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Maschinenbau Nutznießer China

Der deutsche Maschinenbau schlägt Alarm: Jetzt sind es die Russen selber, die Aufträge stornieren, weil sie weitere Sanktionen fürchten.

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Reinhold Festge Quelle: dpa

„Aufträge aus Russland liegen bei uns derzeit auf Eis“, sagt Anton Müller, Chef des mittelständischen Maschinenbauunternehmens SHW aus Aalen-Wasseralfingen am nordöstlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb. Der Hersteller von Werkzeugmaschinen, Pumpen und Motorenkomponenten für Radlader, Kräne und Traktoren mit einem Umsatz von 365 Millionen Euro blickt auf eine mehr als 600 Jahre währende Geschichte zurück. 1365 als Schmiede- und Handelsbetrieb für Rohstoffe gegründet, ist SHW nun schon seit Jahrhunderten im Russlandgeschäft tätig, einst mit dem Import von Rohstoffen, heutzutage mit dem Export von Einbauteilen, die sowohl für zivile wie für militärische Zwecke geeignet sind. Und genau das ist das Problem.

Weil die russischen Auftraggeber fürchten, Lieferungen aus Deutschland könnten wegen der europäischen Wirtschaftssanktionen gegen Russland dort nicht mehr ankommen, erteilen sie Aufträge nur noch äußerst zögerlich. So hängen bei SHW Aufträge in Höhe von zehn Millionen Euro zurzeit im luftleeren Raum, sagt Müller. Projekte mit einem Wert von weiteren 15 Millionen Euro werden zurzeit von russischer Seite „nicht vorangetrieben“, weil Sanktionen befürchtet werden.

„Gebt den Deutschen nicht mehr so viel Aufträge, gebt sie woanders hin.“ So beschrieb jüngst der Präsident des deutschen Maschinenbauverbandes VDMA, Reinhold Festge, die Haltung in Moskau. Im Klartext: Die Embargopolitik richtet sich inzwischen auch gegen deutsche Unternehmen – und zwar selbst dann, wenn sie von Sanktionen noch nicht direkt betroffen sind. „Die Russen stornieren“, klagt der Chef eines Maschinenbauers aus Ostwestfalen.

Die Sanktionen der EU und USA gegen Russland

Viertwichtigster Exportmarkt Russland

Russland ist mit einem Handelsvolumen in Höhe von 7,8 Milliarden Euro der viertwichtigste Exportmarkt des deutschen Maschinenbaus. Nach Angaben des Branchenverbandes VDMA ist der Export nach Russland bis Ende Mai um 20 Prozent gesunken. Und das ist erst der Anfang. Hans Naumann, Chef der deutsch-amerikanischen Werkzeugmaschinengruppe Niles-Simmons, Hersteller von Bahntechnik aus Chemnitz, sagt: „Der Wegfall des russischen Marktes ist für die deutsche Industrie außerordentlich kritisch.“

Niles-Simmons betreibt in Moskau, Nishny Novgorod und Jekatarinenburg eigene Verkaufsbüros. Zu konkreten Zahlen will sich Naumann nicht äußern, aber er sieht sein Geschäft mit Eisenbahnreparaturwerkstätten auf der Kippe. Pro Werkstatt ist ein Auftragsvolumen in Höhe von gut 30 Millionen Euro in Gefahr.

Geplante neue EU-Sanktionen gegen Russland

Konkurrenz aus der EU

„Die Russen würden uns die Maschinen ja gerne abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch ausgeführt werden können“, beschreibt VDMA-Präsident Festge das Russlandproblem des Mittelstandes. Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), sagt, dass „russische Betriebe zum Teil die Kundenbeziehungen zu ihren deutschen Partnern selbst beenden. Diese Tendenz hat sich in den vergangenen zwei Wochen noch verschlimmert.“

Stark gebeutelt von der Krise wird auch die deutsche Elektrotechnik-Industrie. Im Mai brachen die Ausfuhren nach Russland um nahezu ein Fünftel ein.

