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Nobelpreis für Jean Tirole Ein verdienter Sieger

Erstmals seit 2010 erhält mit Jean Tirole wieder ein Europäer den Ökonomie-Nobelpreis – für die Analyse von Marktmacht in Oligopolen. Nach Aussage deutscher Ökonomen hat er die Auszeichnung mehr als verdient.

Wirtschafts-Nobelpreis geht an Jean Tirole

Diesmal lagen die Kaffeesatzleser nicht völlig daneben: In den vergangenen Jahren war der „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel“ meist an Ökonomen gegangen, die zuvor kaum jemand auf dem Radar hatte. Der Name des heute gekürten Wissenschaftlers Jean Tirole hingegen war durchaus im Rennen, wenn Ökonomen und Journalisten in den vergangenen Wochen über mögliche Kandidaten spekuliert hatten.

Und trotzdem: Diese Wahl ist eine Überraschung. Erstmals seit 2008 nämlich erhält ein einzelner Ökonomen den Preis und muss sich die Ehre nicht mit anderen Kollegen teilen. Und was noch wichtiger ist: Endlich ist mal wieder ein Europäer an der Reihe.

„Jean Tirole ist ein Beispiel dafür, dass es auch in Europa Spitzenforschung in den Wirtschaftswissenschaften gibt“, freut sich Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

Auch Christoph Schmidt, der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und Chef der Fünf Wirtschaftsweisen, hält Tirole für nobelpreiswürdig. Als Doktorand in Princeton habe er sich intensiv mit dem damals ganz frisch erschienenen Standardwerk zur Industrieökonomik von Jean Tirole auseinandergesetzt. „Schon damals haben mich jene Qualitäten extrem beeindruckt, die seine Publikationen bis heute auszeichnen: Tirole gelingt es glänzend, die Essenz seiner komplexen theoretischen Überlegungen in eleganter Form kompakt darzustellen.“

In den vergangenen drei Jahren gab es insgesamt sieben Preisträger - und alle kamen sie aus den Vereinigten Staaten. Den ersten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften hatten Ende der Sechzigerjahre ein Norweger (Ragnar Frisch) und ein Niederländer (Jan Tinbergen) erhalten.

Danach folgte eine beeindruckende Reihe von US-Amerikanern, nur sporadisch unterbrochen von Europäern und Asiaten. Über 80 Prozent der Preisträger kommen aus den USA. Von den 27 letzten Siegern lehrten 26 an einer US-Universität. Der Exot dazwischen war der zypriotische Wachstums-und Arbeitsmarktexperte Christopher Pissarides (2010) von der London School of Economics. Den einzigen Nobelpreis an einen deutschen Ökonomen gab es vor 20 Jahren: 1994 durfte sich der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten feiern lassen.

Zehn Mythen über den Nobelpreis

Nun also Tirole. Die Königlich-Schwedische Akademie zeichnete den 61-Jährigen für seine Analysen über Marktmacht und Regulierung aus. Der Franzose sei „einer der größten lebenden Ökonomen“, sagte Jury-Chef Tore Ellingsen. Tirole habe „vor allem die Mechanismen zum Verständnis und zur Regulierung von Sektoren mit nur einigen mächtigen Unternehmen aufgeklärt“.

Tirole ist wissenschaftlicher Direktor des Institut d'Economie Industrielle (IDEI) der Universität Toulouse und Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT); die Universität Mannheim verlieh ihm 2011 die Ehrendoktorwürde. Er beschäftigt sich mit Industrieökonomik, dem Bankenwesen, der Spiel- und Vertragstheorie und den psychologischen Aspekten der Volkswirtschaft.

Zur Wirtschaftswissenschaft kam er erst auf Umwegen: Tirole besuchte die École Polytechnique und die École Nationale des Ponts et Chaussées in Paris. 1978 machte er seinen Doktor – in Mathematik. 1981 folgte ein Ph.D. in Ökonomie am MIT.

Das Echo in der deutschen Ökonomenzunft auf den Preisträger Tirole ist ausgesprochen positiv. „Die meisten Märkte werden von wenigen großen Unternehmen dominiert. Tirole hat ein Instrumentarium entwickelt, um die strategische Interaktion in diesen Oligopolen zu analysieren“, lobt die Münchner Ökonomieprofessorin Monika Schnitzer, die sich seit Jahren mit Industrieökonomik beschäftigt. „Seine Arbeit verbindet akademische Brillanz und Innovation mit wirtschaftspolitischer Relevanz“, sagt ZEW-Chef Fuest. Er habe „beispielsweise gezeigt, wie die Wirtschaftspolitik mit der Tatsache umgehen sollte, dass regulierte Unternehmen bessere Informationen über ihre Kosten haben als die Regulierungsbehörde. Das ist von fundamentaler Bedeutung für die praktische Wirtschaftspolitik.“

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Dass er von intereressierter Seite politisch instrumentalisiert wird, kann Tirole allerdings nicht verhindern. Kurz nach Bekanntgabe seiner Wahl twitterte der französische Premierminister Manuel Valls, wegen der Reformresistenz seines Landes arg gescholten, seine Glückwünsche der besonderen Art. Die Ehrung für Tirole sei „ein Nasedrehen für das French bashing“.

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