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Ökonom Enzo Weber „Weniger als zwei Millionen Arbeitslose sind möglich“

Arbeitsmarkt: „Weniger als zwei Millionen Arbeitslose sind möglich“ Quelle: dpa

Der Ökonom Enzo Weber über den anhaltenden Jobboom in Deutschland, die Gefahren der Demografie – und warum eine Dienstpflicht für junge Leute ökonomisch kontraproduktiv sein könnte.

WirtschaftsWoche: Herr Weber, die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ist zuletzt auf 44,7 Millionen gestiegen, die Zahl der offenen Stellen nimmt weiter zu. Sehen Sie irgendwelche Anzeichen, dass sich die Lage am deutschen Arbeitsmarkt in diesem oder nächsten Jahr eintrüben könnte?
Enzo Weber: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt ist robust. Es gibt keine Indizien, dass der Arbeitskräftebedarf in Deutschland einbrechen könnte. Das liegt auch daran, dass die Beschäftigungsentwicklung nicht mehr so stark wie früher an der Konjunktur hängt. Früher galt die Regel: Wenn das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent wächst, erhöht dies die Beschäftigung um 0,4 Prozent. Heute sind es nur noch 0,2 Prozent. Viele neue Arbeitsplätze sind ja im Dienstleistungssektor entstanden, etwa im Gesundheitsbereich oder in der Pflege. Da ist die Konjunkturabhängigkeit logischerweise geringer als in der Industrie. Hinzu kommt eine extrem niedrige Entlassungsquote, diese hat ein Rekordtief erreicht. Selbst wenn die Geschäfte schlecht laufen und Aufträge ausbleiben, überlegen es sich die betroffenen Unternehmen derzeit dreimal, eingearbeitete Fachkräfte rauszuwerfen, die ihnen später angesichts des leergefegten Arbeitsmarktes fehlen, wenn es wieder nach oben geht.

Lässt sich die Arbeitslosenzahl unter die Zwei-Millionen-Grenze drücken?
Das halte ich für möglich, zumal seit einiger Zeit auch die Langzeitarbeitslosigkeit zurückgeht. 

Sehen Sie wirklich überhaupt keine Risiken?
Wir dürfen nicht sorglos werden. So gut wie jetzt wird es nicht ewig weitergehen. Es gibt auch Faktoren, die den Arbeitsmarkt künftig belasten werden. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften nimmt ab, diese war einer der treibenden Faktoren für den langen Aufschwung am Arbeitsmarkt. In den vergangenen Jahren ist die Erwerbsbeteiligung kontinuierlich gestiegen, jetzt aber schlägt zunehmend der demografische Wandel durch. Pro Jahr verschwinden durch die Alterung über 300.000 Menschen vom Arbeitsmarkt, und wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden es noch viel mehr.

Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und Professor an der Universität Regensburg. Quelle: IAB

CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer hat jüngst mit dem Vorschlag einer einjährigen allgemeinen Dienstpflicht für junge Menschen für Aufsehen gesorgt. Könnte eine Dienstpflicht die Fachkräfteprobleme zumindest im Sozialbereich lindern?
Nein. Aus Arbeitsmarktsicht spricht so ziemlich alles gegen diesen Vorschlag. Ich will dabei nicht bewerten, ob eine Dienstpflicht gesellschaftspolitisch Sinn hat. Ökonomisch jedenfalls hat sie keinen. Der Arbeitsmarkt hat ja die Aufgabe des „Matchings“, das heißt: Freie Stellen sollen die Personen erhalten, die dort fachlich und persönlich am besten passen. Nur so kann man wirklich produktiv arbeiten. Wenn nun aber alle 18-Jährigen zwangsweise bestimmte Jobs ausüben müssen, entstehen ökonomisch ausgedrückt Opportunitätskosten – und zwar in beträchtlicher Höhe. Die meisten der jungen Leute würden nämlich mit anderen Tätigkeiten in einem Jahr deutlich mehr leisten können. Im Übrigen: Wollen wir wirklich massenweise unausgebildete Beschäftigte in Bereiche wie die Pflege zwingen, die eigentlich eine Aufwertung bräuchten? Genau das Gegenteil würde durch eine Dienstpflicht bewirkt.

Wie lässt sich die Fachkräftelücke denn dann schließen – durch noch mehr Migration?
Zunächst einmal: Eine gesamtwirtschaftliche Lücke sehe ich noch nicht, Probleme gibt es aber in einigen Segmenten. Besonders eng ist es in der Pflege, der Erziehung sowie in manchen handwerklichen und technischen Berufen – und zwar nicht nur bei Akademikern, sondern auch auf der mittleren Qualifikationsebene. Bei der Milderung von Fachkräfteengpässen helfen Migranten definitiv, das gilt vor allem für die Zuwanderung aus EU-Staaten. Das sind ja in der Regel Menschen, die kommen, um hier zu arbeiten. Bei Asylbewerbern ist die Ausgangslage schwieriger.

Warum?
Viele stecken noch in Integrationskursen und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Aber die Beschäftigtenzahlen bei Flüchtlingen entwickeln sich recht gut. Das sind allerdings überwiegend Helferjobs, etwa in der Gastronomie. Für den Anfang ist das ok, aber es darf nicht das typische Muster werden. Im Bereich der gering Qualifizierten haben wir schon jetzt hohe Arbeitslosigkeit. Ganz wichtig sind daher Aus-und Fortbildung. Für viele Flüchtlinge mag es attraktiver erscheinen, schnell in einen Job zu gehen und eigenes Geld zu verdienen, als eine mehrjährige Ausbildung zu machen. Ökonomisch aber wäre es fatal, wenn Arbeitnehmer mit Potenzial hängenbleiben.

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