Neue Außenhandelszahlen Deutschlands Exporte steigen trotz Russland-Boykott – wie kann das sein?

Deutschlands Exporte außerhalb der EU sind im Vorjahresvergleich um gut 22 Prozent gestiegen Quelle: imago images

Die Sanktionen gegen Russland haben die deutschen Ausfuhren dorthin praktisch zum Erliegen gebracht. Trotzdem steigen Deutschlands Gesamt-Exporte außerhalb der EU. Wie kann das sein?

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Inmitten der Debatte, ob die Sanktionen gegen Russland wirken, gibt es eine Gewissheit: Zumindest in Deutschland wirken sie offenbar. Die deutschen Exporte nach Russland sind im März im Vergleich zum Vormonat um mehr als die Hälfte eingebrochen. Seitdem haben sie sich minimal erholt.

Nichtsdestotrotz sind die Gesamtausfuhren Deutschlands in Nicht-EU-Länder auch seit Kriegsbeginn kontinuierlich weiter gestiegen, wie neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zeigen. Der Russland-Einbruch hat also die deutschen Ausfuhren als Ganzes kaum tangiert. So haben die Exporte insgesamt seit einem deutlichen Einbruch zu Beginn der Coronapandemie kontinuierlich zugelegt und liegen heute deutlich über ihrem Vor-Krisen-Niveau. Im Mai lagen sie vorläufigen Zahlen zufolge gar knapp 23 Prozent über Vorjahr.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen war Russland, anders, als man annehmen könnte, nie einer der Top-Handelspartner Deutschlands. Selbst vor Kriegsbeginn lagen die Exporte dorthin bei gerade einmal 2,3 Milliarden Euro.



Damit war Russland zwar der fünftwichtigste Handelspartner außerhalb der EU, aber dennoch auf deutlich niedrigerem Niveau als etwa die USA. Die Exporte über den Atlantik verzeichnen den größten Anstieg, von 9,1 Milliarden Euro im Vorjahr auf 13,6 Milliarden Euro im Mai dieses Jahres. Größte Posten waren hier Maschinen und Apparate, Kraftfahrzeuge und pharmazeutische Produkte. Auf Platz zwei folgt China, das zuletzt 9,3 Milliarden Euro an deutschen Exporten empfing.

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Der große Anstieg in die USA, aber auch in andere Länder ist zum einen mit dem Wirtschaftsboom nach Ende vieler Corona-Beschränkungen zu erklären. Lange auf Eis gelegte Handelsrouten wurden im Eiltempo neu erobert. Gleichzeitig fuhr China wegen strenger Lockdowns die eigenen Exportkapazitäten deutlich zurück.

Zum anderen, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt, sind die Außenhandelszahlen schlicht wegen der Preissteigerungen so stark gestiegen. Die hohen Energiepreise machen die Produktion der Güter, die später exportiert werden, teurer. Hinzu kommen sogenannte Vorleistungsgüter, die von Firmen im Ausland bei der Produktion eingesetzt werden – etwa Stickstoffverbindungen oder Metalle. Laut Destatis haben diese Vorleistungsgüter den größten Anteil an der Preissteigerungen bei deutschen Exporten.



Wie stark der Einfluss der Preise ist, zeigt sich, wenn man statt des gängigen Warenwerts auf die zweite Kennzahl bei Exporten blickt: das Gewicht. Hier wird klar, dass die Exporte in die USA sogar deutlich gefallen sind, von gut 970.000 Tonnen im März auf 824.000 Tonnen im April. Für Mai liegen leider noch keine verlässlichen Zahlen vor. Ganz ähnlich sieht es in China aus, Deutschlands Export-Partner Nummer zwei.

Diie vermeintlich steigenden deutschen Exporte liegen also weniger daran, dass Deutschlands Export wirklich boomt, sondern vor allem daran, dass die enormen Preissteigerungen die Zahlen aufblähen.

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