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OPEC Warum das Öl-Kartell an Bedeutung verliert

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Große Unbekannte im geopolitischen Machtpoker

Mahid Al-Saigh vom Information Departement der Opec setzt ganz auf die Erinnerung an alte Größe, als er vor die chinesischen Studenten im Pressesaal tritt. Das Symbol der Opec – vier gekreuzte Fässer – prangt als Einstecknadel am Sakko des Irakers mit dem fein getrimmten Schnauzer. Um die gelangweilten Touristen zu unterhalten, legt Al-Saigh ein Video über die Entstehung der Opec ein.

Unterlegt mit dramatischer Hintergrundmusik, feiert die Organisation darin ihre Gründung 1960 und den Sieg über die westlichen Ölkonzerne, die sogenannten sieben Schwestern, die bis dahin die gesamte Lieferkette kontrollierten. Das Video zeigt, wie aus dem Zusammenschluss der Länder Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela das machtvolle Bündnis entstanden ist.

Verstaubte Erinnerungen

Ein Hit ist das Video bei den jungen Zuschauern im Pressesaal erkennbar nicht. Und auch als Al-Saigh die chinesische Reisegruppe danach durch das Opec-Gebäude führt, vorbei an langen Gängen mit Bildern von Minaretten in Saudi-Arabien und einer Art kubistischen Würfelansicht aus verschleierten Frauen im Irak, kann er seine Zuhörer nicht recht fesseln.

Fracking

Dabei ist die Geschichte der Opec nicht eben arm an Dramatik. Etwa jenen Tagen, als 1975 durch ein Terrorkommando unter der Führung des venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, die Wiener Opec-Zentrale besetzt wurde, damals eben noch das Symbol der Weltpolitik. Doch die Geschichte interessiert die chinesischen Besucher nicht sonderlich. „Was bedeutet das Fracking der Amerikaner für die Opec?“, will eine chinesische Wirtschaftsstudentin lieber wissen. Ausgerechnet.

Al-Saigh sieht die Fragestellerin lange an, mit angespanntem Gesicht, er überlegt sich seine Antwort sehr genau. „Das Fracking-Verfahren ist extrem umweltbelastend und gerade in Zeiten des Klimawandels höchst fragwürdig“, sagt er schließlich. „Zudem wissen wir nicht, wie reichhaltig die Quellen in Amerika wirklich sind.“

Wie scharf die Opec das Fracking der Amerikaner beobachtet, berichtet Al-Saigh danach im Gespräch mit der WirtschaftsWoche: „Es gibt durch das Fracking ein Problem im Ölmarkt, und das haben wir erkannt. Nun beobachten wir diese Situation und ihren Verlauf sehr genau. Und dann werden wir entsprechend handeln.“

Was den Ölpreis bestimmt

Wie genau die Opec handeln will, bleibt die große Unbekannte in diesem geopolitischen Machtpoker.

Den Ölpreis kann das Bündnis derzeit jedenfalls nicht bewegen. Zwar produziert die Opec immer noch rund 40 Prozent des weltweiten Rohöls, und ihre Mitgliedstaaten verfügen über zwei Drittel der globalen Ölquellen. Doch die Macht des Kartells scheint gebrochen: Selbst als die Opec-Staaten im Januar dieses Jahres eine Förderbremse bis März 2018 beschlossen, führte dies nur kurzfristig zu einem leichten Anstieg des Ölpreises.

Was kann die Opec dann überhaupt noch bewirken?

Antworten auf diese Fragen bekommt man wenige Gassen vom Opec-Gebäude entfernt. Die Analysten von JBC Energy residieren in einem Altbau in der Wiener Innenstadt. Alexander Pögl, Leiter der Geschäftsentwicklung von JBC Energy, steht in einem Konferenzraum vor einem Regal, gefüllt mit kleinen Fläschchen voller Erdöl.

„Bitumen“, „Kerosin“, „Rohöl“, „Heizöl“ steht auf den Etiketten. Pögl schüttelt die Fläschchen und demonstriert, wie unterschiedlich die einzelnen Flüssigkeiten reagieren. Manche wippen wie Wasser, andere bleiben zähflüssig in ihrer angestammten Form.

Chaos im Bündnis

Seit zehn Jahren analysiert Pögl den Ölmarkt. Die Entwicklung des Frackings hat den Experten genauso wie alle anderen Marktbeobachter überrascht. Mit ihr drehten sich Pögls Zahlen und Prognosen drastisch und zogen den Ölpreis von mehr als 100 Dollar pro Barrel im Sommer 2014 stetig nach unten.

Doch nicht nur das Fracking sei schuld am Verfall des Ölpreises, sagt der Experte: „Auch viele Nicht-Opec-Länder wie Kasachstan oder Brasilien steigern ihre Produktionskapazitäten gerade in jüngster Vergangenheit wieder massiv und verändern damit den globalen Markt.“

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