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Ökonomen debattieren "Die Risiken des Euro glasklar vorhergesagt"

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"Prognosen können nie exakt sein"

Das Image der Volkswirte ist schon länger ramponiert. Man wirft Ihrem Berufsstand vor, die Finanzkrise nicht vorhergesehen zu haben und eine konjunkturelle Fehlprognose an die nächste zu reihen. Zu Recht?

Haucap: Sachte, sachte. Die Risiken der Währungsunion haben Ökonomen glasklar vorhergesagt und die Konstruktionsmängel des Euro bis ins letzte Detail analysiert. Das lag alles auf dem Tisch. Ich habe jüngst einen WirtschaftsWoche-Artikel von Rudolf Richter aus dem Jahr 1991 gelesen, in dem es um die Produktivitätsprobleme Griechenlands ging und die Risiken der gemeinschaftlichen Haftung für Staatsschulden! Helmut Kohl hat damals gesagt, der Euro sei eine politische Veranstaltung und keine ökonomische. Nun ja: Das war eine Fehleinschätzung. Die Ökonomie ist nicht einfach weg, nur weil man sich das wünscht.

Bachmann: Prognosen können in einer dynamischen Welt nie exakt sein, sondern nur grobe Orientierung bieten. Deshalb halte ich die massive Kritik an der Treffgenauigkeit von Prognosen für überzogen. Allerdings müssen wir uns eingestehen, dass in der Mainstream-Ökonomie die Finanzmarktforschung und die Beschäftigung mit Spekulationsblasen über Jahre hinweg ein bisschen als Elfenbeinturm-Forschung gegolten haben. Es gab diese Ansätze, doch die Finanzmärkte galten vielen Volkswirten als makroökonomisch irrelevant – was in normalen wirtschaftlichen Zeiten auch legitim war.

Freytag: Das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Ökonomie war aber schon vor der Krise sehr speziell und stärker aufgeladen als etwa das zur Naturwissenschaft. Jeder Mensch lebt in der Wirtschaft und hat ein eigenes Bild von ihr. Es gibt keine einfachen Wahrheiten, noch nicht einmal strenge Gesetzmäßigkeiten. Deshalb ist es schwer, mit Nichtökonomen zu diskutieren – während der Forschung von Naturwissenschaftlern relativ unkritisch begegnet wird. Insofern sehe ich wenig Neues.

Feld: Nein, so einfach ist das nicht. Die Ökonomen haben nachhaltig an Reputation verloren. Auch die Aussage, Prognosen seien nun mal risikobehaftet, ist mir zu schlicht. Im Herbst 2008 haben der Sachverständigenrat und viele Forschungsinstitute – das DIW noch im Dezember – Prognosen für das spätere Rezessionsjahr 2009 abgegeben, die völlig daneben waren. Dies sollte sich so nicht wiederholen.

Wie wollen Sie das verhindern?

Feld: Wir nutzen für Prognosen zum Teil zu wenig aktuelle Daten – die Grundlage für die Herbstprognosen der Institute und des Rates reicht bis zum zweiten Quartal. Die Daten am aktuellen Rand müssen rascher verfügbar sein, um auf die zunehmende Volatilität der Wirtschaft zu reagieren. Zudem sollten die Prognostiker stärker mit Szenarien arbeiten und besser Korridore als genaue Werte prognostizieren. Klar ist auch, dass wir den Bankensektor in den Makromodellen sträflich vernachlässigt haben. Die Hinnahme der Effizienzmarkthypothese, dass also alle Marktteilnehmer rational und auf Basis gleicher Informationen agieren, war ein Fehler.

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