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Ökonomen debattieren "Die Risiken des Euro glasklar vorhergesagt"

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"Formale Eleganz wird hoch geschätzt"

Die politische Elite in Deutschland zeichnet sich durch einen gewissen Anti-Intellektualismus aus

Ändert sich das denn nun?

Feld: Ja. Es gibt die ersten Papiere und Studien, die Komplexität der Bankenmodelle nimmt zu...

Bachmann: Ja, aber die Forschung baut hier auf der Grundlagenforschung der vergangenen Jahrzehnte auf. Ein Grund mehr, die Grundlagenforschung nicht zu vernachlässigen. Die hilft uns vielleicht später, neue Krisen zu verhindern.

Haucap: Hier kommen wir zu einem prinzipiellen Problem der VWL. Eine gute Idee ist schwerer zu erkennen als die Sauberkeit einer Methode. Das hat zur Folge, dass in der VWL formale Eleganz und saubere Methoden hoch geschätzt werden, die Suche nach neuen Ideen aber weniger. Zudem ist die Forschung teilweise durch die Verfügbarkeit von Daten getrieben und weniger durch die Relevanz der Frage. Was nutzt der Gesellschaft ein Wissenschaftler, der methodisch sauber das Verhalten von Sumo-Ringern analysiert, weil es dort tolle Daten gibt?

Die Mathematisierung der Ökonomie hat die verbal-logische Argumentation immer stärker verdrängt. Unterhalten wir uns bald nur noch in Formeln?

Bachmann: Ich bezweifle einen linearen Trend der Mathematisierung. Den hat es von den Fünfziger- bis Achtzigerjahren gegeben. Mittlerweile hat sich das abgeschwächt; es gibt eine Ausdifferenzierung der Methoden. Die hohe Zeit der Theoretiker ist vorbei. Wenn ich mir die neuen Lehrstuhlbesetzungen anschaue, wird deutlich: Das sind alles Wissenschaftler, die angewandt forschen. In ihren Papieren sind wenige Formeln, vielleicht mal eine Regressionsgleichung.

Wer sich die VWL-Szene anschaut, hat gleichwohl den Eindruck, dass es Ökonomen gibt, die virtuos komplexe Regressionsanalysen erstellen können – aber David Ricardo für den Rechtsaußen der spanischen Nationalmannschaft halten.

Bachmann: Sie übertreiben. Ich denke schon, dass man ein guter Ökonom sein kann, ohne in Dogmengeschichte zu brillieren. Das ist ja das Schöne an unserem Fach: Es ist so breit diversifiziert, dass viele bunte Typen dort glücklich werden können.

Freytag: Das heißt aber nicht, dass Volkswirte ein Ersatz-Mathematik-Studium anstreben sollten, so fundamental logisches Denken und mathematisches Verständnis für unser Fach auch sind. Viele Studenten finden heute nicht mehr die Zeit, sich mit den Lehren alter Meister auseinanderzusetzen. Das macht sie nicht per se zu schlechten Ökonomen, verkürzt aber ihren ökonomischen Horizont. Ich habe im Übrigen den Eindruck, dass an vielen Fakultäten die Rolle von Institutionen und ordnungspolitischen Zusammenhängen wieder an Gewicht gewinnt.

Haucap: Wie in jeder anderen Wissenschaft ist auch in der Ökonomie die Arbeitsteilung wichtig, weil die Methoden spezialisierter geworden sind. Man kann schwerlich ein guter Geldtheoretiker und zugleich ein guter Wettbewerbsökonom oder Steuerexperte sein. Allerdings gibt es dabei die Gefahr der Überspezialisierung: Man kann leicht den Blick für das Ganze verlieren und sich in Glasperlenspielen verlieren.

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