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Neue Wachstumsprognose Das BIP wird schneller und „weicher“

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Warum „weiche“ Daten so wichtig sind

Sie haben wegen Corona also weniger Daten zur Verfügung?
Erstaunlicherweise haben die Unternehmen besser berichtet, als wir befürchtet haben. Der Großteil hat auch in den Krisenmonaten geliefert. Vermutlich deswegen, weil auch die Unternehmen selbst die Zahlen gebraucht haben und an verlässlichen Konjunkturdaten interessiert sind. Gerade in wirtschaftlich instabilen Zeiten ist der Bedarf an belastbaren Wirtschaftsdaten hoch. Das von uns veröffentlichte BIP bildet nicht nur eine wichtig Grundlage für die Bundesregierung bei ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen, sondern auch für Investitionspläne der Unternehmen. Die Unternehmen wollen wissen, wie sich die Konjunktur entwickelt und wie sie ihre Geschäftsmodelle eventuell anpassen müssen.

Viele harten Daten können Sie in der neuen BIP-Schnellschätzung nicht mehr verwenden, da die Aufbereitung meist länger als 30 Tage dauert. Wie gleichen Sie den Datenverlust aus?
Es ist richtig, dass wir wichtige Informationen verlieren. Vor allem den letzten Monat des Quartals, im aktuellen Fall also den Juni, müssen wir fast vollständig schätzen. Der Auftragseingang- und der Umsatzindex etwa sind erst 36 Tage nach Monatsende verfügbar, die Produktionsindizes nach 37 Tagen und der Außenhandel nach spätestens 40 Tagen. Die harten Zahlen konnten wir früher mit einberechnen, beim „BIP t+30“ müssen wir diese Statistiken durch vorläufige, interne Auswertungen mit unvollständigem Datenbestand oder durch „weiche“ Indikatoren ersetzen. Das sind vorwiegend experimentelle Daten und Kennzahlen, die außerhalb des Statistischen Bundesamtes beispielsweise von Forschungsinstituten ermittelt werden. Mit diesen Indikatoren versuchen wir die Lücken des dritten Quartalsmonats bestmöglich zu füllen.

Wie funktioniert das?
Dafür benutzen wir ökonometrische Modelle und speisen sie mit vielen Daten aus der Vergangenheit. Vereinfacht gesagt gleichen die Modelle die weichen Indikatoren immer wieder mit amtlich erfassten Zahlen ab und beurteilen so, welche Kennzahlen besonders geeignet sind, um unsere Lücken zu füllen. Indikatoren, die fehlende Daten am besten „nachahmen“, behalten wir, andere verwerfen wir. Manchmal passen wir einzelne Kennzahlen auch nur an, indem wir sie anders gewichten, damit sie in Zukunft die Entwicklung der harten Zahlen noch besser imitieren. Zudem gleichen wir diese ökonometrischen Schätzungen mit den Einschätzungen unserer Experten ab.

Welche weichen Indikatoren nutzt das Schnellschätz-Modell?
Als nicht amtliche Stimmungsindikatoren berücksichtigen wir zum Beispiel den GfK-Konsumklimaindex und den ifo-Geschäftsklimaindex. Darüber hinaus nutzen wir sehr früh verfügbare Indikatoren wie zum Beispiel die beim Kraftfahrt-Bundesamt gemeldeten Pkw-Neuzulassungen, Stromproduktions und -verbrauchsdaten sowie den Lkw-Maut-Fahrleistungsindex, den wir zusammen mit dem Bundesamt für Güterverkehr und der Bundesbank berechnen. Außerdem arbeiten wir daran, bald auch Daten zum Flug-, Eisenbahn- und Schiffsverkehr sowie Zahlen zu EC- oder Kreditkartenumsätze in unsere Schätzung miteinzubeziehen.

Zentrale Monatsdaten wie Auftragseingang, Export oder Produktion liefert das Statistische Bundesamt nach wie vor mit rund sechswöchiger Verzögerung. Sollen auch diese Zahlen in Zukunft schneller veröffentlicht werden?
Was die Aktualität bei diesen Zahlen angeht, befinden wir uns am Ende der Fahnenstange und dürften das optimale Verhältnis zwischen Aktualität und Genauigkeit erreicht haben. Bei diesen Statistiken sind wir ja auf die Zulieferung der Unternehmen angewiesen. Selbst wenn wir das Material sehr schnell auswerten, müssen wir den Betrieben für die Meldung der Geschäftszahlen ausreichend Zeit einräumen, um belastbare Daten zu erhalten. Aber auch diesen Prozess konnten wir beschleunigen, indem wir es den Unternehmen schrittweise leichter gemacht haben, ihre Daten so automatisiert und unkompliziert wie möglich an uns weiterzuleiten.

Wie zum Beispiel?
Wir bieten seit vielen Jahren elektronische Meldeverfahren an, mit denen die Unternehmen ihre Daten Online hochladen können. Weiterhin gibt es Programme, mit denen die Daten direkt aus den Buchhaltungssystemen zusammengestellt und automatisiert an uns übermittelt werden können.

Das Statistische Bundesamt testet bereits Schätzmodelle, mit denen es gelingen soll, das BIP bereits zehn Tage nach Quartalsende zu veröffentlichen. Wann wird es soweit sein?
Einen genauen Termin kann ich nicht nennen. Wir suchen laufend nach passenden Indikatoren, mit denen wir einen noch größeren Schätzanteil meistern können. Hier könnten die vorhin genannten Daten aus EC- oder Kreditkartenumsätze sehr hilfreich sein. Vielversprechend sind auch Scanner-Daten von Supermarktkassen. Die Umsatzdaten ließen sich über die Kassensysteme wöchentlich abgreifen, daraus lassen sich vielleicht schnelle Trends im Einzelhandel ableiten. Damit die BIP-Berechnungen noch schneller werden und dennoch nicht zu viel an Genauigkeit verlieren, brauchen wir jedenfalls auch mehr „weiche“ Indikatoren, bis zum jeweils aktuellsten Monat. Sollten wir nicht ausreichend „weiche“ Kennzahlen finden, kann es sein, dass wir unseren Plan verwerfen müssen. Bevor wir nachträglich stärkere Revisionen riskieren, bleiben wir lieber bei der etwas langsameren Schätzung 30 Tage nach Quartalsende.

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Corona macht die traditionelle Konjunkturforschung zu einem Glücksspiel. Wie Deutschlands Prognostiker mit der neuen Lage umgehen – und auf welche unkonventionellen Daten und Methoden sie dabei setzen. Lesen Sie die Geschichte hier.

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