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Nobelpreis Ein Freifahrtschein für höhere Mindestlöhne? Ein Trugschluss!

Mit der Vergabe des Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an die Forscher David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens hat die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften deren Arbeiten zu natürlichen Experimenten geehrt. Die Methode der Wissenschaftler findet vor allem in der Arbeitsmarktforschung Anwendung.  Quelle: dpa

Die Vergabe des Nobelpreises an drei Arbeitsmarktökonomen sollte nicht als Alibi für eine ökonomisch gefährliche Erhöhung des Mindestlohns betrachtet werden. Eine Analyse. 

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Menschen sind keine Mäuse. Es ist eine banale Erkenntnis, die Ökonomen und anderen Sozialwissenschaftlern das Leben so schwer macht. Während Naturwissenschaftler wie Chemiker und Mediziner die Möglichkeit haben, mit kontrollierten (Mäuse)Experimenten Erkenntnisse zu gewinnen, bleibt dies Ökonomen versagt. Denn ihr Untersuchungsgegenstand sind nicht Mäuse, sondern Menschen. Und die sind kompliziert gestrickt. 

Zwar können Ökonomen in Laborversuchen das Verhalten ihrer Mitmenschen in Entscheidungssituationen genauer unter die Lupe nehmen. Doch eignen sich solche Laborexperimente schwerlich für die Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge. Zudem handeln Menschen nicht instinktiv, sondern reflektiert, haben ihren eigenen Kopf und ihre Entscheidungen sind nicht selten taktisch motiviert. 

Heißt das also, dass die empirische Wirtschaftsforschung vor eine Wand läuft und keine validen Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge machen kann? Mitnichten, sagen die Ökonomen David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens, denen die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zuerkannt hat. Der kanadische Ökonom Card, der an der Universität in Berkeley lehrt, erhält die Hälfte des Preises und des Preisgeldes für seine empirischen Arbeiten zur Arbeitsmarktökonomik. Die US-Ökonomen Joshua Angrist vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Niederländer Guido Imbens, der an der Stanford Universität lehrt, teilen sich die andere Hälfte des Preises. 

Natürliche Experimente 

Alle drei Ökonomen haben mit ihren Arbeiten gezeigt, wie die empirische Wirtschaftsforschung das Kausalitätsproblem lösen kann: mit natürlichen Experimenten. Das heißt mit Daten, die nicht in Laboren generiert werden, sondern in der Wirtschaft vorliegen. Dabei müssen die Forscher die Untersuchungsobjekte so auswählen, dass die Untersuchung einem kontrollierten Experiment möglichst nahekommt. Card hat diese Methode in seinen Studien zur Arbeitsmarktökonomik perfektioniert.

Um etwa die Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen abzuschätzen, hat Card Regionen analysiert, die sich außer beim Mindestlohn ökonomisch kaum unterschieden. Eine abweichende wirtschaftliche Performanz lässt sich dann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf die unterschiedliche Mindestlohnpolitik zurückführen.  

Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte Card gemeinsam mit dem 2019 verstorbenen US-Ökonomen Alan Krueger eine vielbeachtete und heiß diskutierte Studie. Darin untersuchten die beiden die benachbarten Bundesstaaten New Jersey, wo der Mindestlohn von 4,25 auf 5,05 Dollar angehoben worden war und Pennsylvania, wo es keine derartige Mindestlohnerhöhung gab. 



Card und Krueger wählten die beiden Bundesstaaten aus, weil sie im grenznahen Bereich die ceteris-paribus-Bedingung weitestgehend erfüllt sahen, also alle sonstigen Einflussfaktoren auf die Beschäftigung vernachlässigbar waren. Sie fanden heraus, dass sich die Beschäftigung in New Jersey trotz der Mindestlohnerhöhung nicht schlechter entwickelte als in Pennsylvania. Einen Grund dafür vermuteten sie darin, dass es den Unternehmen gelang, die höheren Lohnkosten durch steigende Preise an die Kunden weiterzureichen. 

In einer weiteren Studie zu den Folgen der Einwanderung auf den Arbeitsmarkt von Miami fand Card heraus, dass sich die Löhne und die Beschäftigung in Miami trotz der massenhaften Zuwanderung von Kubanern Anfang der 1980er Jahre nicht schlechter entwickelten als in anderen großen US-Städten, die keine derartig Zuwanderung verzeichneten. 

