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Kritik am freien HandelIst der Kapitalismus am Ende?

Unser Wirtschaftssystem gerät unter Druck: Steigende Arbeitslosigkeit und die Angst ums Ersparte in den Industrieländern radikalisieren die Bürger. Zudem sind die Wachstumsmöglichkeiten begrenzt. Was uns nun droht.Tim Rahmann 02.10.2014 - 16:56 Uhr

Metamorphose I

In der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England.

Foto: imago / united archives international

Metamorphose II

Mit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914.

Foto: dpa

Metamorphose III

Im Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen.

Foto: dpa

Ort der Verteilungsgerechtigkeit

Den reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen.

Foto: Gemeinfrei

Ort der Kapitalkonzentration

Der Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft

Foto: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran

Ort der Wachstumsillusion

Wenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren...

Foto: AP

Karl Marx

Für ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt.

Foto: dpa

Milton Friedman

Für ihn war der Geschäftsmann gut, der gute Geschäfte macht.

Foto: AP

Papst Franziskus

Für ihn ist die Ökonomie Tyrannei und Kapitalismus an der Wurzel ungerecht.

Foto: dpa

Uwe Möller, graue Haare, grüner Pullover und ein sympathisches Lächeln, sitzt auf der Couch und redet. Er erzählt von den Reibereien mit seiner Frau, wenn sie mal wieder fröstelt, weil Möller die Raumtemperatur im heimischen Wohnzimmer in Hamburg auf 20 Grad drosselt, um Energiekosten zu sparen. „Ich sage dann: ,Zieh‘ einen Pullover über und schnappe Dir die Decke; ist doch gemütlich!‘“, berichtet der 78-Jährige und grinst schelmisch.

Er spricht von seinen Kindern und Enkelkindern und von den Jungen und Mädchen aus der Dritten Welt, für die er eine Patenschaft übernommen hat. „Ich kann denen leider nicht allen helfen, aber man tut was man kann“, sagt er. Zu Weihnachten wünsche er sich jedenfalls keine Geschenke von seiner Familie, sondern dass auch sie eine Patenschaft übernehmen.

Möller wirkt nachdenklich, dann wird seine Stimme ernster und der gutmütige Familienmensch wird zum strengen Crashpropheten: „Es läuft einiges schief auf der Welt. Wir überstrapazieren unseren Planeten. Das geht nicht mehr lange gut“, sagt Möller, der ehemalige Generalsekretär des wachstumskritischen Club of Rome.

Die Menschen würden die Ressourcen in einem Maße verschlingen, wozu vor allem der nachholende Wohlstandsbedarf der armen Menschenmassen des „Südens“ in den kommenden Jahrzehnten dramatisch beitragen wird, so dass wir eigentlich drei Planeten bräuchten. „Eine Dematerialisierung der Wirtschaft ist daher dringend erforderlich.“ Die Wirtschaft müsse ressourcen-effizienterer Technologien entwickeln und einsetzen. Notwendig wäre auch ein Umdenken der Bürger: weg vom „Turbokapitalismus“ hin zu einer „postmateriellen Gesellschaft“, sagt Möller.

