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Ökonomen der Krise Schumpeters Theorie der schöpferischen Zerstörung hat Konjunktur

Jede Rezession trägt den Keim für den nächsten Aufschwung in sich. Für den Ökonomen Joseph Schumpeter hilft gegen schwere Krisen nur eines – innovative Unternehmer.

Schumpeter Quelle: dpa

Der Mann ist psychisch labil, ein Hallodri und Weiberheld, ein Geldverschwender vor dem Herrn. Er fährt mit Prostituierten in einer offenen Kutsche durch Wien. Er ist neun Monate lang Finanzminister von Österreich. Er treibt ein Bankhaus in die Pleite, und in depressiven Phasen führt er Gespräche mit der toten Ehefrau. Das soll der Lebenslauf eines berühmten Ökonomen sein?

Jawohl. Der 1883 in Mähren als Sohn eines Tuchfabrikanten geborene Joseph Alois Schumpeter zählt zu den einflussreichsten Ökonomen der Wirtschaftsgeschichte. Seine Vierphasen-Theorie des Konjunkturzyklus kennt jeder VWL-Student. Die Management-Legende Peter Drucker befand schon vor 25 Jahren, es sei Schumpeter, der „für den Rest des Jahrhunderts, wenn nicht für die nächsten 30 oder 50 Jahre, das Denken formen und über die Fragen der Wirtschaftspolitik Auskunft geben wird“.

In völligem Bruch mit den klassischen Ökonomen ist die Wirtschaft für Schumpeter stets im Ungleichgewicht. Nach seiner Ansicht – und diese Botschaft hat in der aktuellen Krise durchaus etwas Tröstliches – ist dem Kapitalismus ein „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ eigen. Neue Produkte verdrängen die alten, neue Verfahren ersetzen überkommene Produktionsstrukturen. Triebfeder eines jeden neuen Aufschwungs ist für Schumpeter der „dynamische Unternehmer“.

In der ersten Konjunkturphase liegt die Wirtschaft zunächst noch am Boden, erhält aber neue Impulse durch innovative Entrepreneure, die neue Produkte erfinden, neue Produktionsmethoden entwickeln und neue Märkte erschließen. Dies passiert nicht nach und nach, sondern schubweise. Die Kapazitätsauslastung der Fabriken und die Nachfrage nach Gütern und Arbeitskräften steigen.

Nun beginnt die zweite Phase, die „Prosperität“: Die Innovation sichert dem Pionierunternehmer zunächst ein Monopol und fette Gewinne. Die hohe Kapazitätsauslastung führt aber zu Kostensteigerungen. Zudem treten Imitatoren in den Markt ein, die das Produkt kopieren. Die Nachfrage sinkt, es tritt eine Marktsättigung ein, allenfalls gebremst durch Anschlussinnovationen, die das Produkt verfeinern.

In der dritten Phase, der Rezession, ist der Markt ausgereizt, Kapazitätsauslastung und Gewinne schrumpfen. Wenn es richtig schlecht läuft, folgt nun Phase vier, die Depression, in der das Produktionspotenzial brachliegt. Spätestens jetzt beginnen Pionierunternehmer wieder „die Produktionsstruktur zu reformieren oder zu revolutionieren“, und häufig sind es andere Unternehmen als im vorangegangen Zyklus.

Unternehmen verlieren ihre Lebenskraft, wenn die Idee unzeitgemäß geworden ist

Für Schumpeter ist es ein normaler Effekt der „schöpferischen Zerstörung“, dass alte Firmen vom Markt verschwinden, während Newcomer nach vorne preschen: „Die meisten Unternehmen werden mit einer Idee und zu einem bestimmten Zweck gegründet. Sie verlieren ihre Lebenskraft, wenn die Idee unzeitgemäß geworden ist.“

So wechselhaft wie die Wirtschaft verlief auch Schumpeters Leben. Er studierte von 1901 bis 1906 Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft in Wien, arbeitete danach als Jurist in Kairo und verwaltete das Vermögen einer arabischen Prinzessin. Mit 27 Jahren wurde er ÖkonomieProfessor an der Universität Graz. Dort schrieb er sein Hauptwerk, die „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.

1919 machte ihn der österreichische Kanzler Karl Renner zum Finanzminister – wegen seines Widerstands gegen ein Verstaatlichungsprojekt musste er bald darauf wieder gehen. Zwischen 1921 und 1924 dilettierte der ruhelose Ökonom als Präsident der Wiener Biedermann-Bank, die während der Inflationsjahre (wie Schumpeter selbst) pleiteging.

1925 wurde er Professor für Finanzwissenschaften in Bonn. Seine ökonomischen Analysen veröffentlichte der glänzende Theoretiker und einer der Urväter der Ökonometrie fortan unter anderem im „Deutschen Volkswirt“, dem Vorläufer der WirtschaftsWoche. 1932 wechselte Schumpeter an die Harvard-Universität in den USA.

Schumpeter wurmte der Erfolg von Keynes

Persönlich ging es ihm mit zunehmendem Alter schlechter. Star der Ökonomenszene war der Brite John Maynard Keynes. Schumpeter neidete ihm diesen Erfolg. Er vereinsamte, seine Ansichten wurden teilweise verquer, manche sagten ihm gar latenten Antisemitismus nach. Sein wissenschaftliches Spätwerk ist durch eine pessimistische Weltsicht geprägt. 1942 veröffentlichte er das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, in dem er den Untergang des Kapitalismus prophezeite.

Die Gründe: eine zunehmende Vermachtung der Wirtschaft, die Dominanz großer Konzerne, eine wachsende Systemfeindschaft der Intellektuellen und ein Zerfall der bürgerlichen Familienstruktur.

Schumpeter starb 1950 an einem Gehirnschlag. Er wolle „der größte Liebhaber Wiens, der beste Reiter in Europa und der bedeutendste Ökonom der Welt“ werden, hatte er einmal versprochen. Später brüstete er sich, von diesen drei Zielen nur eines nicht erreicht zu haben.

Vom 10.–12. Juni 2009 findet in Schumpeters tschechischem Geburtsort Trest eine Ökonomen-Konferenz zur Bedeutung und Weiterentwicklung seiner Arbeiten statt.

Infos unter www.schumpeter.cz

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