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Ökonomie "Auch Clevere können Mist bauen"

Ökonomie-Nobelpreisträger und Top-Volkswirte diskutierten in Berlin über die Zukunft des Kapitalismus. Von Aufbruchstimmung war jedoch wenig zu spüren. wiwo.de sprach mit Leon Bleiweiss und Carl Stolze von der internationalen Studentenorganisation AIESEC.

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Hans-Werner Sinn, Präsident Quelle: AP

Leon Bleiweiss und Carl Stolze, beide 27, sind zwei Studenten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Leon liebt die Diskussion und kennt keine Berührungsängste. Er bestürmt geradezu die zahlreichen Wirtschafts-Koryphäen, die der Einladung von Ökonomie-Nobelpreisträger Edmund Phelps nach Berlin gefolgt sind. Jovial zieht er Deutschlands Top-Ökonomen, Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, zum Gruppenfoto beiseite.

„Ich habe vielleicht nicht die allerbesten Noten, aber ich habe während des Studiums mehr gesehen und erlebt als so mancher Kommilitone“, sagt Leon. Das dürfte auch für Carl zutreffen, obwohl er anders an die Themen herangeht. Sein Ding ist die ruhige und sachliche Analyse, er spricht leise und hat sich jeden Satz gut überlegt.

wiwo.de: Der US-Ökonom Andrzej Rapaczynski hat vorhin kritisiert, Politiker diskutierten nach der Krise nur über Maßnahmen gegen Fehler, die kein Mensch jemals wieder machen wird. Hat die Öffentlichkeit den falschen Fokus?

Stolze: Neue Gefahren für die Wirtschaft lauern dort, wo wir es am wenigsten erwarten. Was die künftigen Risiken sind, haben aber selbst die heute versammelten Ökonomen nicht konkret klären können.

Bleiweiss: Jetzt schauen natürlich die meisten dorthin, wo es am lautesten gekracht hat, also auf die Finanzmärkte. Doch auch die Rohstoffversorgung wird ein künftiges Risiko sein, und zwar nicht nur die Verknappung von Öl oder Kohle, sondern auch der Mangel an wertvollen Materialien, die wir für Hochtechnologieprodukte brauchen.

Was die beiden so unterschiedlichen Charaktere Stolze und Bleiweiss verbindet, ist ihre Leidenschaft für Wirtschaftsfragen – und dass, obwohl sie von der Ausbildung her nicht gerade Vollblut-Volkswirte sind. Carl studiert Wirtschaftsinformatik in Münster, Leon scheint als Physik-Student noch weiter von der reinen Lehre der Ökonomie entfernt. Doch während ihres Studiums haben die Zwei die Volkswirtschaft als fachübergreifendes Thema entdeckt. Was sie zu den Diskussionen der internationalen Spitzenforscher zu sagen haben, ist deshalb wert, gehört zu werden.

Aufstand der Massen?

Für Stolze gebärden sich die Ökonomie-Giganten auf ihrem jährlichen Gipfeltreffen fast schon zu brav. „Die ganz großen Kontroversen vermisse ich, es war ja stellenweise fast schon Schulterklopfen“, sagt er. Tatsächlich demonstrieren die in der Berliner Residenz der Deutschen Bank versammelten Nobelpreisträger Einigkeit bei der alles entscheidenden Frage: „Freie Märkte bleiben auch nach der Krise das wichtigste Instrument zu Lösung wirtschaftlicher Konflikte.“

Können wir sicher sein, dass die krisengeplagte Masse das genauso sieht?

Stolze: Für die Masse kann ich nicht sprechen, aber für mich persönlich ist klar: Sozialismus und Kommunismus haben verloren, die Marktwirtschaft hat als einziges System überlebt, ihr gehört die Zukunft.

Glaubt die Mehrheit das auch? In Deutschland jubelt die Linkspartei über Zulauf, in China erzielt eine kommunistische Regierung trotz Krise Wachstumserfolge.

Stolze: Was die Chinesen machen, ist doch zugespitzt weder Marktwirtschaft noch Kommunismus, sondern Manchester-Kapitalismus ohne freie Meinungsäußerung.

Bleiweiss: Für die Revolution fehlt doch auch die Kritische Masse. Hier greifen keine Arbeiter Fabrikbesitzer an, von Eskalation sind wir weit entfernt, die marktwirtschaftliche Ordnung wird akzeptiert.

Wirklich? In Frankreich haben in diesem Jahr mehrere Belegschaften ihre Chefs als Geiseln genommen.