Die Russen bestellen mittlerweile woanders, beispielsweise in China, sagt ein deutscher Mittelständler. Was Branchenvertreter besonders wurmt: Zum Teil weichen die Russen auch auf italienische und spanische Konkurrenten aus. In diesen Ländern seien die Ausfuhrkontrollen „viel laxer als in Deutschland“, wo mal wieder nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgegangen werde. „Wenn schon EU-Sanktionen, dann bitte für alle“, fordert der Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens. „Wir leiden sehr unter der Russland-Krise“, klagt der Geschäftsführer eines sächsischen Apparatebauers für Chemie- und Petrochemieanlagen. Schon zwei Großaufträge hat das Unternehmen verloren, obwohl „wir das günstigste Angebot unterbreitet haben“. Grund: „Der russische Kunde hatte Angst vor einem Embargo und will nun in Asien bestellen.“

Sanktionen

Hans Naumann aus Chemnitz sagt es aus der Sicht eines Deutsch-Amerikaners mit leicht sächselndem Tonfall. „Andere Nationen, die die Methoden des Kalten Krieges nicht beachten, werden sofort in die Startlöcher springen und der russischen Industrie mit Erfolg ihre Produkte anbieten. Damit wird ein von Deutschland langfristig erarbeitetes Maschinen-Verkaufspotenzial auf andere Länder übergehen und die dominierende Marktstellung Deutschlands und die Zuneigung der russischen Kunden für deutsche Qualitätsprodukte eingebüßt.“

Angst vor der Verschärfung von weiteren Sanktionen beherrscht den deutschen Mittelstand. Peter Fenkl, Chef von Ziel-Abegg, Hersteller von Ventilatoren aus dem schwäbischen Künzelsau, sieht für die Zukunft seines Russlandgeschäfts schwarz. „Sollte die Politik den Handel mit Russland quasi ganz verbieten, dann werden sich unsere Kunden gezwungenermaßen neue Lieferanten außerhalb der EU suchen. Und die Hersteller aus Asien werden dankbar einspringen.“ Entwarnung dagegen kommt von Stihl aus Waiblingen: „Russland ist ein bedeutender Absatzmarkt für uns. Für unsere Motorsägen bestehen keine Lieferverbote.“

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

Mittelständische Zulieferer

Dagegen müssen die mittelständischen Zulieferer für den russischen Automobilsektor um ihr Geschäft bangen. Die meisten dieser Unternehmen haben sich rund um das Volkswagen-Werk in Kaluga, rund 200 Kilometer südwestlich von Moskau, angesiedelt. Die Unterbrechung des Nachschubs „kann langfristig zu einem Flaschenhals in den lokalen Zulieferstrukturen führen“, warnt Felix Kuhnert, Leiter Automotive des Beratungshauses PricewaterhouseCoopers (PwC).

Der schwäbische Lackieranlagenbauer Dürr hat das VW-Werk in Kaluga mit Lackieranlagen ausgerüstet. Bei Dürr sieht man die Situation zwar noch gelassen, rechnet aber mit einem Schwund von Aufträgen in Höhe von gut zehn Millionen Euro. „Ein Rückgang der Automobilindustrie in Russland bedeutet für uns einen kleineren Markt“, heißt es bei Dürr. Viele Projekte werden zurzeit nicht vergeben. Das hinterlässt nicht nur im deutschen Mittelstand, sondern in der gesamten russischen Automobilwirtschaft Spuren. „Eine Struktur mit mittelständischen Zulieferbetrieben wie hier in Deutschland, entsteht in Russland gerade erst“, sagt Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach bei Köln. Einzig Theo Freye, Chef des Landmaschinenherstellers Claas, zeigt sich unbesorgt von der Russlandkrise: „Wir setzen die umfangreiche Produktionserweiterung in Krasnodar fort.“

Konjunktur



Maschinenbauer

Aber nicht nur in Russland machen die mittelständischen Maschinenbauer neue Erfahrungen – auch in Deutschland tauchen neue Probleme auf. Beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) liegen Exportanträge auf Halde, die Bearbeitung stockt. Denn die Bafa hat nach Schilderungen von Mittelständlern die Ausfuhrgenehmigungen für Russland de facto an das Bundeswirtschaftsministerium abgeben müssen.

Nach den Angaben von Rüdiger Kapitza, Vorstandschef des Werkzeugmaschinenbauers DMG Mori Seiki, muss mit einer Bearbeitungszeit von drei bis vier Monaten gerechnet werden. Früher gab es innerhalb von drei Wochen grünes Licht. Unisono sollen die inoffiziellen Auskünfte des Ministeriums nach den gestressten Schilderungen der Maschinenbauer folgendermaßen lauten: Wenn Sie eine Antwort über die Zwischenstände der Ausfuhrprüfung haben wollen, dann bekommen Sie eine negative Antwort. Warten Sie lieber sechs Monate ab.

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