OECD-Bericht Ab 2017 wird die deutsche Wirtschaft schwächer wachsen

Der deutschen Wirtschaft geht es laut OECD gut. Doch die Organisation blickt skeptisch auf 2017: Sie erwartet, dass das BIP weniger stark wachsen wird als bisher angenommen – und fordert Investitionen und Reformen.

Die OECD erwartet 2017 weniger Wachstum in Deutschland. Quelle: dpa

Die OECD blickt für nächstes Jahr skeptischer auf die deutsche Konjunktur und fordert mehr Reformen. Das Bruttoinlandsprodukt werde nur um 1,3 Prozent zulegen und nicht wie zuletzt erwartet um 1,5 Prozent, teilte die Industriestaaten-Gruppe am Mittwoch in ihrem aktualisierten Wirtschaftsausblick mit.

Für dieses Jahr erhöhte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Prognose von 1,7 auf 1,9 Prozent. Bereinigt um die unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen sei dies ein Plus von 1,8 Prozent in diesem und 1,5 Prozent im nächsten Jahr. „Die deutsche Wirtschaft läuft auf relativ hohem Niveau immer noch gut“, sagte OECD-Experte Christian Kastrop.

Auf den ersten Blick sehe es etwa auf dem Arbeitsmarkt und bei den öffentlichen Finanzen positiv aus. Kastrop fügte aber hinzu: „Es bereitet mir schon ein bisschen Sorge, dass bei Reformen in allen Gebieten in den letzten acht bis zehn Jahren sehr, sehr wenig passiert ist.“ Es gebe genug finanziellen Spielraum, um mit gezielten Ausgaben das Wachstum anzukurbeln. So könne man mit öffentlichen Investitionen auch Ausgaben der privaten Wirtschaft anstoßen – etwa bei Daten- und Energienetzen. Der OECD-Fachmann plädierte auch für Steuerreformen, um die Mittelschicht zu entlasten.

Welche Branchen besonders betroffen sind
AutoindustrieDie Queen fährt Land Rover – unter anderem. Autos von Bentley und Rolls-Royce stehen auch in der königlichen Garage. Die britischen Autobauer werden es künftig wohl etwas schwerer haben, ihre Autos nach Europa und den Rest der Welt zu exportieren – je nach dem, was die Verhandlungen über eine künftige Zusammenarbeit ergeben. Auch deutsche Autobauer sind betroffen: Jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht nach Angaben des Branchenverbandes VDA ins Vereinigte Königreich. Autos deutscher Konzernmarken haben danach auf der Insel einen Marktanteil von gut 50 Prozent. BMW verkaufte in Großbritannien im vergangenen Jahr 236.000 Autos – das waren mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es 9, bei Mercedes 8, beim VW-Konzern insgesamt 6 Prozent. Für Stefan Bratzel wird der Brexit merkliche negative Auswirkungen auf die Automobilindustrie haben, die im Einzelnen noch gar nicht abschließend bewertet werden können. „Der Brexit wird so insgesamt zu einem schleichenden Exit der Automobilindustrie von der Insel führen“, sagt der Auto-Professor. „Wirkliche Gewinner gibt es keine.“ Quelle: REUTERS
FinanzbrancheBanken brauchen für Dienstleistungen innerhalb der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Derzeit können sie grenzüberschreitend frei agieren. Durch den Brexit werden Handelsbarrieren befürchtet. Quelle: REUTERS
FinTechsDie Nähe zum Finanzplatz London und die branchenfreundliche Gesetzgebung machten Großbritannien in den vergangenen Jahren zu einem bevorzugten Standort für Anbieter internetbasierender Bezahl- und Transaktionsdienste, im Branchenjargon „FinTech“ genannt. Das dürfte sich nun ändern. Der Brexit-Entscheid werde bei den rund 500 im Königreich ansässigen FinTechs „unvermeidlich“ zu einer Abwanderung von der Insel führen, erwartet Simon Black. Grund dafür sei, so der Chef des Zahlungsdienstleisters PPRO, da ihr „Status als von der EU und EWR anerkannte Finanzinstitutionen nun gefährdet ist“. Simon erwartet von sofort an eine Verlagerung des Geschäfts und die Schaffung neuer Arbeitsplätze außerhalb von Großbritannien. „FinTech-Gewinner des Brexits werden meines Erachtens Amsterdam, Dublin und Luxemburg sein.“ Als Folge entgingen Großbritannien, kalkuliert Black, „in den nächsten zehn Jahren rund 5 Milliarden Britische Pfund an Steuereinnahmen verloren“. Quelle: Reuters
WissenschaftAuch in der Forschungswelt herrscht beidseits des Kanals große Sorge über die Möglichkeiten zukünftiger Zusammenarbeit. Die EU verliere mit Großbritannien einen wertvollen Partner, ausgerechnet in einer Zeit, in der grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit mehr denn je gebraucht werde, beklagt etwa Rolf Heuer, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. „Wissenschaft muss helfen, Grenzen zu überwinden.“ Venki Ramakrishnan, der Präsident der Royal Society, fordert, den freien Austausch von Ideen und Menschen auch nach einem Austritt unbedingt weiter zu ermöglichen. Andernfalls drohe der Wissenschaftswelt „ernsthafter Schaden“. Wie das aussehen kann, zeigt der Blick in die Schweiz, die zuletzt, nach einer Volksentscheidung zur drastischen Begrenzung von Zuwanderung, den Zugang zu den wichtigsten EU-Forschungsförderprogramme verloren hat. Quelle: dpa
DigitalwirtschaftDie Abkehr der Briten von der EU dürfte auch die Chancen der europäischen Internetunternehmen im weltweiten Wettbewerb verschlechtern. „Durch das Ausscheiden des wichtigen Mitgliedslands Großbritannien aus der EU werde der Versuch der EU-Kommission deutlich erschwert, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen“, kommentiert Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer beim IT-Verband Bitkom, den Volksentscheid. Daneben werde auch der Handel zwischen den einzelnen Ländern direkt betroffen: 2015 exportierte Deutschland ITK-Geräte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro nach Großbritannien geliefert; acht Prozent der gesamten ITK-Ausfuhren aus Deutschland. „Damit ist das Land knapp hinter Frankreich das zweitwichtigste Ausfuhrland für die deutschen Unternehmen.“ Quelle: REUTERS
ChemieindustrieDie Unternehmen befürchten einen Rückgang grenzüberschreitender Investitionen und weniger Handel. Im vergangenen Jahr exportierte die Branche nach Angaben ihres Verbandes VCI Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro nach Großbritannien, vor allem Spezialchemikalien und Pharmazeutika. Das entspricht 7,3 Prozent ihrer Exporte. Von der Insel bezogen die deutschen Firmen Waren für 5,6 Milliarden Euro, vor allem pharmazeutische Vorprodukte und Petrochemikalien. Quelle: REUTERS
ElektroindustrieNach einer Umfrage des Ifo-Instituts sehen sich besonders viele Firmen betroffen (52 Prozent). Das Vereinigte Königreich ist der viertwichtigste Abnehmer für Elektroprodukte „Made in Germany“ weltweit und der drittgrößte Investitionsstandort für die Unternehmen im Ausland. Dem Branchenverband ZVEI zufolge lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Elektroprodukte im Wert von 9,9 Milliarden Euro nach Großbritannien. Dies entspreche einem Anteil von 5,7 Prozent an den deutschen Elektroausfuhren. Quelle: dpa