Die wichtigsten Begriffe in der Kapitalismus-Debatte
Unter Geldmenge versteht man den gesamten Bestand an Geld, der in einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht. Die Geldmenge kann durch Geldschöpfung erhöht und durch Geldvernichtung gesenkt werden. In der Volkswirtschaftslehre und von den Zentralbanken werden verschiedene Geldmengenkonzepte unterschieden, die mit einem M, gefolgt von einer Zahl bezeichnet werden. Für M1 und die folgenden Geldmengenaggregate M2 und M3 gilt stets, dass das Geldmengenaggregat mit einer höheren Zahl das mit einer niedrigeren einschließt. Eine niedrigere Zahl bedeutet mehr Nähe zur betrachteten Geldmenge und zu unmittelbaren realwirtschaftlichen Transaktionen. Die Geldbasis M0 stellt die Summe von Bargeldumlauf und Zentralbankgeldbestand der Kreditinstitute dar. Geldvolumen M-1 = Bargeldumlauf ohne Kassenbestände der Banken, aber einschließlich Sichteinlagen inländischer Nichtbanken. M-2 = Geldvolumen M-1 zuzüglich Termingelder inländischer Nichtbanken mit Laufzeiten unter vier Jahren. M-3 = Geldvolumen M-2 zuzüglich Spareinlagen inländischer Nichtbanken mit gesetzlicher Kündigungsfrist.
Die Goldparität ist der fixierte Wert einer Währungseinheit gegenüber dem Goldpreis. Sie entspricht der Menge von Gold in Gramm, die man für eine Währungseinheit erhält. Diese Menge ist im Rahmen eines Goldstandards staatlich oder durch internationale Vereinbarungen festgelegt. Über den Wert des Goldes ist damit der Wert der Währung bestimmt. Bei der Goldparität handelt sich um einen Sonderfall der Wechselkursparität. Ein mögliches Beispiel hierfür ist die Festlegung des Wertes des Dollars im Bretton-Woods-System. Die Goldparität des Dollars besteht jedoch seit Ende der 1960er nicht mehr, da sie durch Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds ersetzt wurde.
Bezeichnung für eine Inflation, bei der die Preise langsam, nahezu unmerklich steigen. Meist wird von schleichender Inflation bei relativ geringen jährlichen Preissteigerungsraten von unter 5 Prozent gesprochen.
In verschiedenen Bedeutungen verwendeter Begriff. Wird häufig den Begriffen Geld oder Vermögen gleichgesetzt. Volkswirtschaftlich einer der drei Produktionsfaktoren neben Arbeit und Boden. Gesamtwert aller Güter, mit denen die Unternehmung arbeitet (Aktivseite der Bilanz). Buchhalterisch die Posten des Gesamtvermögens, die auf der Passivseite der Bilanz ausgewiesen werden. Auch: für Investitionen zur Verfügung stehendes Geld (Geldkapital).
Der Markt ist ein ökonomischer Ort des Tausches, an dem sich durch ein Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage Preise bilden.
Beziffert, welchen Anteil des BIP der Staat und die Sozialversicherungen ausgeben.
Steuern sind Zwangsabgaben, die ein öffentlich-rechtliches Gemeinwesen (der Staat) von Personen oder Unternehmen verlangt, um seinen Finanzbedarf zu decken und seine Aufgaben erfüllen zu können. Steuern sind die Haupteinnahmequelle von Bund, Ländern und Gemeinden. Ein Anspruch auf eine konkrete Gegenleistung besteht nicht. Rechtliche Grundlage für alle Steuern in Deutschland ist die Abgabenordnung (AO). Über Steuern hat der Staat die Möglichkeit, das Verhalten seiner Bürger zu lenken, z.B. kann die Erhöhung der Tabaksteuer oder der Stromsteuer zu einem verminderten Konsum führen. Wenn die persönlichen Verhältnisse von Steuerpflichtigen berücksichtigt werden, handelt es sich um Personen-Steuern, ansonsten um Objekt-Steuern. Artikel 106 im Grundgesetz teilt die Steuern in vier Kategorien ein: Gemeinschaftssteuern (Verbundsteuern), Bundessteuern, Ländersteuern und Gemeindesteuern.

Der Hamburger Ökonom trifft mit seinen Thesen einen Nerv. Das Platzen der Dotcom- sowie der Immobilienblase, die Schulden- und die Eurokrise sowie die Begleiterscheinungen der Globalisierung – Arbeitsplatzverlagerungen, Steuerschlupflöcher, Vermögensverschiebungen – haben Verunsicherung geschaffen und  den Weg in die große Krise des Kapitalismus gesäumt.

Macht ökonomisches Denken eine Gesellschaft ärmer, wie Autor Philip Roscoe behauptet? „Stirbt der Kapitalismus?“, wie Immanuel Wallerstein zusammen mit vier weiteren namhaften Wissenschaftler in einem gleichnamigen Buch fragt oder handelt sich bei dem Satz „Wachstum ist schlecht“ um einen klassischen Wirtschaftsirrtum?

Kapitalismus sorgte zunächst für Wohlstand für alle

„Die Menschen haben seit jeher vom Fliegen geträumt, nicht weniger wie von sozialer Gerechtigkeit“, schreiben Immanuel Wallerstein, Randall Collins, Michael Mann, Georgi Derluguian und Craig Calhoun. Auf beiden Feldern gab es Momente, die Hoffnungen weckten – und Momente, die verzweifeln ließen.

