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Medienkritik Wirtschaftsjournalisten auf dem Wachstumstrip

Immer noch dreht sich im Wirtschaftsjournalismus fast alles um das BIP und dessen Wachstum. Die Wurzeln dieses überlebten Fetischismus liegen in den Krisen und Kriegen des 20. Jahrhunderts.

Wirtschaftsjournalismus Quelle: Getty Images

Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, aber es gab eine Zeit, da war Wirtschaftswachstum kein großes Thema für Journalisten. Im „Spiegel“ taucht der Begriff vor 1963, als die deutsche Volkswirtschaft noch Zuwachsraten von mehr als zehn Prozent zu verzeichnen hatte, erst gar nicht auf.
Und auch in anderen Medien war trotz enormen Wachstums viel seltener davon die Rede als heute angesichts deutlich geringerer Raten. Sucht man etwa im Archiv der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nach den Begriffen „Wachstum“ und „Wirtschaft“, erhält man für die Fünfzigerjahre gerade einmal 669 Treffer. Zum Vergleich: Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sind es rund 31.000.

Das Interesse der Medien am Thema Wirtschaftswachstum ist also fast exponentiell gestiegen, während die tatsächlichen Wachstumsraten immer geringer wurden. Wachstum ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Paradigma avanciert, zu einem Leitwert, an dem sich nicht nur der wirtschaftliche Erfolg eines Landes, sondern auch der politische Erfolg einer Regierung bemisst. Kein Politiker muss erklären, warum er sich für „mehr Wachstum“ einsetzt, kein Journalist begründen, warum er vor ausbleibendem Wachstum warnt. Es versteht sich von selbst: Wachstum ist zum kleinsten gemeinsamen Nenner geworden, an ihm zu zweifeln, käme einer Umwertung aller Werte gleich.

Wirtschaftswachstum real und rhetorisch

Doch wie ist es dazu gekommen? Waren Wirtschaft und Wachstum nicht schon immer unzertrennlich? Keineswegs. Das Wachstumsparadigma ist das Kind einer Dreiecksbeziehung zwischen Wirtschaftswissenschaft, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsjournalismus. Deren zaghafte Anfänge datieren aus den Zwanzigerjahren: Geldentwertung, Massenarbeitslosigkeit, Wohlstandsverluste, zu denen in Deutschland die Reparationslasten aus dem Ersten Weltkrieg kamen, riefen nach einem Anstieg der Produktivität. Wirtschaftswachstum tat not. Doch die Wirtschaftspolitik tappte ebenso im Dunkeln wie die Wirtschaftsjournalistik. Es fehlte schlicht an verlässlichem Datenmaterial, um ökonomische Entwicklungen zeitnah und im internationalen Vergleich hochrechnen zu können.

Wissenschaftler als "objektive" Selbstverständige

Kein Wunder, dass die deutschen Wirtschaftjournalisten begeistert sind, als 1925 das Deutsche Institut für Konjunkturforschung (IfK), das Vorgänger-Institut des heutigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), seine Arbeit aufnimmt. Denn dessen erster Direktor Ernst Wagemann liefert ihnen Daten. Und Wagemann macht vor, was die Ökonomen nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach perfektionierten: die mediale Selbstinszenierung des Wissenschaftlers als „objektiven“ Sachverständigen.

Statistik statt Analyse

Das IfK hat mit seinen völlig neuartigen Konjunkturberichten durchschlagenden Erfolg in der Presse. Erst von 1925 an liest man etwa in der „Vossischen Zeitung“ regelmäßig von „Wachstum“ – fast immer in Artikeln, die auf IfK-Berichten beruhen. In Anlehnung an die Wortwahl der IfK-Ökonomen wird dieses Wachstum gern mit organisch anmutenden Vokabeln angereichert: So schreibt der Leiter des Wirtschaftsressorts, Richard Lewinsohn, eine „gesunde Volkswirtschaft“ habe, „sobald sie von unnatürlichen Fesseln befreit ist, den Trieb zu natürlichem Wachstum“.