Rückenwind bekommt die Wirtschaft derzeit vor allem von der anziehenden Inlandsnachfrage. So schraubten sowohl die Baubranche dank des Wohnungsbaubooms als auch die Einzelhändler ihre Ziele für 2016 hoch

Der Bauverband HDB erhöhte seine Umsatzprognose von 3,5 auf 5,0 Prozent und peilt mit gut 106 Milliarden Euro die höchsten Erlöse seit 1997 an. „Die Auftragsbestände haben Ende Juni ein Niveau erreicht, das die Branche zuletzt zum Ende des Aufschwungs Ost im Jahr 1995 gesehen hat,“ sagte HDB-Präsident Peter Hübner.

Der Einzelhandel profitiert von den niedrigen Zinsen, dem guten Arbeitsmarkt und damit von der Kaufkraft der Konsumenten. Der Branchenverband HDE erhöhte daher seine Umsatzprognose für 2016 auf nominal 2,5 von zwei Prozent an. Die Firmen seien mit dem bisherigen Jahresverlauf zufrieden, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Während der Online-Handel deutlich wachse, stünden viele Bekleidungsgeschäfte unter Druck.

OECD warnt vor weltweiter "Wachstumsfalle"

Während es in Deutschland noch vergleichsweise gut läuft, traut die OECD der britischen Wirtschaft im nächsten Jahr nur noch ein Plus von einem Prozent zu. Vor dem Anti-EU-Referendum im Juni hatten die Ökonomen noch mit einem doppelt so hohen Wachstum gerechnet.

Der globalen Konjunktur sagen sie in diesem und im nächsten Jahr jeweils nur ein Anziehen um rund drei Prozent voraus. „Die Weltwirtschaft bleibt insgesamt in einer Falle niedrigen Wachstums.“ Die Prognose für die USA 2016 wurde spürbar auf 1,4 (zuvor 1,8) Prozent gesenkt.

Die niedrigen und oft schon negativen Zinsen sorgen laut OECD an den Finanzmärkten für Verzerrungen und für steigende Risiken. Die Experten appellierten an die Politik, hier gegenzusteuern und mit Strukturreformen und einer veränderten Ausgaben- und Steuerpolitik für mehr Wachstum zu sorgen.

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