Heißluftballons und Zeppeline stiegen nach Jahrhunderten der Experimente in die Luft, am 6. Mai 1937 fing die „Hindenburg“ Feuer und beendete eine Ära. Der Kapitalismus sorgte in Deutschland ab Mitte der 1950er-Jahre für Wohlstand für alle, VW-Käfer rollten über den Brennerpass. Es kamen die Ölkrise, die deutsche Einheit, die Jahrtausendwende und eine Automatisierungswelle – und ewig stieg die Ungleichheit.

Die Autoren des Buches "Stirbt der Kapitalismus?" - das Buch ist im Campus-Verlag erschienen - sprechen vom Zusammenbruch des Kapitalismus.

Foto: PR

Inzwischen sollen in Deutschland laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband 15,2 Prozent der Deutschen arm sein. In den USA verdienen die Chefs der prominenten Fast-Food-Ketten mehr als 1000 Mal so viel wie die durchschnittlichen Angestellten – und in Schweden, 1996 noch die weltweit am meisten gleichgestellte Gesellschaft, ist die Kluft zwischen Arm und Reich seit 2007 so stark gewachsen, wie nirgendwo sonst.

Der Traum der sozialen Gerechtigkeit „blieb ein Traum“, schlussfolgern die Autoren von „Stirbt der Kapitalismus?“. Die Ergebnisse der vergangenen Jahre seien „mäßig oder schlicht katastrophal“. Eine Trendwende sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: Der Kapitalismus stoße an seine Grenzen, vieles deute auf einen Zusammenbruch hin.

Was macht die EU gegen Jugendarbeitslosigkeit?
Für die sogenannte Jugendgarantie sind sechs Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 einplant. Auf diese EU-Gelder können die Staaten zurückgreifen, um Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten zu einer Arbeit, einer Ausbildungsstelle oder einem Praktikum zu verhelfen. Die EU-Kommission setzt sich dafür ein, dass vorgesehene Fördergelder schneller zum Einsatz kommen und schon in den kommenden beiden Jahren verwendet werden. Allerdings steht die endgültige Einigung auf den Finanzrahmen 2014 bis 2020 der Union noch aus.
Schon 2012 hatten die EU-Staats- und Regierungschefs beschlossen, das Kapital der Hausbank der EU um 10 Milliarden Euro aufzustocken, um sie schlagkräftiger zu machen. EIB-Präsident Werner Hoyer hat nun im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit eine Vorfinanzierung von EU-Initiativen angeboten. „Wir sollten überlegen, das vorzufinanzieren, um rasch Wirkung zu erzielen“, sagte Hoyer der „Welt am Sonntag“.
Die EU verstärkt ihren Kampf gegen die gefährliche Kreditklemme für Mittelständler in südeuropäischen Krisenländern. EU-Kommission und Europäische Investitionsbank (EIB) wollen dafür EU-Töpfe wie Regionalförderung und Forschungsrahmenprogramm mit Geldern der EIB kombinieren, um mehr Bürgschaften zu vergeben.

 

Die Tea-Party-Bewegung, Occuopy Wall Street oder das Erstarken von Rechtspopulisten in Europa: Für Wallerstein sind diese Phänomene Beleg dafür, dass die Menschen erkennen, dass die Zahl der Arbeitsplätze in den Industrieländern schrumpft (nach dem Abbau von Jobs in der Landwirtschaft und Industrie droht ein ähnlicher Abbau durch neue Technologien auch im Verwaltungs- und Dienstleistungssektor), dass sie gleichzeitig aber nicht bereit sind, sich die wachsende Ungleichheit gefallen zu lassen.

Die Folge: Die Bürger radikalisieren sich. Das Hauptproblem jeder Regierung (…) – von den USA bis nach China, von Frankreich bis Russland oder Brasilien (…) – ist heute die Abwendung eines Aufstands von Beschäftigungslosen im Verbund mit den Mittelschichten, die um ihre Ersparnisse und Renten bangen“, sagt Wallerstein.

