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Otmar Issing "Die Euro-Krise ist noch nicht vorbei"

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"Die Notenbanken haben sich in eine gefährliche Abhängigkeit von den Finanzmärkten begeben"

Wann rechnen Sie denn mit einem spürbaren Inflationsschub?
Hätten Sie mich vor fünf Jahren gefragt, wäre meine Antwort gewesen: sehr bald. Doch wir leben in einer ökonomisch neuen Welt, die wir noch nicht richtig verstehen. Das Wachstum der Zentralbankgeldmenge schlägt sich bisher nicht in einem deutlich stärkeren Wachstum der Geldmenge M3 nieder, also der Geldmenge, die für Güterkäufe relevant ist. Die Liquidität steckt im Bankensystem fest. Das hat mit der schwachen Kreditnachfrage und der Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe in den vergangenen Jahren zu tun. Erst in letzter Zeit gibt es hier etwas Bewegung.

Das Wörterbuch der EZB: Die Schlüsselwörter der Notenbanker - und was sie bedeuten

Die Vermögenspreise sind durch die expansive Geldpolitik bereits stark gestiegen. Macht die EZB einen Fehler, wenn sie sich auf die Güterpreise fixiert – und die Aktien- und Immobilienmärkte vernachlässigt?
Notenbanken können die Vermögenspreise nicht steuern, sie sollten es auch nicht versuchen. Allerdings darf die Geldpolitik die Vermögenspreise nicht ignorieren. Die US-Notenbank Fed hat den Fehler gemacht, die Häuserpreishausse in den Jahren nach 2000 mit dem Hinweis zu relativieren, die Immobilienpreise in Amerika seien seit dem Zweiten Weltkrieg immer gestiegen. Es ist falsch, die Vergangenheit einfach fortzuschreiben und zu hoffen, dass alles gut geht.

Wie können Zentralbanken die Vermögenspreise in ihre Strategie einfließen lassen?
Sie sollten auf das schauen, was die Vermögenspreise treibt: die Kredit- und Geldmengenentwicklung. Wenn Aktienkurse und Immobilienpreise kräftig zulegen und dies durch eine starke Kreditexpansion begleitet wird, signalisiert dies eine zu lockere Geldpolitik. Die Zentralbanker sollten dann die Zinsen erhöhen ...

...und eine Rezession mit hohen sozialen Kosten riskieren?
Wenn die Zentralbanken rechtzeitig agieren und die Märkte kommunikativ auf höhere Zinsen vorbereiten, können sie die Zinsen über das gesamte Laufzeitspektrum nach oben hieven, ohne dass es zu Verwerfungen kommt. Allerdings lässt sich eine solche Strategie nicht einfach in Formeln und mathematische Modelle pressen, mit denen die Vertreter der mathematischen Mainstream-Ökonomie arbeiten. Um erfolgreich Geldpolitik zu betreiben, braucht man auch Erfahrung und Kenntnisse der Märkte.

Die Zentralbanken setzen auf Regulierungen wie höhere Eigenkapitalquoten für Kreditnehmer und Banken, um die Vermögenspreise in Schach zu halten. Halten Sie das für eine gute Idee?
Sicher kann man im Kampf gegen eine übermäßige Kreditvergabe auch auf höhere Eigenkapitalanforderungen setzen. Das Problem liegt in der praktischen Umsetzung. Zentralbanker und Bankenaufseher müssten die Bildung einer Blase rechtzeitig erkennen, das richtige Instrument auswählen und dieses adäquat dosieren. Die Gefahr ist groß, dass ihnen dabei Fehler unterlaufen. Dazu kommt: Solange die Zentralbank die Zinsen niedrig und die Geldschleusen geöffnet hält, ist jede Regulierung machtlos.

Forderungen, die EZB solle möglichst bald ihren expansiven Kurs beenden und die Zinsen erhöhen, kommen fast nur aus Deutschland. Wundert Sie das?
Nein. Die deutsche Sicht ist stark von der Stabilitätspolitik der Bundesbank geprägt. International befindet man sich mit dieser Haltung in der Minderheit. Die Ökonomen und Politiker in den meisten anderen Ländern stützen den Kurs der EZB. Auf wissenschaftlichen Konferenzen stehen Ökonomen deutscher Prägung mittlerweile da, als seien sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit! Doch je länger die EZB den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik hinauszögert, desto schwieriger wird der Exit. Die Notenbanken haben sich in eine gefährliche Abhängigkeit von den Finanzmärkten begeben.

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