Stolze: Die Franzosen haben ihre eigene Protestkultur. Die legen bei Streiks schon mal ganze Autobahnen lahm. In China sind die Massen übrigens alles andere als zufrieden. Sogar die offizielle Statistik zählt jährlich Hunderttausende, die sich an gewalttätigen Aufständen beteiligen. Mit diesen Daten dürfte die Regierung wohl kaum übertreiben.

Angesichts der tiefen Krise wären auf der heutigen Konferenz doch handfeste Streits zwischen den Top-Ökonomen zu erwarten gewesen.

Stolze: Ich finde den Ablauf hier absolut angemessen. Probleme löst man doch am besten auf ruhige und sachliche Art. Ich habe mal Peter Gauweiler und Gregor Gysi beim Wahlkampf im Bierzelt erlebt. Das war witzig, hat aber zur Krisenbewältigung nichts beigetragen.

Bleiweiss: Ich liebe lebhafte Diskussionen, doch bei dieser Frage kommt selbst bei mir wieder der Physiker durch. Klar, manchmal muss man auch streiten, aber die Probleme nüchtern zu analysieren, bringt immer noch die besten Erkenntnisse.

Welche Erkenntnis bringt der heutige Tag?

Stolze: Niemand ist unfehlbar – auch Nobelpreisträger, Spitzenbanker und Top-Wissenschaftler nicht.

Stephen Roach, Asienchef der Investmentbank Morgan Stanley, hat gerade gesagt: „Even smart people can do stupid things“ – auch Clevere können Mist bauen.

Stolze: Ja, es gehört einiges dazu, das zuzugeben. Ich weiß nicht, wer vor der Krise den Mut gehabt hätte, das zu sagen.

Bleiweiss: Wir müssen uns immer wieder trauen, scheinbar gesicherte Erkenntnisse in Frage zu stellen. Lehrmeinungen müssen sich ändern können, in den Natur- genauso wie in den Wirtschaftswissenschaften. Die Diskussion muss lebendig bleiben.

Das Plenum hat sich vorhin aber sehr einhellig auf die Zentralbanken als Sündenböcke für die Krise eingeschossen.

Bleiweiss: Leider. Ich finde diese Erklärung zu einseitig. Es ist noch an vielen anderen Stellen einiges schief gelaufen, zum Beispiel bei den Managern in der Finanzwirtschaft.

Rettung durch Innovation

Der amerikanische Forscher Ronald Gilson hat eben allerdings gesagt, Moral Hazard sein kein Grund für die Krise gewesen.

Stolze: Mit dieser Behauptung ist er aber deutlich angeeckt. Ganz anders als bei den meisten übrigen Fragen war die Ökonomenrunde hier stark zerstritten. Hans-Werner Sinn hat ja heftig widersprochen. Wenn der Verkauf vergifteter Papiere kein Moral Hazard gewesen sei, dann wüsste er nicht, was man sonst darunter verstehen sollte.

Die Frage ist wichtig, aber größtenteils Vergangenheitsbewältigung. Wie kommen wir wieder aus der Krise?

Bleiweiss: Nur mit neuen Ideen.

Woher kommen die?

Stolze: Ideen kommen, wenn wir uns für etwas beigeistern (zieht sein Smartphone aus der Tasche). Es ist doch faszinierend, was da alles drin steckt. Ich lese meine Mails, die neuesten Nachrichten, surfe im Netz – und muss dafür nicht mal an den Schreibtisch. Leute, die sich fürs Tüfteln begeistern, bauen so ein Ding. Leute, die sich für Technik begeistern, kaufen es.

Begeisterung kann man nicht lernen

Tun die Universitäten genug, um jungen Leuten Euphorie beizubringen?

Bleiweiss: Professoren können Begeisterung nicht lehren wie Formeln oder Fachbegriffe. Sie können höchstens versuchen, sie zu wecken.

Stolze: Begeisterung für eine Aufgabe muss jeder selbst entwickeln. Das kommt von Innen.

Welche Tipps habt ihr für Kommilitonen, die in dieser schwierigen Zeit mit dem Studium anfangen?

Stolze: Lasst euch nicht entmutigen und nutzt eure Freiheit. An der Universität stehen euch unendlich viele Wege offen, ihr könnte alles ausprobieren, es gibt so gut wie kein Risiko. Hütet euch vor Perfektionismus, Spitzennoten können nicht das einzige Ziel sein.

Bleiweiss: Das kann ich nur bestätigen. Schottet euch auf keinem Fall in euren eigenen vier Wänden ab, schaut euch um, was in fremden Fächern passiert und für eueren Studiengang wichtig ist.

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