Staatspleiten sind die Regel
Jahr der Unabhängigkeit: 1816Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.
Jahr der Unabhängigkeit: 1901Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1822Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9
Jahr der Unabhängigkeit: 1618Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1917Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 943Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1829Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5
Jahr der Unabhängigkeit: 1066Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1569Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1
Jahr der Unabhängigkeit: 1819Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7
Jahr der Unabhängigkeit: 1821Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8
Jahr der Unabhängigkeit: 1581Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1
Jahr der Unabhängigkeit: 1581Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1282Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7
Jahr der Unabhängigkeit: 1139Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3
Jahr der Unabhängigkeit: 1457Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5
Jahr der Unabhängigkeit: 1523Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1476Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13
Jahr der Unabhängigkeit: 1453Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6
Jahr der Unabhängigkeit: 1783Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine
Jahr der Unabhängigkeit: 1830Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 ProzentZahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

Ist da was dran? Auf den ersten Blick hört sich die These gewagt an. Wer kann sich schon vorstellen, dass ein Mob durch Düsseldorf, Hamburg, München oder Berlin zieht und die Regierung oder gar das System stürzt? Gleichwohl stimmt der Eindruck, dass sich immer mehr Menschen von der Politik abwenden.

Nur noch die Hälfte der Menschen geht zu Landtags- oder Kommunalwahlen in Deutschland, in Frankreich kommt der rechtspopulistische Front National, der gegen Freihandel und für Grenzen ist, bei Abstimmungen den Konservativen und Sozialisten immer näher, teilweise ist der FN bei Wahlen schon stärkste Kraft. 

Schulden gefährden die Wirtschaft

Dieser Trend wird weitergehen, glaubt Immanuel Wallerstein. Vor allem, da die Welt eine strukturelle Krise habe und der Reichtum der Industrieländer schwinde. Bisher sei das Wachstum der führenden Wirtschaftsmächte durch den Zweiten Weltkrieg, den Zusammenbruch des Kommunismus und durch immer neue Verschuldungsorgien zustande gekommen. Inzwischen aber seien die westlichen Märkte gesättigt und würden altern.

Zudem sei die Schuldenlast so hoch, dass ein Großteil des geborgten Geldes nicht mehr in die Wirtschaft oder ins Portemonnaie der Bürger gehen, sondern für die Rückzahlung von Zinsen auf alten Krediten verwendet werden muss.

Hinzu kommt: „Der Aufstieg der Schwellenländer vergrößerte die Zahl der Teilhaber am globalen Mehrwertkuchen“, sagt Wallerstein. Immer mehr Volkswirtschaften müssen sich den Markt teilen.

Professor Henrik Müller räumt in seinem Buch "Wirtschaftsirrtümer - 50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten" mit dem Mythos auf, dass Stagnation ein Segen sei.

Foto: PR

Es gäbe inzwischen acht bis zehn Machtzentren, die stark genug sind, um mit den anderen Wirtschaftsgrößen autonom verhandeln zu können. Das Problem: Jede Nation sei darauf bedacht, seinen Vorteil durchzusetzen, zur Not auch in einem Währungs- oder Handelskrieg. „Eine Reaktion [auf die aufkeimende Unzufriedenheit der Bürger] bestand darin, dass alle Regierungen protektionistisch wurden, was sie zugleich vehement dementierten“, schreibt Wallerstein.

Zu sehen ist dies bei den Verhandlungen um das transatlantische Freihandelsabkommen. Sowohl die USA als auch Europa wollen sich für den anderen Markt öffnen – doch die Verhandlungen stocken, da beide Parteien unterschiedliche Interessen haben, abgestimmt auf die eigene Volkswirtschaft. „Das System blockiert sich immer mehr selbst“, schlussfolgert Wallerstein. „Das verschärft wiederum die Ängste und Verirrungen in der Bevölkerung. Es ist ein Teufelskreis.“

