Notenbank Todeswünsche zum 100. Geburtstag der Fed

Vor 100 Jahren gründeten die USA eine Notenbank und monopolisierten die Geldversorgung. Kritiker sagen, heute gefährde sie das globale Finanzsystem, und fordern ihre Abschaffung. Welchen Kurs schlägt die neue Präsidentin Janet Yellen ein?

Eingang zur New Yorker Federal Reserve Bank und Wachleute Quelle: REUTERS

Die Federal Reserve (Fed) in New York gleicht einer Festung. Schwer bewaffnete Polizisten des eigenen Sicherheitsapparates der amerikanischen Notenbank postieren vor 33 Liberty Street in Manhattan, gleich um die Ecke von Wall Street. Die Fenster des Gebäudes sind bis zum dritten Stock mit schwarzen Eisengittern verbarrikadiert. An den Ecken sind Überwachungskameras installiert. Besucher müssen ihre Taschen durchleuchten lassen, Ausweise zeigen, die Hosenbeine hochkrempeln.

Wer glaubt, die Sicherheitsvorkehrungen sind deshalb so hoch, weil hier das viele Geld gedruckt wird, mit dem die Fed die US-Wirtschaft in Schwung bringen will, der liegt falsch. Die Druckerpressen stehen außerhalb von New York. Im Keller der Bank lagert viel Wertvolleres – die weltweit größten Goldreserven. Derzeit sind es 530.000 Barren, die 60 Nationen gehören. Auch ein Teil des deutschen Goldschatzes befindet sich hier. Sicher verwahrt als eiserne Reserve, sollte irgendwann wieder eine globale Wirtschafts- und Finanzkatastrophe die Welt heimsuchen. „Wir haben hier eine ganz besondere Verantwortung“, sagt New York-Fed-Präsident William Dudley. Die New York Fed ist die mächtigste von allen zwölf regionalen Notenbanken im Federal-Reserve-System der USA. Sie wickelt das Wertpapiergeschäft der US-Notenbank ab und wacht auch über die Wall Street. Und sie gilt als Keimzelle des zentralisierten Notenbanksystems. Ihr erster Gouverneur Benjamin Strong nutzte erstmals die Instrumente der Geldpolitik, um die Konjunktur zu steuern.

Janet Yellen - die erste Frau an der Spitze der Fed
Janet Yellen galt als Favoritin für den Posten an der Spitze der US-Notenbank, seitdem der frühere Finanzminister Lawrence Summers Mitte September erklärt hatte, er stehe für das Amt des Fed-Vorsitzenden nicht zur Verfügung. Die 67-jährige Yellen gilt als enge Vertraute Ben Bernankes. Seit 2012 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Fed. Quelle: AP
Hinsichtlich der Finanzkrise hat Janet Yellen eine weißere Weste als Summers. „Vielmehr noch hat Yellen frühzeitig die großen Gefahren der Finanzkrise erkannt und mit als erste davor gewarnt“, sagt Fed-Beobachter Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Quelle: AP
Seit den 70er Jahren arbeitete die Ökonomin immer wieder für die Fed in Washington, war später auch Chefin der Notenbank in San Francisco. Zwischendurch beriet sie den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Quelle: REUTERS
Yellen ist eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin - ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Denn die Fed hat anders als etwa die EZB nicht nur den Auftrag, für stabile Preise zu sorgen, sondern auch für Vollbeschäftigung. Und sie koppelt ihre Zinspolitik an die Arbeitslosenquote, die mit über sieben Prozent zwar langsam fällt, aber noch immer auf einem für amerikanische Verhältnisse hohen Niveau liegt... Quelle: REUTERS
Die Fed versucht, die Lage mit massiven Konjunkturhilfen zu verbessern. Die Maßnahmen - etwa milliardenschwere Anleihe-Käufe - haben aber Nebenwirkungen für die Wirtschaft und sind daher umstritten. Die frühere Berkeley-Professorin Yellen betont, im Zweifelsfall eine höhere Inflation für eine niedrigere Arbeitslosenquote in Kauf zu nehmen. Quelle: AP
Yellen ist in der fast 100-jährigen Geschichte der Zentralbank die erste Frau an der Spitze. Sie steht für eine Fortsetzung der ultra-lockeren Geldpolitik Bernankes. Mit ihr dürfte die Fed Experten zufolge noch länger auf Konjunkturhilfen setzen und eine Zinserhöhung auf die lange Bank schieben. Quelle: dpa
Yellen gilt als konsens-orientiert, loyal und uneitel. Stets hat sie in ihrer langjährigen Laufbahn in der Fed alle Beschlüsse der Führung mitgetragen und sich nicht ins Rampenlicht gedrängt. Quelle: REUTERS
Ihr wird kein besonders enger Draht zum Weißen Haus nachgesagt. Dabei hat die frühere Präsidentin der Federal Reserve von San Francisco im linken Flügel von Obamas demokratischer Partei zahlreiche Fans: Die Nummer drei der ranghöchsten Demokraten im Senat, Charles Schumer, forderte Obama noch kurz vor der Nominierung Yellens öffentlich auf, die Fed-Vizechefin nun doch zur Präsidentin zu befördern. Yellen ist mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof verheiratet. Quelle: REUTERS

Ausgerechnet die Institution, der die Welt ihr Gold anvertraut, befeuert nach Ansicht ihrer Kritiker die nächste Krise. Noch nie seit der Gründung des Notenbanksystems am 23. Dezember vor 100 Jahren hat die Fed mit einer derart expansiven Geldpolitik in den Finanz- und Wirtschaftskreislauf eingegriffen wie seit der jüngsten Krise vor gut fünf Jahren. Den kurzfristigen Leitzins hält sie praktisch bei null. Um auch die langfristigen Zinsen niedrig zu halten, damit die Konjunktur endlich anspringt, pumpt sie monatlich 85 Milliarden Dollar für Staatsanleihen und Hypothekenpapiere in den Markt. Quantitative Lockerung nennt die Fed den Eingriff. Ihre Bilanz ist von 890 Milliarden Dollar Ende 2007 auf 3,9 Billionen Dollar gestiegen.

Zu unsichere geldpolitische Lage

„Die Fed ist zur mächtigsten politischen Institution in den USA aufgestiegen. Sie diktiert die globalen Finanzmärkte – das ist beängstigend und gefährlich“, warnt der US-Ökonom John Allison. Er stand 19 Jahre an der Spitze des US-Finanzinstituts BB&T und leitet seit 2012 den liberalen Thinktank Cato Institute in Washington. Tatsächlich hat die Geldschwemme die Konjunktur bislang nicht beleben können. Unternehmen zögern zu investieren. Zu unsicher ist ihnen die geldpolitische und fiskalische Lage. Was passiert, wenn die Fed die Luft rauslässt?

Seit 2009 liegt das Wachstum in den USA im Durchschnitt bei mageren 1,2 Prozent. Zu wenig, um von einer nachhaltigen Erholung zu sprechen, zu wenig, als dass die USA als größte Volkswirtschaft der Welt Lokomotive für die globale Wirtschaft spielen könnte. Stattdessen bläst ihre expansive Geldpolitik eine Börsenblase auf. Seit Oktober 2008 legte der Dow-Jones-Index von 9955 Punkten um fast 50 Prozent zu. Dorthin strömt das Kapital, weil andere profitable Anlagemöglichkeiten fehlen.

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