OECD-Ökonomin Catherine Mann "Europa hinkt beim Schuldenabbau hinterher"

Die Chefökonomin der OECD Catherine Mann warnt vor einer weltweiten Investitionsschwäche und spricht sich für eine Stärkung der Nachfrage aus.

Catherine Mann Quelle: flickr ©OECD - Michael Dean

WirtschaftsWoche: Professorin Mann, die Weltwirtschaft wächst derzeit schwächer als erwartet, Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Was ist der Grund dafür?

Catherine Mann: Die Unternehmensinvestitionen in den OECD-Ländern liegen derzeit nur um fünf Prozent über dem Niveau vor Ausbruch der Finanzkrise. Verglichen mit früheren Aufschwungphasen, müssten sie eigentlich um 20 bis 40 Prozent über dem Vorkrisenniveau liegen. Ein Grund für die Schwäche ist die erhöhte politische Unsicherheit, die die Investitionsbereitschaft der Firmen bremst. Dazu kommt, dass die Absatzaussichten für die Betriebe wackelig sind. Als Investitionshemmnis erweisen sich auch die Regulierungen auf Güter- und Dienstleistungsmärkten, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Der US-Ökonom Robert Gordon behauptet, die Weltwirtschaft stehe vor einer lang anhaltenden Schwächephase. Teilen Sie die These?

Gordon betont zu Recht, dass Investitionen in innovative Technologien den Kapitalstock und damit das langfristige Wachstumspotenzial der Wirtschaft bestimmen. Unsere eigenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass das Innovations- und Investitionstempo bei Unternehmen, die in ihren jeweiligen Branchen zu den Top-Innovatoren gehören, unverändert hoch ist. Woran es mangelt, ist die Verbreitung der neuen Technologien bei der breiten Masse der Unternehmen. Das bremst die Produktivität.

Das spricht für eine anziehende Konjunktur

Können denn die Niedrigzinsen die Investitionen anregen?

Die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten haben dazu geführt, dass die Investitionen kaum auf Zinssignale reagieren. Die Wirtschaft befindet sich in einer keynesianischen Investitionsfalle. Allerdings trifft das nicht für alle Sektoren zu. Die privaten Haushalte reagieren durchaus zinselastisch. In Ländern, in denen sich die Bürger zu variablen Zinskonditionen verschuldet haben, haben die niedrigen Zinsen den Schuldendienst verringert und den Konsum angeregt. Zudem wirken sich die gestiegenen Aktienkurse positiv auf das Vermögen und die Kauflaune aus. Die geldpolitischen Impulse stimulieren derzeit vor allem über den Sektor der privaten Haushalte die Konjunktur.

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