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Ludwig von Mises Der unbeugsame Visionär

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Kompromisslose Haltung

Ludwig von Mises Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA

Mises’ Ideen prägten das Denken vieler seiner Schüler. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Mises als Artillerieoffizier an der Front kämpfte, nahm er 1918 seinen Dienst in der Handelskammer wieder auf und hielt als außerordentlicher Professor Vorlesungen an der Universität Wien ab.

Von 1920 bis 1934 hielt er in seinem Büro in der Handelskammer jeden zweiten Freitag ein Privatseminar ab. Zu den Teilnehmern zählten berühmte Ökonomen wie Friedrich August von Hayek, Gottfried von Haberler und Oskar Morgenstern, der spätere Begründer der Spieltheorie. Nach mehrstündiger Diskussion in Mises’ Büro setzten die Teilnehmer ihre Debatten regelmäßig in einem Restaurant fort und zogen nachts weiter in ein nahes Cafe, um über Ökonomie zu diskutieren.

Mises hoffte damals auf eine feste, voll bezahlte Professorenstelle in Wien. Doch dazu kam es nie, was seine Freunde und Schüler auf drei Faktoren zurückführten: Erstens war Mises vom Laissez-faire-Ideal des Liberalismus überzeugt zu einer Zeit, in der Sozialismus und Faschismus auf dem Vormarsch waren. Zweitens war er unbeugsam in seiner liberalen Haltung. Drittens war er Jude, was die Karriere im zunehmend antisemitischen Österreich erschwerte. Hayek meinte, die Berufungskommission hätte über zwei der drei Punkte hinweggesehen, „aber nie über alle drei“.

Gegen den Zeitgeist, für freie Märkte

Mises’ kompromisslose Haltung spiegelt sich auch in seinem zweiten großen Werk „Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus“ von 1922 wider, einer schonungslosen Analyse planwirtschaftlicher Systeme. Mises argumentierte, dass der Sozialismus zwangsläufig scheitern müsse, weil er auf staatlichem Zwang statt auf freiwilligem Austausch auf Märkten beruht. Weil die Preise von Behörden festgelegt sind, spiegeln sie nicht die tatsächlichen Knappheiten wider und sind zur Kalkulation von Kosten und Renditen ungeeignet. Die Folge sind Fehlallokationen und wirtschaftlicher Niedergang.

Das Werk schlug ein wie eine Bombe. Euphorisiert von der russischen Oktoberrevolution hatten viele junge Intellektuelle nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den Sozialismus als Weg in eine bessere Zukunft betrachtet. „Dann kam dieses Buch“, sagte später Friedrich Hayek, damals selbst noch ein Anhänger sozialistischer Ideen. Auch die Anhänger eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus rüttelte Mises aus ihren Träumen. In seiner „Kritik des Interventionismus“ zeigte er, dass staatliche Eingriffe in den Markt keine Probleme lösen, sondern neue schaffen, auf die der Staat mit immer weiteren Interventionen reagiert. Der Dirigismus führt am Ende in den Sozialismus. Für Mises ist daher der Kapitalismus die einzig richtige Wirtschaftsform für eine freie Gesellschaft.

Mises’ Streitschriften gegen den überbordenden Staat gaben der Österreichischen Schule ihre entscheidende Prägung als marktliberale Lehre. Da er sich damals gegen den Zeitgeist für freie Märkte in die Bresche warf, galt er vielen Zeitgenossen als „letzter Ritter des Liberalismus“. Dass dabei zuweilen sein aufbrausender Charakter mit ihm durchging, bekamen auch liberale Zeitgenossen zu spüren. Auf einer Sitzung der liberalen Mont-Pelerin-Gesellschaft, zu deren Mitgründern Mises zählte, sprang er einmal auf und stürmte mit den Worten „Ihr seid alle ein Haufen Sozialisten“ aus dem Saal.

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