Erst denken, dann rechnen 

Mit seiner Methode der natürlichen Experimente schuf Card einen Analyserahmen, der es den Ökonomen erlaubte, aus den Ergebnissen empirischer Forschung Ursache-Wirkungszusammenhänge abzuleiten. Card habe damit eine „Glaubwürdigkeitsrevolution“ in der empirischen Wirtschaftsforschung ausgelöst, sagt Christoph Schmidt, Chef des RWI Leibniz- Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI), der bei Card promoviert hat. Card habe den Fokus der empirischen Forschung verschoben. Statt wahllos Daten durch hoch komplizierte mathematische Simulationsmodelle zu jagen, habe der Nobelpreisträger Gehirnschmalz darauf verwendet, Situationen zu identifizieren, die sich für natürliche Experimente eignen.  

Erst denken, dann rechnen, so könnte man das Forschungscredo von Card beschreiben. Ein kluges Studiendesign, so seine Philosophie, ist die Voraussetzung für die ökonomisch gehaltvolle Interpretation empirischer Daten. Ohne die Arbeiten von Card gäbe es keine moderne Evaluierung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, sagt Hilmar Schneider, Geschäftsführer des Bonner Institute of Labor Economics (IZA).  

Die Co-Laureaten Angrist und Imbens haben die Identifikation von Kausalitäten erleichtert und damit die Forschungen Cards ergänzt.

Kein Alibi für höhere Mindestlöhne 

Die beiden Ökonomen entwickelten Verfahren, die helfen, eine verzerrte Interpretation von Daten zu vermeiden. Verzerrungen können auftreten, wenn man das Verhalten von Menschen fälschlicherweise als Reaktion auf wirtschaftspolitische Maßnahmen interpretiert. 

Beispielsweise ist denkbar, dass eine Schule ihren Schülern freiwilligen Zusatzsport am Nachmittag anbietet, während eine Vergleichsschule darauf verzichtet. Verbessert sich die körperliche Kondition der Schüler der Schule mit dem Sportangebot, wäre es verfehlt, dies allein auf das zusätzliche Sportangebot der Schule zurückzuführen. Denn einige Schüler hätten ohne das Schulangebot anderswo Sport getrieben und so ihre Kondition verbessert. Angrist und Imbens haben gezeigt, worauf Forscher achten müssen, um in solchen Fällen Fehlinterpretationen zu vermeiden.  

Bleibt die Frage, ob die Forschungen der Laureaten die Schlussfolgerung erlauben, Mindestlöhne hätten keine negativen Effekte auf die Beschäftigung? RWI-Chef Schmidt warnt: Die Arbeiten von Card taugten nicht als Alibi für eine kräftige Erhöhung des Mindestlohns, wie sie etwa die SPD plant. Card habe in seinen Forschungen betont, wie wichtig es ist, den Einzelfall zu betrachten.  



Aus seinen Forschungen ließe sich daher keine allgemein gültige Theorie über die Unschädlichkeit von Mindestlöhnen ableiten, sagt Schmidt. „Der wirtschaftspolitische Kontext in Deutschland unterscheidet sich grundlegend von demjenigen in den USA, wo die Armutsbekämpfung über die Lohnpolitik erfolgt, während in Deutschland dafür die Sozialpolitik zuständig ist“, erklärt Schmidt. Zudem komme es auf die Höhe des Mindestlohns an. Eine Erhöhung von 4,25 auf 5,05 Dollar in den USA lasse sich nicht mit einer Anhebung von 9,50 auf zwölf Euro oder mehr in Deutschland vergleichen. 

Die Forschungsarbeiten von Card und Krueger zur Wirkung von Mindestlöhnen sind in der Wissenschaft zudem umstritten. So haben die US-Ökonomen David Neumark, William Wascher und Peter Shirley gezeigt, dass die Mehrzahl aller Studien auf negative Beschäftigungseffekte durch Mindestlöhne hindeutet. Vor allem die Jobchancen von Geringqualifizierten, Randgruppen und Jugendlichen verschlechtern sich. 

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Bleibt zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen in Berlin die Preisverleihung an Card nicht als akademischen Freifahrtschein für höhere Mindestlöhne betrachten. Andernfalls müsste man ihnen wohl politischen Missbrauch akademischer Forschung vorwerfen.

Mehr zum Thema: Der Mindestlohn ist kein Problem – nur sollten wir ihn regional differenzieren, schreibt Ökonom Jens Südekum. Ein Gastbeitrag. 

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