Wie Carsharing in Großstädten funktioniert und was es kostet
Anbieter: DaimlerStädte: Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart, Düsseldorf, München, Ulm und Neu-UlmNutzer: 170.000Autos: 3300Automodelle: SmartFixkosten: Anmeldung 19 Euro (30 Minuten Fahrtguthaben)Reservierung eines Autos: 30 Minuten vor Fahrt möglich; kostenfreiFahrtkosten pro Minute: 0,29 Euro (eine Stunde maximal 14,90 Euro)Parkkosten pro Minute¹: 0,19 EuroKosten pro Kilometer: 50 Kilometer inklusive, dann 0,29 EuroKosten Kurzfahrt²: 3,48 EuroKosten Stadtfahrt³: 18,30 EuroVersicherung: Haftpflicht und Vollkaskoversichert inklusive (Selbstbehalt 500 Euro)Anmeldung (Internet): car2go.com ¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parkenQuelle: unternehmen, eigene Recherche
Anbieter: BMW und SixtStädte: Berlin, München, Köln, Düsseldorf, Hamburg, Wien, San FranciscoNutzer: über 350.000Autos: 2950Automodelle: BMW 1er, BMW X1, BMW ActiveE, MINI, MINI Cabrio, MINI Clubman, MINI CountrymanFixkosten: Anmeldung 29 Euro (derzeit 19 Euro mit 30 Minuten Fahrtguthaben)Reservierung eines Autos: 2x15 Minuten vor Fahrt kostenfrei möglichFahrtkosten pro Minute: 0,31 Euro; BMW X1 und Mini Cabrio (01.04.-31.10.): 0,34 Euro; günstigere Preise ab 0,24 Euro je Minute in Spar-Paketen möglichParkkosten pro Minute¹: 0,15 Euro (Montags bis Freitags 0:00 bis 6:00 Uhr kostenfrei)Kosten pro Kilometer: inklusive bis 200 km, je Mehrkilometer 29 CentKosten Kurzfahrt²: 3,72 EuroKosten Stadtfahrt³: 17,75 EuroVersicherung: Haftpflicht und Kaskoversicherung inklusive (Selbstbehalt bei selbstverursachten Unfällen maximal 750 Euro; kann gegen gebühr reduziert werden)Anmeldung (Internet): de.drive-now.com ¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parkenQuelle: Unternehmen
Anbieter: CitroenStädte: BerlinNutzer: 3700Autos: 350Automodelle: Citroen C-Zero ElektroautoFixkosten: Anmeldung 9,90 Euro (30 Minuten Fahrtguthaben)Reservierung eines Autos: 15 Minuten vor Fahrt möglich; kostenfreiFahrtkosten pro Minute: 0,28 Euro (günstigere Preise ab 0,20 Euro je Minute in Prepaid-Modellen möglich)Parkkosten pro Minute¹: wie FahrtkostenKosten pro Kilometer: Kilometer unbegrenzt inklusiveKosten Kurzfahrt²: 3,36 EuroKosten Stadtfahrt³: 18,20 EuroVersicherung: Haftpflicht und Teil- und Vollkaskoversichert inklusive (Selbstbehalt 500 Euro)Anmeldung (Internet): multicity-carsharing.de ¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parkenQuelle: unternehmen, eigene Recherche
Anbieter: Stadtmobil*Städte: MannheimNutzer: 5700Autos: 30Automodelle: Opel AdamFixkosten: Anmeldung 60 Euro, 5 Euro Grundgebühr pro Monat , 24 Euro Vereinsbeitrag pro JahrReservierung eines Autos: 15 Minuten vor Fahrt möglich; kostenfrei bei FahrtantrittFahrtkosten pro Minute: 0,07 Euro (eine Stunde maximal 1,70 Euro)Parkkosten pro Minute¹: wie FahrtkostenKosten pro Kilometer: 0,23 Euro (ab 101. Kilometer 0,19 Euro)Kosten Kurzfahrt²: 1,99 EuroKosten Stadtfahrt³: 6,65 EuroVersicherung: Haftpflicht und Vollkaskoversichert inklusive (Selbstbehalt maximal 900 Euro pro Schadensfall, kann gegen Gebühr reduziert werden)Anmeldung (Internet): joecar.de *nur bezogen auf flexibles Carsharing, unabhängig von festen Stationen. Kunden können zusätzlich das stationäre Angebot mit deutlich mehr Fahrzeugen nutzen¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parkenQuelle: unternehmen, eigene Recherche
Anbieter: Stadtmobil*Städte: HannoverNutzer: 4900Autos: 30Automodelle: Fiat 500Fixkosten: Anmeldung 29 Euro, 10 Euro Grundgebühr pro MonatReservierung eines Autos: 60 Minuten vor Fahrt möglich; kostenfrei bei FahrtantrittFahrtkosten pro Minute: 0,05 Euro (eine Stunde maximal 2,10 Euro)Parkkosten pro Minute¹: wie FahrtkostenKosten pro Kilometer: 0,23 Euro (ab 101. Kilometer 0,20 Euro)Kosten Kurzfahrt²: 1,75 EuroKosten Stadtfahrt³: 6,95 EuroVersicherung: Haftpflicht und Vollkaskoversichert inklusive (Selbstbehalt maximal 900 Euro pro Schadensfall, kann gegen Gebühr reduziert werden)Anmeldung (Internet): hannover.stadtmobil.de *nur bezogen auf flexibles Carsharing, unabhängig von festen Stationen. Kunden können zusätzlich das stationäre Angebot mit deutlich mehr Fahrzeugen nutzen¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parkenQuelle: unternehmen, eigene Recherche

