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OECD-Statistik Warum in Deutschland so wenig Netto vom Brutto bleibt

Wenigverdiener mit Kindern zahlen in Deutschland noch hohe Steuern. In Neuseeland und Kanada bekommen sie stattdessen Geld vom Staat dazu. Quelle: imago images

In einigen Industrieländern, vor allem den USA, sinkt die Steuer- und Abgabenbelastung, in Deutschland fast gar nicht. Die internationalen Unterschiede sind vor allem für Eltern gewaltig.

Die Steuerbelastung für Durchschnittsverdiener hat abgenommen. Allerdings in Deutschland nur sehr leicht und viel weniger als im Schnitt der Industriestaaten. Deutschland bleibt also ein Hochsteuerland. Nur die Durchschnittsverdiener in Belgien werden vom Fiskus noch stärker zur Kasse gebeten. Ähnliches gilt für durchschnittliche Alleinverdienerpaare mit zwei Kindern. Das zeigt eine Vergleichsstudie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die OECD-Statistiker sprechen vom sogenannten „Steuerkeil“ (tax wedge) als Maß für staatliche Einkommensumverteilung: er misst die Differenz zwischen den Arbeitskosten des Arbeitgebers pro Arbeitnehmer und dem Nettoverdienst, der dem Arbeitnehmer bleibt. Zum Keil gehören also sowohl die Einkommenssteuern und Sozialabgaben, die auf der Abrechnung der Arbeiter und Angestellten erfasst werden, als auch der Arbeitgeberanteil, der für Arbeitnehmer unsichtbar bleibt. Davon abgezogen werden wiederum staatliche Transferzahlungen wie das Kindergeld.  

Der Steuerkeil für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener betrug 2018 im OECD-Durchschnitt 36,1 Prozent. 0,16 Prozentpunkte weniger als 2017. Er sinkt damit im vierten Jahr in Folge. Dafür verantwortlich ist vor allem das deutliche Sinken in den USA (-2,19 Prozentpunkte), aber auch in drei europäischen Ländern – Estland (-2,54), Ungarn (-1,11) und Belgien (-1,09). In Deutschland schmolz der Keil dagegen nur um 0,1 Prozentpunkte und bleibt mit 49,5 Prozent der weltweit zweitgrößte hinter Belgien. In Deutschland nimmt also der durchschnittliche alleinstehende Arbeitnehmer nur 50,5 Prozent seines für den Arbeitgeber anfallenden Bruttogehalts mit nachhause (Transferleistungen inbegriffen), während es andernorts im Schnitt 63,9 Prozent sind.

Ein wenig kleiner, nicht nur absolut, sondern auch im OECD-Vergleich, ist der Steuerkeil für Alleinverdienerpaare mit zwei Kindern und einem Durchschnittseinkommen in Deutschland. 2018 betrug er 34,4 Prozent gegenüber einem OECD-Schnitt von 26,6 Prozent. Bei Familien mit zwei Kindern und zwei Verdienern (einer 100 Prozent des Durchschnittseinkommens, der andere 67 Prozent) beträgt der Steuerkeil in Deutschland 42,6 Prozent. Die geringere Belastung von Familien mit nur einem Erwerbstätigen ergibt sich durch Ehegattensplitting und beitragsfreie Mitversicherung von Familienangehörigen. Aber auch bei Familien hier hinkt Deutschland der OECD-Tendenz zu abnehmender Belastung hinterher: 2017 war es noch auf Rang 10 der OECD-Nationen mit dem höchsten Steuerkeil für Alleinverdiener-Familien, 2018 nimmt Deutschland Rang 9 ein. 

Auf der anderen Seite der Ranglisten stehen nur außereuropäische Staaten. In Chile macht es kaum einen Unterschied für die Steuer- und Abgabenbelastung, ob man verheiratet ist oder Kinder hat. Sie ist vergleichsweise verschwindend gering. Der Steuerkeil beträgt selbst für alleinstehende Gutverdiener mit 167 Prozent des Durchschnittseinkommens nur 8,3 Prozent. Eine Familie mit zwei Kindern und zwei Verdienern (ein Durchschnittseinkommen und eines von 33 Prozent des Durchschnitts) zahlt nur 4,8 Prozent beider Einkommen an den Staat und die Sozialversicherer.

In Neuseeland zahlt eine Alleinverdienerfamilie mit zwei Kindern und einem Durchschnittseinkommen fast nichts an den Staat - ganze 1,9 Prozent. Wenig verdienende (67 Prozent des Durchschnittseinkommens) Alleinerziehende mit zwei Kindern zahlen in Neuseeland nicht nur überhaupt keine Einkommenssteuern und Abgaben – sie bekommen sogar noch 20,5 Prozent ihres Verdiensts in Form von staatlichen Sozialtransfers hinzu. Auch in Kanada erhält solch ein alleinerziehender Wenigverdiener 15,2 Prozent vom Staat hinzu. Zum Vergleich: In Deutschland muss dieser alleinerziehende Wenigverdiener noch 31,5 Prozent an den Staat und die Sozialversicherungen abführen.

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