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Löhne XXL-Aufschwung geht an Bürgern vorbei

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Heisser Herbst

Wer am meisten zulangt

Die Gewerkschaften stecken in einem strategischen Dilemma. Schon seit Längerem sind sie im Vergleich zu ihren Kollegen in anderen EU-Staaten auf einen – von Ausnahmen abgesehen – moderaten Kurs eingeschwenkt. Die IG Metall etwa gab sich Anfang 2010, als der Aufschwung noch wacklig war, mit einer Einmalzahlung zufrieden und akzeptierte einen über 23 Monate laufenden Tarifvertrag, der die Lohnerhöhung für 2011 – 2,7 Prozent – bereits festschrieb. Auch andere Gewerkschaften hielten sich zurück. Die Unternehmen dankten es mit Jobs: Während der Wirtschaftskrise war Deutschland das einzige EU-Land, in dem die Arbeitslosenzahlen nicht nach oben schossen.

Doch dürften die Gewerkschaften diesen Kurs nicht mehr lange durchhalten. Sicherer Job hin oder her – viele Arbeitnehmer wollen sich endlich mehr leisten können. „Die Gewerkschaften müssen Verteilungsfragen wieder stärker in den Mittelpunkt der Tarifpolitik stellen“, sagt Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie.

Die bisherigen Tarifabschlüsse 2011 sind zwar bereits höher als in den Vorjahren. Die Beschäftigten der Textil- und Bekleidungsindustrie etwa erhalten 3,6 Prozent mehr Geld, am Bau steigen die Löhne um 3,0 Prozent im Westen und 3,4 Prozent im Osten. Die Chemieindustrie ist mit 4,1 Prozent dabei. Doch da die alten (niedrigeren) Verträge noch nachwirken, sind die Zuwächse aufs Jahr gerechnet deutlich geringer – inflationsbereinigt fast null.

Lohnforderungen von sechs Prozent möglich

2012 drohen in Deutschland daher die härtesten Tarifkämpfe seit Jahren. Vor allem in der Metall- und Elektroindustrie dürfte es heiß hergehen; dort läuft Ende März der Lohntarifvertrag für die 3,4 Millionen Beschäftigten aus. „Der Druck auf die Lohnzahl wird extrem hoch sein, sollte die wirtschaftliche Entwicklung so weitergehen“, sagt Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg. Experten halten eine Lohnforderung von über sechs Prozent für möglich.

Dann könnten auch ganz neue Themen auf die tarifpolitische Agenda kommen. So will der einflussreiche NRW-Bezirkschef der IG Metall, Oliver Burkhard, die Brutto-Netto-Schere bei den Beschäftigten auf ganz spezielle Art angehen. Der Metaller aus Düsseldorf, der als potenzieller Nachfolger von IG-Metall-Chef Berthold Huber gilt, fordert eine Art Sozial-Soli der Arbeitgeber. Künftig, so Burkhard, müsse die traditionelle Lohnformel, nach der sich Tariferhöhungen an Inflationsrate und Produktivitätszuwachs orientieren, um eine sozialpolitische Komponente erweitert werden, um Belastungen der Arbeitnehmer durch steigende Sozialabgaben abzufedern. IG-Metall-Chef Huber lehnt das zwar noch ab, der Vorstoß könnte gleichwohl auf die Agenda kommen, wenn die größte deutsche Gewerkschaft auf ihrem Kongress im Herbst die politischen Leitlinien für die kommenden Jahre festzurrt.

Ein Rückfall in alte Tarifrituale würde die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen – und die bürgerliche Bundesregierung wäre daran mitschuldig. Sie hat nichts getan, das leistungsfeindliche Steuersystem zu reformieren und die Arbeitnehmer so stärker am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen.

Bürgerliche Wirtschaftspolitiker raufen sich denn auch die Haare. Der Kampf gegen die kalte Progression wäre „für die Union eine große Chance, sich gegen linke Parteien zu profilieren“, wirbt CDU-Mittelständler Schlarmann. Doch viel Hoffnung hat er nicht. „Solange die Gesellschaft ruhig bleibt, wird sich kein Politiker bewegen.“

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