Münzen und Scheine auf Prüfstand Das kostet uns unser Bargeld

Die Versorgung und der Umgang mit Bargeld kosten in der EU jedes Jahr rund 140 Milliarden Euro. Also doch lieber auf Münzen und Scheine verzichten? Eine emotionale Debatte ist neu entfacht.

Was uns die Versorgung mit Bargeld kostet. Quelle: Illustration: Dmitri Broido

Man könnte es „Operation Eichhörnchen“ nennen: Um den Strafzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) zu entgehen, bunkern deutsche Kreditinstitute derzeit jede Menge Bargeld. Nach Angaben der Bundesbank sind allein in den vergangenen zwei Jahren zehn Milliarden Euro in Banktresoren gelandet. Und glaubt man Carl-Ludwig Thiele, dem für Bargeld zuständigen Vorstandsmitglied der Bundesbank, wird „diese Entwicklung weitergehen“.

Wo die Deutschen ihr Erspartes verstecken
42 Prozent der Bürger lagern ihr Bargeld aus Verunsicherung zu Hause Quelle: obs
Schmuckdose Quelle: Fotolia
Schuhschrank Quelle: Fotolia
Spardose Quelle: dpa
Tresor Quelle: dpa/dpaweb
Geld im Spülkasten Quelle: dpa
Vorratsdose Quelle: Fotolia
Geld unter der Matratze Quelle: Fotolia
Kleiderschrank Quelle: Fotolia
In der Umfrage als "sonstige Verstecke" betitelte Orte wählen 22 Prozent der Verbraucher für ihr Bargeld. Das kann das Marmeladenglas in der Küche, aber auch das Sofapolster sein Quelle: dpa
Kühlschrank Quelle: dpa

Eine zwiespältige Strategie: Zwar schützen sich die Banken so vor Strafzinsen. Gleichzeitig aber erhöhen sie ihre Kosten an anderer Stelle, schließlich müssen die tonnenschweren Bargeldbestände transportiert, gelagert und versichert werden. Schon jetzt beziffern Experten die Kosten im deutschen Bankensektor rund um die Bargeldversorgung auf knapp 4,5 Milliarden Euro. Die teure Bargeldhortung kommt da nun oben drauf und gibt einer Grundsatzdebatte neuen Zunder, die seit Monaten unter Ökonomen, aber auch in Politik, Notenbanken und Finanzwelt tobt: Wäre es nicht sinnvoll, den Bargeldverkehr einzuschränken oder abzuschaffen, weil ein bargeldloses Zahlungssystem nun mal die billigste Lösung ist?

Italien schafft kleine Münzen ab

In Dänemark und Schweden etwa ist das Bargeld schon auf dem Rückzug. Bezahlt wird dort vor allem online, per Smartphone oder Kreditkarte. Und zumindest im Kleinen hat das Ende des Bargelds auch anderenorts begonnen. Ab Januar will Italien eine monetäre Kulturrevolution starten – und keine Ein- und Zwei-Cent-Münzen mehr prägen. Das Kleingeld aus Kupfer und Eisen, von dem in Europa 58 Milliarden Stück in Umlauf sind, ist nämlich ein Minusgeschäft. Das Prägen einer Ein-Cent-Münze kostet 1,65 Cent. Schon vor vier Jahren klagte der damalige EU-Kommissar Olli Rehn, die Euro-Staaten hätten bereits 1,4 Milliarden Euro draufgezahlt, weil sie an den Minimünzen festhalten. Länder wie Finnland, Irland, Belgien und die Niederlande wollen daher mit den Münzen schon lange nichts mehr zu tun haben und lassen an den Ladenkassen auf Fünf-Cent-Beträge auf- oder abrunden. Nun schafft zum ersten Mal ein großes Land der Währungsunion die lästigen Einer und Zweier mit Verweis auf ihre Unwirtschaftlichkeit ab.

Bargeld: Was eine Million Euro in großen Scheinen wiegt

Die Grundsatzfrage lautet daher: Was sollte uns unser Geld wert sein? Scheine und Münzen erreichen die Verbraucher nur dank einer ausgeklügelten Logistik, und die hat ihren Preis. Nach Angaben der EZB liegen die jährlichen Kosten der Geldversorgung bei rund einem Prozent der EU-Wirtschaftsleistung, also rund 140 Milliarden Euro. Für Deutschland errechnete das Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule Berlin, dass die Kosten des Privatsektors durch die aufwendige Logistik 12,5 Milliarden Euro im Jahr betragen – das macht immerhin 150 Euro pro Kopf. Die reinen Produktionskosten des gesamten Bargeldes sind dabei mit 72 Millionen Euro im Jahr vergleichsweise gering, Gleiches gilt für das Recycling ausrangierter Scheine (174 Millionen Euro).

So bezahlen wir in Zukunft

Aus Effizienzgründen haben sich die Euro-Staaten das Gelddrucken aufgeteilt. Die Bundesbank etwa lässt in diesem Jahr 50-Euro-Scheine, Hunderter und Zweihunderter drucken. Fünf Euro-Scheine werden von Irland und Griechenland in Auftrag gegeben, 20-Euro-Scheine von Frankreich, Italien und Portugal. Die Herstellungskosten einer Euro-Banknote lagen in den vergangenen Jahren im Durchschnitt bei rund acht Cent. Das klingt nicht nach viel – zumal eine Note im Schnitt 144 Mal den Besitzer wechselt und 131 Mal zum Einkaufen verwendet wird. Es kommen allerdings hohe Kosten für Bürokratie und Logistik hinzu: Das EU-Vergaberecht zwingt die nationalen Notenbanken, die Herstellung in Europa auszuschreiben. Das führt etwa dazu, dass die Bundesbank in der Vergangenheit nicht in Frankfurt, sondern bei Oberthur Fiduciaire in Frankreich hat drucken lassen.

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