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Ökonomen Keynes und seine Bedeutung in der Wirtschaftskrise

John Maynard Keynes löste mit seiner Analyse der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Wer war dieser Mann – und wie wichtig ist seine Lehre heute?

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1932, Arbeitslose in den USA: Quelle: AP

Gäbe es einen Indikator für die Schwere und Länge von Rezessionen, so müsste er wohl die Häufigkeit messen, mit der der Name John Maynard Keynes in der Öffentlichkeit auftaucht. Der Brite ist der Krisenökonom schlechthin: In seinem 1936 veröffentlichten Hauptwerk, der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ , hat er die Ursachen der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre untersucht und ein Lösungskonzept entwickelt, das die Ökonomie revolutionierte. Seither gilt: Je auswegloser eine Rezession erscheint, desto intensiver suchen Politiker Rat bei den Ideen des britischen Ökonomen. Kein Wunder also, dass jetzt, in der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, die Lehren von Keynes wieder ganz oben auf der wirtschaftspolitischen Agenda stehen.

Wer war dieser Mann, der so nachhaltig das ökonomische Denken verändert hat? Keynes wurde 1883 im englischen Cambridge geboren. Sein Vater, ein Mathematiker und Ökonom, war Professor an der Universität in Cambridge. Seine Mutter wurde in der kleinen Stadt zur ersten Bürgermeisterin Englands gewählt. Unter dem strengen Regiment des Vaters, der ihn intellektuell schon früh forderte, wuchs John Maynard wohlbehütet auf. Er besuchte Englands vornehmstes Gymnasium, das Eton College, wo er durch herausragende Fähigkeiten in Mathematik auffiel. Wegen seines Charmes und Charismas hatte er viele Freunde, und mit seiner ambivalenten sexuellen Orientierung – in Eton hatte er erste homosexuelle Kontakte – verstieß Keynes schon damals gegen bürgerliche Konventionen. Nonkonformismus prägte auch später seine wissenschaftliche Arbeit und seine Auseinandersetzungen mit den Mächtigen der Welt. 1902 schrieb sich Keynes in das King’s College der Uni Cambridge für das Mathematikstudium ein, das er drei Jahre später abschloss. Danach begann er bei Alfred Marshall und Cecil Pigou ein Studium der Nationalökonomie. Das Examen schloss er als Zweitbester von 104 Kandidaten ab. Dass er nicht Bester wurde, erklärte er so: „Wahrscheinlich wussten die Prüfer weniger als ich.“

Nach dem Studium nahm Keynes eine Stelle im Indien-Ministerium der britischen Regierung in London an. In der Hauptstadt schloss er sich der Bloomsbury-Gruppe an. Der elitäre Kreis aus Künstlern, Literaten und Wissenschaftlern pflegte einen hedonistisch-elitären Lebensstil und beeinflusste Keynes weitere geistige Entwicklung. Von 1908 an hielt er als Privatdozent Vorlesungen über Geld und Kredit.

Keynes stellte die klassische Ökonomie infrage

Während des Ersten Weltkriegs wurde Keynes ins Finanzministerium versetzt und nahm 1919 als Chefunterhändler des Ministeriums an den Friedensverhandlungen in Versailles teil. Vehement wandte er sich dagegen, Deutschland mit hohen Reparationszahlungen zu belasten, da diese dessen Wirtschaft nach seiner Ansicht ruinieren würden. Doch seine Warnungen fanden kein Gehör, drei Wochen vor Abschluss des Versailler Vertrags trat Keynes frustriert von seinem Posten zurück. Für die in Versailles versammelte Politikerelite fand er nur Spott. US-Präsidenten Woodrow Wilson bezeichnete er als „tauben Don Quichote“.

Angesichts solcher Äußerungen war das Ende seiner Karriere in der britischen Administration besiegelt. Keynes wechselte in die Privatwirtschaft, wurde Präsident einer Lebensversicherung und Chefmanager einer Investmentgesellschaft. An seinem Bett stand zu jener Zeit ein Telefon, über das er sich morgens schon vor dem Aufstehen ein Vermögen an der Börse zusammenspekulierte. Als Keynes 1925 die russische Tänzerin Lydia Lopokowa heiratete – die Ehe hielt bis zu seinem Tod – geriet er zunehmend in die Klatschspalten der Presse. 1944 gab Keynes ein Comeback auf der internationalen Bühne: Als Vertreter Großbritanniens auf der Konferenz in Bretton Woods war er maßgeblich an der Errichtung des Systems fester Wechselkurse beteiligt.

Im Oktober 1929 brach die New Yorker Börse ein, die Weltwirtschaft taumelte in ihre bis dahin schwerste Krise. Während die meisten Ökonomen den Regierungen empfahlen, sich zurückzuhalten, schwamm Keynes gegen den Strom und forderte von der britischen Regierung, sich pro Jahr 100 Millionen Pfund bei den Banken zu leihen und damit Jobs für 500.000 Arbeitslose zu schaffen. Der Gedanke, der Staat müsse bei einem Wegbrechen der privaten Nachfrage die Lücke schließen und die Wirtschaft so vor dem Kollaps bewahren, war auch die Kernbotschaft seines berühmtesten Werks, der „Allgemeinen Theorie“. Das schwer lesbare Buch stellte die Gleichgewichtsvorstellungen der bis dahin dominierenden klassischen Theorie infrage. Den Klassikern zufolge hätte es gar keine Weltwirtschaftskrise geben dürfen. Sie nahmen an, dass Löhne und Preise auf Angebots- und Nachfrageschwankungen flexibel reagierten und so eine Rückkehr zum Gleichgewicht erzeugten. Eine sinkende Nachfrage, so argumentierten sie, drücke die Preise. Das steigere die reale Kaufkraft und den Konsum. Die Nachfrage werde dadurch wieder auf das Gleichgewichtsniveau steigen.

Auch am Arbeitsmarkt kann es demzufolge kein dauerhaftes Ungleichgewicht geben. Sinkt die Nachfrage nach Arbeitskräften, gehen die Löhne auf Talfahrt, bis die Unternehmen wieder mehr Arbeitskräfte nachfragen und Vollbeschäftigung entsteht. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit konnte es in der Welt der Klassiker nicht geben. Doch die Weltwirtschaftskrise lehrte etwas anderes. Die Unternehmen reagierten auf die wegbrechende Nachfrage mit drastischen Produktionskürzungen und Entlassungen. Preise und Löhne sanken zwar – doch die Rückkehr zum Gleichgewicht blieb aus. Stattdessen reduzierten die niedrigeren Löhne die Kaufkraft der Arbeitnehmer, bremsten den Konsum und veranlassten die Unternehmen zu weiteren Produktionskürzungen. Die Abwärtsspirale beschleunigte sich.

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