Ist die Ära der Wohlstandszuwächse vorbei, wie neben Wallerstein auch der französische Senkrechtstartet Thomas Piketty, Nobelpreisträger Paul Krugmann oder der frühere US-Finanzminister Larry Summers glauben? Alles ein Irrtum, sagt Henrik Müller. Zwar sei derzeit die Wirtschaftsdynamik erlahmt und die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten hoch, aber Hoffnung auf einen Erhalt des Wohlstands bestehe durchaus.

Denn: „Die Neugier erlahmt nicht“, so der Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund in seinem neuen Buch "Wirtschaftsirrtümer - 50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten" (Campus-Verlag). „Neues zu entdecken und zu erfinden ist eine menschliche Grundeigenschaft – und die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse. Warum sie plötzlich, nach Millionen Jahren Menschwerdung, versiegen sollten, ist nicht plausibel.“

Der Zugang zu Bildung, Wissen und Informationen sei noch nie so leicht gewesen wie heute. Zudem müssten sich die Menschen, anders als früher, keine Sorgen mehr um die Grundbedürfnisse machen. Die Bedingungen für Kreativität und daraus entstehend Produktivität seien so gut wie nie.

Politik und Gesellschaft sollten alles tun, um weiterhin Wachstum zu ermöglichen. Die Antwort auf die aktuellen und – wie oben geschildert – künftigen Probleme sei nicht, für ökonomischen Stillstand zu plädieren. Wachstum sei ein großes Projekt, da es Gesundheit, Wohlstand und Freiheit ermögliche. Dieses Wachstum aber müsse nachhaltig sein. „Die Zerstörung der Umwelt, die Gesundheit, Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bürger – all diese Fragen sind an den reinen BIP-Zahlen nicht ablesbar“, sagt Henrik Müller. „Wachstum um jeden Preis kann und sollte nicht der Maßstab für ökonomischen Erfolg sein.“

Wachstum mit Verstand

Die Entwicklung von Energietechnologien, die unabhängig von den natürlichen Ressourcen sind, ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ökosystemen oder die Weiterentwicklung von Infrastruktur und Institutionen, die Metropolen mit über zehn Millionen Menschen zivilisiert bewohnbar machen, seien Großprojekte, die Lösungen bedürfen. Und gleichzeitig Wachstumschancen bieten, so Müller.

Wachsen mit Verstand. Auf diese Formel kann sich auch Uwe Möller vom Club of Rome einigen. „Ich hoffe nicht auf den Tod des Kapitalismus, ich hoffe aber auf eine Neuinterpretation des Systems“, sagt er. Nachhaltiges Wachstum müsse das Ziel sein. Umso mehr freue sich Möller, dass die „Kids nicht mehr bereit sind, 20.000 Euro für ein Auto hinzulegen, das sie nur am Wochenende nutzen“. Car-Sharing, die Wiederverwertbarkeit von Gegenständen, die Energiewende und lokales Einkaufen seien Schritte in die richtige Richtung.

Doch wie nachhaltig lebt Möller selbst? „Ich kaufe bei einem kleinen türkischen „Supermarkt“ um die Ecke ein“, sagt Möller. Das sei weniger anonym und netter. Im Internet kaufe er nicht ein. Er wolle nicht, dass die Produkte einmal um den Globus geschickt werden. Sein Auto habe er abgemeldet, stattdessen fahre er Bahn. Urlaub mache er am liebsten in Deutschland. Ob er auf etwas verzichtet? „Nö“, sagt Möller lapidar und setzt sein freundliches Lächeln auf. „Wieso denn?“.

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