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Notenbanken Sozialer Friede in Gefahr

Die von den Zentralbanken in Umlauf gebrachten Milliarden landen bei den Reichen und Superreichen, während die Realwirtschaft lahmt und sich die Mittelschicht auflöst. 

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Gebäude der US-Notenbank Fed Quelle: dpa

Viele keynesianisch orientierte Ökonomen glaubten noch in den späten 1980er-Jahren, dass die sowjetische Planwirtschaft der kapitalistischen freien Marktwirtschaft überlegen sein könnte. Heute scheinen die obersten Notenbanker in den USA, Japan und Europa den Glauben an die Märkte ebenfalls verloren zu haben. Mit ihrer Nullzinspolitik und dem Aufkauf von Staatsschulden geben sie Marktkräften keine echte Chance mehr. Damit aber hängen ganze Volkswirtschaften vom Handeln staatlicher Autoritäten ab.

Ein nachhaltiges, sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum ist unter solchen Bedingungen nicht möglich. Der Privatsektor schrumpft, die Staatsquote steigt. Was von Notenbanken und Regierungen in den vergangenen Jahren als Konjunkturerholung verkauft wurde, ist nicht mehr als ein Potemkinsches Dorf oder, wie es ifo-Präsident Hans-Werner Sinn formuliert hat, ein „keynesianischer Bluff“.

Wo würde der DAX ohne Notenbanken stehen?

Dieser Bluff aber fliegt auf, sobald die Notenpressen aufhören zu rotieren und das Geldangebot nicht mehr ausgedehnt wird. Das passiert gerade in den USA, wo die Konjunkturdaten seit einigen Wochen abschmieren. Eine Zinserhöhung wird es in den USA vermutlich nicht geben, weder im Dezember, noch in den nächsten zehn Jahren.

Die Europäische Zentralbank setzt auf das gleiche geldpolitische Konzept, das zuvor in Japan und in den USA erfolglos ausprobiert wurde. In einem Interview mit der griechischen Tageszeitung „Kathimerini“ sagte EZB-Präsident Mario Draghi, dass das Anleihekaufprogramm der EZB besser als erwartet funktioniere und die EZB bereit stehe, das Programm wenn nötig auszudehnen. Draghi verwies auf die sinkenden Finanzierungskosten und das steigende Kreditvolumen.

Ähnliches hatte man auch von der US-Notenbank Fed gehört. Allerdings verwendeten US-Unternehmen die steigenden Kredite nahezu ausschließlich zur Finanzierung von Fusionen und Übernahmen und zum Rückkauf eigener Aktien. Lediglich sechs Prozent der Ausleihungen flossen in den vergangenen drei Monaten in Unternehmensinvestitionen. Die Investitionen sind  nahezu zum Erliegen gekommen, ebenso das Wirtschaftswachstum in den USA.

Eigentlich sollten die Wertpapierkäufe der EZB die Kreditvergabe und die Inflation ankurbeln. Aber dieser Effekt tritt nicht ein. Im September ist die Teuerungsrate im Euroraum im Jahresvergleich um 0,1 Prozent gefallen. Das für die Konjunktur wichtige Volumen an Unternehmenskrediten lag nur 0,1 Prozent über dem Vorjahreswert.

Das Wahlvolk beginnt zu rebellieren

Doch Zentralbanken und ihre Ökonomen beglücken die Öffentlichkeit mit immer neuen Durchhalteparolen und zweifelhaften Studien. Eigentlich geht es sechs Jahre nach der Finanzkrise nur um Krisenprävention und darum, die Aktien- und Anleihemärkte in ihren Kursbahnen zu halten. Derweil beginnt das Wahlvolk zu rebellieren. Die unorthodoxe Geldpolitik hat Vermögenswerte aufgeblasen und zugleich zu einer weiteren Konzentration des Vermögens bei den Reichen und Superreichen gesorgt. So gesehen könnten die Notenbanken den Parteien am äußeren Rand des politischen Spektrums noch ungewollt Unterstützung bieten.

In den USA, einst die Heimat des Kapitalismus, sind ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen sozialistische Kandidaten im Aufwind, etwa Senator Bernie Sanders aus Vermont. Der Gegenspieler von Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidat der Demokraten sagt, dass über die vergangenen drei Jahrzehnte eine massive Umverteilung von Vermögen stattgefunden habe, von der Mittelklasse und den Arbeiterfamilien hin zu Donald Trump und seinen (Milliardärs-) Freunden.

Neueste Studien zur Vermögensverteilung geben Sanders Recht. Nach einer Untersuchung der Bank of America über die Folgen der US-Notenbankpolitik für die Einkommens- und Vermögensverteilung besitzen 90 Prozent der Amerikaner nur noch 23 Prozent des US-Vermögens und damit in etwa so viel wie die reichsten 0,1 Prozent. Die amerikanische Mittelklasse löst sich auf.

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Die umfassendste und wohl auch verlässlichste Studie zur weltweiten Vermögensverteilung ist der unlängst veröffentlichte „Global Wealth Report“ der Schweizer Großbank Credit Suisse. Der Bericht untersucht die Vermögenswerte von 4.800 Millionen Erwachsenen aus mehr als 200 Ländern. Demnach besitzen die reichsten 0,7 Prozent der Weltbevölkerung inzwischen fast die Hälfte des globalen Vermögens, das mit 250.000 Milliarden Euro beziffert wird. Die Vermögenskonzentration hätte damit einen neuen Rekordwert erreicht. Die Analysten der Credit Suisse führen das vor allem auf den gestiegenen Anteil von Finanzanlagen am Gesamtvermögen zurück. So stieg der Wert aller weltweit gehandelten Aktien in diesem Jahr auf den Rekordwert von 73.300 Milliarden Dollar. Allein zwischen Juni 2014 und Juni 2015 legte die Weltaktienmarktkapitalisierung um etwa 10.000 Milliarden Dollar.

Das erstaunlichste Ergebnis des Reports: In Nordamerika und Europa leben inzwischen mehr Arme als in China. In Nordamerika leben 10 Prozent der Ärmsten der Welt, in Europa gar 20 Prozent.

Es wird offenbar höchste Zeit, die Notenbankpolitik mit Blick auf den sozialen Frieden auf den Prüfstand zu stellen.

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