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Ökonom Daniel Stelter warnt "Es wird zu einer Korrektur der Vermögenswerte kommen"

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"Schulden können nicht ewig schneller wachsen als das Einkommen"

Können Sie den Effekt der Schulden auf die Vermögen bitte näher erklären?

Nehmen wir ein Rechenbeispiel: Wenn ein Vermögenswert (zum Beispiel eine Aktie), den Sie für 1000 Euro kaufen, 100 Euro jährlichen Ertrag abwirft, verzinst sich Ihr Einsatz dort mit 10 Prozent. Wenn Sie sich die Hälfte des Kaufpreises zu einem Zinssatz von der Hälfte seiner Rendite, nämlich fünf Prozent, leihen können, steigt die Rendite auf Ihren Kapitaleinsatz schon auf 15 Prozent - weil der Kredit Sie nur 25 Euro kostet, Sie aber doppelt so viel einsetzen können. Das nennt man salopp „hebeln“. Genau das wurde von 1980 bis 2007 gemacht. Wenn Sie nun auch noch, wie die Hedgefonds und Banken, stärker hebeln konnten, also etwa 800 Euro zu fünf Prozent leihen, stieg Ihre Rendite schon 30 Prozent. Zugleich konnten Sie ja insgesamt mehr Aktien kaufen und so die Preise nach oben treiben. Solange die Rendite des Vermögensgegenstandes über den Zinskosten liegt, lohnt sich das. Stellen Sie sich doch nur mal vor, wo die Immobilienpreise in Deutschland lägen, hätten wir ein Zinsniveau von 8 Prozent. Sicherlich nicht auf heutigem Niveau! Das erklärt auch zum Teil die von Piketty bemängelte Konzentration des Geldes in weniger Händen, denn Kleinsparer können das nicht, und ihr Anfangseinsatz ist zu klein. Der Rest erklärt sich dadurch, dass mit der Zeit in politisch stabilen Staaten immer größere Vermögen durch Erbschaften und nicht mehr durch unternehmerische Gründung geschaffen werden, und weil die Reichen immer weniger Kinder bekommen, steigt die Konzentration. In dem Punkt liegt Piketty dann wieder richtig.

Und das ist kein nachhaltiges Wachstum?

Nein, denn Schulden können nicht ewig schneller wachsen als das Einkommen. Historisch verschwanden sie noch jedes Mal, wenn sie zuvor aus dem Ruder gelaufen waren. Entweder durch Schuldenschnitte, von denen schon in der Bibel die Rede ist, oder durch Inflation. Schon in Mesopotamien wurden die Schulden von Zeit zu Zeit erlassen, weil die Könige feststellten, dass sich das Volksvermögen recht schnell in den Händen der erfolgreicheren Wirtschaftssubjekte konzentrierten. Das führte schon damals zu wirtschaftlicher Stagnation und Unruhen, deswegen wurden die Schulden recht planmäßig erlassen wurden – zunächst etwa alle 30 Jahre, daher der Begriff alle „Jubeljahre“. Das Problem: Weil alle den Rhythmus kannten, stiegen die Zinsen exponentiell. Am Schluss musste man in Babylon, Ur und Niniveh schon alle drei Jahre streichen.

Sie erwarten also auch heute eine Entwertung der Vermögen, vor allem der nominellen, also in Zinskonten investierten?

Wenn es uns nicht gelingt, die Schulden vorher im geordneten Maße abzubauen, dann ja. Denn die Krise ist ja nicht im Ansatz gelöst, auch, wenn sie derzeit etwas aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Sie kann jederzeit wieder hochkochen. Die Notenbanken haben massiv interveniert und damit Zeit gekauft. Aber die Politiker haben diese Zeit nicht genutzt, etwa hätten Strukturreformen wie die der Agenda 2010 auch in Italien und Frankreich durchgeführt werden müssen. Das ist kaum passiert. Auch das Rezept des eisernen Sparens von Kanzlerin Merkel funktioniert nicht, weil es das Wachstum in den Krisenländern erst recht abwürgt.

Aus den Schulden Herauswachsen und Gesundsparen - die Idee dahinter funktioniert nur, wenn die Wirtschaft wächst. Das tut sie in Südeuropa nicht. Die Verhältnisse von Schulden zum BIP sind in allen Krisenländern, aber auch Frankreich und Holland deutlich höher als zu Beginn der Krise. Und da komme ich dann zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie Piketty: Es wird eine deutliche Korrektur der Vermögenswerte geben. Aber nicht, weil die Vermögenswerte ungerechtfertigt hoch sind, sondern weil die Schulden untragbar hoch sind. Das Ergebnis ist aus Sicht der Vermögensbesitzer jedoch leider das Gleiche. Vermögen sind nur ein Symptom. Schulden die wahre Ursache.

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