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Paul Samuelson Der Bestseller der Volkswirtschaft

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Anhänger und Kritiker

Es folgten Jahrzehnte außergewöhnlicher Produktivität. Das MIT sollte sich zu einem Powerhouse ökonomischer Forschung entwickeln, es zog Talente wie Tobin, Solow, Merton, Klein, Stiglitz und Krugman an, die mit Samuelson zusammenarbeiteten und alle den Nobelpreis erhielten. Samuelson fand am MIT ideale Bedingungen vor und blieb zeit seines Lebens dort. Fachlich spezialisierte er sich nicht auf ein Teilgebiet, sondern stürzte sich auf alles, was ihn interessierte, und trieb so die ökonomische Forschung an vielen Stellen gleichzeitig voran: In der Mikroökonomie entwarf er das Konzept der offenbarten Präferenz (revealed preference), das erstmals den Nutzen von Konsumenten anhand ihrer konkreten, beobachtbaren Entscheidungen zu ermitteln suchte. In der Wohlfahrtsökonomie wandte er sich Verteilungsfragen zu und konkretisierte die Konzepte von Pareto & Co. in einer mathematisch präzisierten sozialen Wohlfahrtsfunktion (Bergson-Samuelson-Wohlfahrtsfunktion).

In der Außenhandelstheorie setzte er mit dem Stolper-Samuelson-Theorem einen neuen Standard. Das Modell erklärt, wie sich Änderungen der Güterpreise auf die Preise der Produktionsfaktoren auswirken. Seine Forschung fließt bis heute in Debatten über den Freihandel ein, in die sich der Ökonom selbst gern einschaltete. Allerdings machte er sich auf diesem Feld mit seinen Thesen angreifbar; Kritiker werfen ihm verkappten Protektionismus vor. 2004 etwa erregte Samuelson Aufsehen mit der Forderung, das Tempo der Globalisierung zu drosseln. Seine umstrittene These: Ein reicheres Land könne netto durch Freihandel verlieren, wenn das ärmere Land nur in den Bereichen aufhole, in denen das andere seine komparativen Vorteile habe.

Bahnbrechende Ideen

In den Fünfzigerjahren entwickelte Samuelson zudem eine Theorie öffentlicher Ausgaben, die ökonomisch-mathematisch begründete, welche Güter und Dienstleistungen der Staat bereitstellen solle und welche nicht. In die gleiche Dekade fiel sein neues Modell überlappender Generationen (Overlapping Generations Model, kurz OLG), das sich mit Verschuldung und Kreditvergabe im Kontext mehrerer Generationen auseinandersetzte. Bekannt wurden auch seine mit dem MIT-Kollegen Robert Solow entwickelten Makromodelle. „Kein Ökonom hat so viele bahnbrechende Ideen gehabt wie er“, sagt sein Schüler Krugman. Sein einstiger Assistent am MIT, der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, konstatiert: „Er zeigte uns, dass Breite und Tiefe der Analyse nicht im Trade-off zueinander stehen müssen.“ Und was sagt der Altmeister selbst? „Meine Arbeit war für mich wie ein Spiel“, so Samuelson. „Ich hatte immer den Eindruck, für das, was ich tue, überbezahlt zu sein – es war purer Spaß.“

1970, mit 55 Jahren, erhielt Samuelson für sein Lebenswerk als erster Amerikaner den ein Jahr zuvor begründeten Wirtschaftsnobelpreis. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen wissenschaftlichen Zenit bereits erreicht. Der Keynesianismus begann in der wirtschaftspolitischen Diskussion an Rückhalt zu verlieren, denn nun waren es seine Theorien, die keine Erklärungen für die Wirtschaftsprobleme der Zeit mehr lieferten: Hohe Haushaltsdefizite, Inflation und Arbeitslosigkeit traten gleichzeitig auf und bescherten der westlichen Welt Stagflation und Schuldenspiralen. Der keynesianische Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation versagte. Die Monetaristen um den Chicagoer Ökonomen Milton Friedman, die Inflation über die Geldmenge zu kontrollieren suchten, übernahmen die Deutungshoheit.

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