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Kurzarbeit Angst vor der Entlassungswelle

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85 Prozent der Zulieferer und Quelle: dpa

Tristesse auch in der Autobranche. Weitere 75.000 bis 100.000 Arbeitsplätze werden bis zum Jahr 2011 wegfallen, schätzt Stefan Bratzel, Automobilexperte an der Fachhochschule für die Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Alle großen Autobauer und rund 85 Prozent der Zulieferer fahren Kurzarbeiterschichten.

Die Kurzarbeit wirkt für die Branche ähnlich wie die Abwrackprämie als eine Art Beruhigungsmittel. Die rettende Medizin dagegen wäre bitter: Strukturelle Anpassungen werden bald folgen müssen, prophezeien Beobachter wie Vinzenz Schwegmann von der Unternehmensberatung Alix Partners. Die Branchenumsätze liegen nach seinen Schätzungen in diesem Jahr rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2007. Im Jahr 2011, wenn die Kurzarbeit ausläuft und die Abwrackprämie aus den Büchern verschwunden ist, werde das Minus noch 10 bis 15 Prozent betragen.

Bei den Autozulieferern musste schon jeder zehnte Beschäftigte seine Sachen packen – auch weil zahlreiche Unternehmen Insolvenz anmeldeten. Im ersten Halbjahr gaben 40 der 1000 deutschen Zulieferbetriebe auf, 20 000 Mitarbeiter verloren den Job. Bis zum Jahresende, schätzen die Alix-Berater, könnte sich die Zahl der Pleitebetriebe noch einmal verdoppeln.

Kosten für Arbeitslosigkeit steigen 2010 um 30 Milliarden Euro

Wohl dem, dessen Unternehmen genug Eigenkapital angehäuft hat. Wohl dem, der jetzt nicht mit den Banken verhandeln muss. Viele Unternehmer klagen, dass auf die Geldhäuser in der Krise kein Verlass sei. Für die Institute zählten vor allem die Köpfe auf der Gehaltsliste. Sind es zu viele, und ist die Auftragslage zu schlecht, gibt es kein Geld. Den Unternehmern bleibt dann nichts anderes übrig, als die einen zu entlassen, um die anderen zu retten.

Und manchmal reicht nicht mal das. „Das Ausscheiden vieler Betriebe aus dem Markt wird in erheblichem Umfang zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führen“, sagt ein Arbeitsmarktexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte. Kurzarbeit helfe nicht: „Diese Krise ist nicht mehr in den Griff zu kriegen.“ Die Durchhalteparolen aus Berlin seien verbale Tranquilizer, um vor der Bundestagswahl eine deprimierende Debatte über die künftigen Lasten der Arbeitslosigkeit einzuschläfern.

Doch die lässt sich nicht wegreden. Vergangene Woche sickerte durch, dass die steigende Arbeitslosigkeit und die wachsende Zahl der Hartz-IV-Empfänger bis 2013 zusätzliche 100 Milliarden Euro kosten werden. Der künftige Bundesfinanzminister – wer immer das auch sein mag – ist nicht zu beneiden. Allein für die Kosten der Arbeitslosigkeit wird er im nächsten Jahr 30 Milliarden Euro mehr veranschlagen müssen als geplant, berichtete das „Handelsblatt“.

Rasche Erholung nicht in Sicht

Die Bundesagentur für Arbeit wird schon am Jahresende ihre Rücklagen aufgebraucht haben und im nächsten Jahr Bundeszuschüsse benötigen. Die Nürnberger Behörde muss allein für Kurzarbeit fünf Milliarden Euro auszahlen, drei Milliarden mehr als noch im Februar veranschlagt. Das Absenken des Beitragssatzes der Arbeits- » losenversicherung führt die BA in der Krise schnurstracks in die Miesen.

Und da kommt sie so schnell nicht mehr heraus. Eine rasche Erholung am Arbeitsmarkt ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Krise könnte sich auf gesunde Branchen ausweiten, wenn die Binnennachfrage wegen der Arbeitslosigkeit sinkt. Weitere Stellen wären dann bedroht.

Selbst wenn der Export bald wieder ein akzeptables Niveau erreichen sollte, gilt das Gesetz der Trägheit des Arbeitsmarktes. Was im Abschwung dämpft, wird im Aufschwung zur Qual. Arbeitsmarktforscher Walwei rechnet schon mit „jobless growth“, einem Wachstum ohne neue Stellen. Die Unternehmen würden bei steigenden Aufträgen zunächst ihre verbliebene Mannschaft besser auslasten. Erst wenn alle bis zum Anschlag arbeiteten, gebe es neue Jobs. „Diese Übergangsphase“, sagt Walwei, „kann gut und gerne ein Jahr dauern.“

Krise würfelt Arbeitsmarkt durcheinander

Diese Krise wirbelt den Arbeitsmarkt kräftig durcheinander, ein Trend aber setzt sich fort: der Fachkräftemangel. Immer noch haben Unternehmen Probleme, die richtigen Mitarbeiter zu rekrutieren. In der ifo-Umfrage teilten 38 Prozent der Manager mit, sie fänden trotz Krise keine geeigneten Fachkräfte. Allein Siemens kann bundesweit 1500 Stellen nicht besetzen.

Der schwäbische Werkzeugmaschinenbauer Hermle will deshalb ohne Entlassungen klarkommen, obschon die Aufträge bis einschließlich Mai um 74 Prozent zurückgegangen sind. Einen großen Teil der 790 Beschäftigten schickte Firmenchef Dietmar Hermle in die Kurzarbeit. Der Unternehmer hat schon in früheren Krisen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen Mitarbeiter halten können und „im folgenden Aufschwung davon profitiert“.

Wie Hermle denken viele Unternehmer, gerade in der Maschinenbaubranche: 76 Prozent der Betriebe wollen ihre Ingenieure halten, 16 Prozent wollen sogar neue einstellen.

Vielleicht huscht ja deshalb ein Hoffnungsschimmer über die Krisen-Hochburg Iserlohn. Jennifer Kompas, die Kurzarbeitsverwalterin in der Arbeitsagentur, freut sich über eine überraschende neue Zahl: Im Juni haben die Unternehmen im Bezirk 134 offene Stellen gemeldet, 27 Prozent mehr als im Vormonat. 134 neue Stellen für 61.000 Kurzarbeiter und Arbeitslose – diese Krise macht bescheiden.

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