sie laut Steinbeis-Studie 152 Millionen Euro im Jahr. Der Betrieb von Geldautomaten schlägt mit rund 900 Millionen Euro zu Buche. Auch für den Handel ist Bargeld teuer, in den Geschäften muss Geld angeliefert und gelagert werden, müssen Mitarbeiter die Kassen bestücken und Einnahmen zur Bank transportieren.

Was tun, wenn man Falschgeld im Portemonnaie hat?

Doch trotz der Kosten und der Möglichkeit des bequemen bargeldlosen Bezahlens hängen viele Europäer an ihren Scheinen und Münzen. Drei Viertel aller Transaktionen in der Euro-Zone laufen noch immer in bar, heißt es in einer noch unveröffentlichten EZB-Studie. In Deutschland liegt der Anteil sogar bei fast 80 Prozent. „Der ernsthafte Versuch, Bargeld vollständig abzuschaffen, wäre in Deutschland ein Garant für gesellschaftliche Unruhe“, warnt eine aktuelle Studie der Privatbank Berenberg und des Hamburgischen WeltwirtschaftsInstituts. Anfang der Woche sah sich Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, zu einer Treueerklärung veranlasst: „Wenn der Kunde mit Bargeld zahlen möchte, sehen wir es nicht als unsere Aufgabe an, ihn davon abzubringen.“

Bargeld als Terrorhelfer

Auch EZB-Präsident Mario Draghi versichert: „Selbst im digitalen Zeitalter bleibt Bargeld fundamental für unsere Wirtschaft.“ Ganz ungetrübt ist das Bekenntnis der EZB allerdings nicht: Die Notenbank hat entschieden, den 500-Euro-Schein abzuschaffen und druckt ihn ab Ende 2018 nicht mehr nach. Denn das Bargeld gerät nicht nur aus Kostengründen unter Druck, sondern ist mittlerweile auch ein Politikum – der 500er gilt als Lieblingsbanknote von Kriminellen.

Zwölf EU-Länder haben zudem Bargeldzahlungen generell eingeschränkt. Sie wollen damit die Schattenwirtschaft eindämmen und den Terrorismus bekämpfen – eine Strategie, die speziell in Deutschland auf Zweifel stößt. In einer Bürgerumfrage der EU-Kommission, an der sich zu 37 Prozent Deutsche beteiligten, urteilten jüngst 86 Prozent, dass Beschränkungen von Cash-Transaktionen die Terrorfinanzierung nicht stoppen können. Fast 95 Prozent sprachen sich gegen Limits bei der Barbezahlung aus.


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Zumal manche hinter den Attacken aufs Bargeld auch andere politische Motive wittern. Wer bar zahlt, bewahrt sich Privatsphäre; ohne Bargeld wäre er den Macht- und Kontrollfantasien des Staates ausgeliefert. Nicht ohne Grund kam schon der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski Mitte des 19. Jahrhunderts zu dem Schluss: „Geld bedeutet geprägte Freiheit.“ Wissenschaftler wie der US-Ökonom Kenneth Rogoff argumentieren zudem offen, dass die Notenbanken ohne Bargeld schlagkräftiger würden – weil die Bürger möglichen Negativzinsen nicht mehr durch Geldhortung ausweichen könnten.

Die deutschen Banken müssten sich dann allerdings auch etwas Neues überlegen.

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