Für Weiterleser: Ferdinand Knauß, Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde, oekom Verlag, 2016.

Die entscheidende Erfindung aber machen US-amerikanische Ökonomen: das Bruttosozialprodukt (BSP). Spätestens seit den Krisenjahren des New Deal kreist die Fachdiskussion um die Systematisierung der Berechnung des Wohlstandswachstums, und die Warnung, eine aggregierte Zahl könne die gründliche Analyse von Wirtschaft und Wohlstand nicht ersetzen, wird geflissentlich überhört. Die nackte statistische Information steigt zum Wohlstandsindikator auf, wird zum Maßstab für ökonomischen und politischen Fortschritt: „Wir müssen wieder den langen, stetigen und aufwärts führenden Weg eines steigenden Volkseinkommens einschlagen“, so Roosevelt 1938. Seither gilt weltweit die Parole „Mit Wachstum aus der Krise“. Die „Ausweitung der Produktion“, so der Berliner Ökonom Philipp Lepenies, „wird zum Regierungsziel erklärt“.

Als das Bruttosozialprodukt, ausgehend von den USA, nach dem Zweiten Weltkrieg zum Parameter der Wohlstandsmessung in der gesamten westlichen Welt avanciert, nehmen auch Wirtschaftsjournalisten diese „mächtige Zahl“ (Lepenies) begierig auf. Und zwar durchgehend unreflektiert, wie die Analyse damaliger Zeitungsartikel zeigt: Weder im „Spiegel“ noch in der „Zeit“ oder in der „FAZ“ findet sich ein Artikel, der das wohl wirkmächtigste Paradigma der Wirtschaftswissenschaft im 20. Jahrhundert annähernd in seiner Bedeutung erfasst.

Das BSP (später das Bruttoinlandsprodukt, BIP) rückt seit den Fünfzigerjahren in den Mittelpunkt der Wirtschaftsberichterstattung (von Wachstum ist noch kaum die Rede) – und steht dabei von Anfang an als unangreifbare Instanz über den Dingen. Damit hat das BSP den Wirtschaftsjournalismus gründlich verändert. Denn seither schreiben Journalisten nicht nur über Unternehmen oder Märkte, sondern räsonieren auch über den Zustand der Wirtschaft insgesamt – und kommentieren die Politik, die dafür sorgen soll, dass die große BSP-Zahl noch größer wird. Eine Zahl, die nicht nur steigenden Wohlstand anzeigt, sondern zum Goldstandard gesellschaftlicher Stabilität wird: Die Kriege und Krisen der ersten Jahrhunderthälfte scheinen endgültig überwunden.

Kein Wunder, dass sich die Berichterstattung der Wirtschaftsjournalisten in den Jahren des Wirtschaftswunders vor allem um das BSP dreht. Doch richtig in Fahrt kommt der Wachstumsdiskurs in Wissenschaft und Journalismus erst in dem Moment, da „Wohlstand für alle“ weitgehend Wirklichkeit geworden ist – und die realen Wachstumsraten sinken.

Lichtgestalt Karl Schiller

Deutlich wird das 1966. Deutschland erlebt seine erste vergleichsweise harmlose Rezession nach dem Krieg. Liest man jedoch damalige „Spiegel“-Berichte, muss man den Eindruck bekommen, es droht eine Neuauflage der Weltwirtschaftskrise. Bundeskanzler Ludwig Erhard, der zum Maßhalten aufforderte, wird in der „Zeit“ zum altmodischen Trottel erklärt, der über Fernsehkabel stolpert und „nichts für unser künftiges Wirtschaftswachstum“ tue.

"Grenzen des Wachstums" wird zu "Wachstum der Grenzen"

Als Lichtgestalt und Retter in der Not erscheint dagegen ein Ökonom: Karl Schiller, der neue Wirtschaftsminister. Laut „Spiegel“ die „Supernova“ der Großen Koalition, für die „Zeit“ schlicht „der brillanteste Kopf“. Ein Mann, der mit seinen keynesianischen Methoden den Schlüssel zum ewigen, durch staatliche Eingriffe wohltemperierten Wachstum gefunden zu haben scheint. Der „Wirtschaftsprofessor“ gilt als Personifikation eines ökonomischen Expertentums, das in jenen Jahren durch die Pressearbeit der Wirtschaftsforschungsinstitute und eine steigende Zahl von Ökonomen-Gastbeiträgen die Wirtschaftsressorts prägt.

