Ökonomentagung Wird die Eurokrise zur Dauerkrise?

Ökonomen fürchten, dass die Eurokrise noch lange anhält. Doch ihre Lösungsvorschläge sind fragwürdig.

Griechenland ist am schlechtesten in die EU integriert
Mann mit griechischer Flagge Quelle: dapd
Blick auf Warschau Quelle: dpa
Blick auf Riga Quelle: dpa
Blick auf das ungarische Parlament Quelle: dpa
Platz in Vilnius, Litauen Quelle: AP
Ein Mädchen winkt mit der schwedischen Flagge Quelle: dpa
Urmas Paet und Frank-Walter Steinmeier Quelle: dpa
London Quelle: dpa
Dänische Flagge Quelle: dpa
Portugiesische Flagge Quelle: dpa
Rom Quelle: dpa
Zypern Quelle: dpa
Prag Quelle: dpa
Malta Quelle: REUTERS
Slowenien Quelle: REUTERS
Madrid Quelle: dpa
Finnische Flagge Quelle: dpa
Slowakische Flagge Quelle: AP
Schild mit der Aufschrift Niederlande Quelle: dpa
Paris Quelle: REUTERS

Nur noch wenige Tage, dann wählen die Griechen ein neues Parlament. Gewinnt das Linksbündnis um Alexis Tsipras die Mehrheit und beendet den Sparkurs, könnte das Land gezwungen sein, die Eurozone zu verlassen. Die Finanzmärkte rund um den Globus dürften das mit heftigen Kurskapriolen quittieren. Denn es wäre ein Zeichen für die Reversibilität der Währungsunion.

Daher kann es nicht verwundern, dass das Euro-Thema auch die Ökonomen in den USA beschäftigt. Auf der Jahrestagung der American Economic Association, dem größten Ökonomentreffen der Welt, machten sie sich am Wochenende Gedanken darüber, wie es mit dem Euro weitergeht, wie lange die Krise noch anhält und was dagegen zu tun ist. Die Rezepte, die sie dabei anboten, dürften den Anhängern einer stabilitätsorientierten Geldpolitik und einer soliden Finanzpolitik allerdings die Haare zu Berge stehen lassen.

Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen von der Universität Berkeley in Kalifornien vertrat die Ansicht, die Eurokrise sei im Kern zwar überwunden. Allerdings leide die Währungsunion noch immer darunter, dass die Banken unterkapitalisiert seien und sich bei der Kreditvergabe zurückhielten. Zudem erschwerten die geringen Wachstumsraten den Abbau der Staatsschulden.

Griechenlands Schwächen

Eichengreen empfahl den Regierungen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln, um die Konjunktur in Schwung zu bringen. Angebotsseitige Reformen seien dagegen nicht angebracht. Sie wirkten kurzfristig negativ auf das Wachstum. Beispielsweise könnten Arbeitsmarktreformen zunächst Jobverluste nach sich ziehen, die wiederum die Konsumnachfrage dämpfen. Zudem verschärfe die Deregulierung der Gütermärkte den Wettbewerbsdruck, was die Unternehmen zu Preissenkungen zwinge. Das erhöhe die Deflationsgefahr, steigere die Realzinsen und bremse die Investitionen.

Dass ausgerechnet ein amerikanischer Spitzenökonom vor mehr Wettbewerb in Europa warnt, zeigt, wie weit der ökonomische Mainstream im Kielwasser der Finanzkrise politisch nach links gedriftet ist. Kein Wort verlor Eichengreen darüber, dass niedrigere Preise die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit deren Exportchancen verbessern. Auch verschwieg er, dass niedrigere Preise die reale Kaufkraft der Bürger erhöhen und deren Konsum ankurbeln.

Anders als Eichengreen hält Ken Rogoff, Professor in Harvard, strukturelle Reformen in der Eurozone für wichtig. Allerdings müssten diese durch ein aktives Management der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage begleitet werden. Um die Eurokrise zu beenden, müsse die gemeinsame Geld- durch eine gemeinsame Finanzpolitik ergänzt werden und beide in eine politische Union einmünden. Da es dafür jedoch derzeit in Europa keine Mehrheiten gebe, sei in den nächsten Jahren mit weiteren Krisen in Europa zu rechnen.

Entscheidend für die Zukunft des Euro sei die Entwicklung in Frankreich. Das Land müsse seinen Staatssektor schrumpfen, um wieder kräftiger zu wachsen, sagte Rogoff. In den nächsten Jahren werde das Wachstum in der Eurozone insgesamt durch die Alterung der Bevölkerung gebremst. Dazu könnten noch dämpfende Effekte durch Kapitalverkehrskontrollen und andere protektionistische Maßnahmen kommen, die die Regierungen ergreifen könnten, um Griechenland und Zypern in der Währungsunion zu halten, warnte Rogoff.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) empfahl er, das Gaspedal in der Geldpolitik weiter nach unten zu drücken. Damit die Menschen ihr Geld ausgeben und die Güternachfrage ankurbeln, sollten Negativzinsen erhoben und das Bargeld abgeschafft werden. Denn ohne Bargeld könne niemand den Negativzinsen auf Bankeinlagen entgehen.
Bei eingehender Betrachtung erweisen sich die Vorschläge Rogoffs jedoch als wirtschaftliches Desaster. Denn Negativzinsen zerstören die Anreize zur Bildung von Ersparnissen, die die Grundlage für nachhaltige Investitionen sind. Die Kapitalbildung und der langfristige Wachstumstrend der Wirtschaft sinken.

Dazu kommt: In einer bargeldlosen Gesellschaft hätte der Staat die totale Kontrolle über die Finanzen der Bürger, die er fortan noch leichter besteuern könnte. Ob gewollt oder nicht: Rogoffs Vorschläge bestätigen die Kritiker, die in der akademischen Elite vom Staat finanzierte Hofintellektuelle sehen, die zuvorderst die Interessen ihres Dienstherrn vertreten.

Kritisch ging der ebenfalls in Harvard lehrende Ökonom Martin Feldstein mit dem Euro und der EZB ins Gericht. Die Eurozone sei “von Beginn an ein fehlerhaftes Projekt gewesen”, sagte Feldstein. Die bisher ergriffenen Maßnahmen könnten die Krise nicht beenden. Die Strategie der EZB, die auf dem Zusammenwirken einer aktiven Fiskalpolitik, durchgreifender Strukturreformen und einer lockeren Geldpolitik beruht, sei gescheitert. Der Grund dafür sei, dass die Regierungen nicht mitspielten. So habe Deutschland kein Interesse an höheren Haushaltsdefiziten zur Stimulierung der Konjunktur. Frankreich hingegen habe kein Interesse an einer nachhaltigen Konsolidierung seiner Staatsfinanzen.

Auch die Bereitschaft zu Strukturreformen sei gering. Daher bleibe es der EZB überlassen, die Währungsunion zu retten. Doch die von Draghi geplante quantitative Lockerung (QE), also der groß angelegte Kauf von Staatsanleihen durch die EZB, werde die Eurokrise nicht beenden. Darauf deuteten die Erfahrungen aus den USA hin. Dort habe der Staatsanleihenkauf der Notenbank die Zinsen nach unten gedrückt und die Nachfrage nach Aktien und Immobilien gesteigert. Die Preise beider Vermögensklassen seien kräftig gestiegen, was die Vermögen der Bürger und damit deren Konsum gesteigert habe.

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