1970 scheint die Stimmung dann umzuschlagen. Die „ökologische Revolution“ macht auch vor den Wirtschaftsredaktionen nicht halt, der „Spiegel“ bringt den ersten Umwelt-Titel und schreibt über ein „vages, aber wachsendes Gefühl des Unbehagens“. Als 1972 unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ der erste Bericht an den Club of Rome erscheint, gerät das Wachstumsparadigma erstmals medial in die Defensive. Doch die Ökonomen und mit ihnen die Mehrheit der Wirtschaftsjournalisten parieren die Attacke. Mit Erfolg. Im Verlauf der Siebzigerjahre setzt sich in den Wirtschaftsredaktionen die These vom „Wachstum der Grenzen“ dank Innovation durch. Ökonomisches Wachstum, so die bis heute herrschende Meinung, ist nicht nur Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit der Demokratie, ein unendlich vermehrbares Heilmittel für alle möglichen sozialen Übelstände, es verschafft sogar die nötigen Ressourcen, um die ökologischen Schäden zu reparieren, die es selbst verursacht.

Gefangen im Zahlenkult

Kritiker sprechen von der „heiligen Kuh der Industriegesellschaft“. Seit rund 40 Jahren erleben wir nun die lange Gegenwart des Wachstumsparadigmas.
Die historischen Brüche jener Jahrzehnte hat es einigermaßen schadlos überstanden. Aller Kritik und aller mittlerweile zum Dauerzustand gewordenen Krisen zum Trotz ist der Glaube an das ökonomische Steigerungsspiel im Kern unerschüttert, bleibt die Macht des BIPs über die Politik ungebrochen. Selbst bescheidene Rückgänge werden als Katastrophe empfunden. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte recht, als er feststellte, dass mit dem Siegeszug des BIPs ein „Kult um Zahlen“ kreiert worden sei, „der uns nun gefangen hält“.

Kritische Distanz gefragt

Das zeigen nicht zuletzt die verzweifelten Versuche von Politik und Zentralbanken, das Wachstum durch Schuldenfinanzierung und neu geschaffenes Geld um buchstäblich jeden Preis auf Trab zu halten. Dabei ist längst deutlich geworden, dass dieses künstliche Wachstum kaum eine oder gar keine Steigerung des allgemeinen Wohlstands mehr mit sich bringt, sondern vor allem einer Minderheit dazu verhilft, ihren finanziellen Vorsprung vor den anderen auszubauen.

Indes: Der Ruf nach Wachstum und die Wehklage über dessen Ausbleiben sind immer noch dominant im Wirtschaftsjournalismus. Allenfalls werden die Mittel, aber fast nie wird der Zweck kritisiert: Es soll in jedem Jahr mehr erwirtschaftet werden als zuvor. Und die Politik hat die Bedingungen dafür zu schaffen, sonst gilt sie als gescheitert. Die Mahnung des amerikanischen Ökonomen Simon Kuznets, dass die Güterproduktion für den Menschen da sei und nicht umgekehrt und deshalb die „Vorstellung des guten Lebens das Kriterium“ für die Messung von Wohlstand sein müsse, ist bis heute unerhört geblieben. Nicht der konsumierende Mensch, sondern die Produktion steht im Mittelpunkt des ökonomischen Diskurses.

Der überfällige Paradigmenwechsel im Wirtschaftsjournalismus kann nur gelingen, wenn Abschied genommen wird von diesem Fetischismus und vom Glauben an das Expertentum der Standardökonomie. Deren Versagen angesichts der seit Jahren andauernden Krise des Weltfinanzsystems wäre eine gute Gelegenheit für uns Journalisten, endlich zu gewinnen, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: kritische Distanz.

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