Philip Jennings "Der Markt kann die Dinge nicht regeln"

Der Waliser Philip Jennings vertritt die Interessen von über 900 Gewerkschaften und beklagt, dass die Löhne der Bosse explodiert seien. Das führe zu wirtschaftlicher Stagnation und sozialer Ungleichheit.

Philip Jennings ist Generalsekretär von „UNI global union“, ein internationaler Gewerkschaftsdachverband. Quelle: PR

Herr Jennings, geht es ungerecht in der Arbeitswelt zu?

Philip Jennings: Ja. Die Löhne der Arbeiter stagnieren in den Industrieländern – und das seit Jahrzehnten. Beispiel Deutschland: Noch 2013 lagen die Bruttomonatsverdienste von Vollzeitkräften im Durchschnitt unter dem Niveau von 1995. Gleichzeitig schießen die Gewinne sowie Bewertungen der Unternehmen – schauen Sie sich die Entwicklung des Dax an! – und die Löhne der Bosse in die Höhe. Das ist ungerecht. Und das sagt inzwischen nicht nur ein Gewerkschaftstyp wie ich es bin, sondern auch der Internationale Währungsfonds oder die Deutsche Bundesbank.

Der Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, hat nicht die Gewinne der Unternehmen oder den Einkommensanstieg der Manager kritisiert, sondern gesagt, es gäbe Spielraum für Lohnerhöhungen bis zu drei Prozent.

Es ist schön, wenn Unternehmen Gewinne machen. Und ich finde, wer gute Arbeit abliefert, soll auch gut bezahlt werden...

Zur Person

... Lohn nach Leistung also? Das hört sich sehr marktwirtschaftlich an.

Leider wird das nicht gelebt! In den USA verdienen Konzernchefs in der Regel mehr als das Hundertfache ihrer Angestellten, in Extremfällen mehr als das Dreihundertfache. In Europa sind die Quoten im Schnitt etwas geringer – aber weit davon entfernt, leistungsgerecht zu sein. Zumal wir oftmals gar das Gegenteil feststellen müssen: Scheitern wird fürstlich bezahlt. Und das zu Lasten der Arbeitnehmer, die teilweise von ihrem Job nicht leben können. Zwischen 2008 und 2013 hat die Zahl derjenigen, die in Deutschland trotz Arbeit unterhalb der Armutsgrenze leben mussten, um 25 Prozent zugenommen.

Nicht so schnell: Das Problem ist erkannt, in Deutschland gilt inzwischen flächendeckend ein Mindestlohn.

Der führt aber nicht dazu, dass die Armut – und erst recht nicht die Ungleichheit – weniger geworden ist. Wenn Sie 8,50 Euro die Stunde verdienen, dann reicht das nicht zum Leben. Selbst mit 13 Euro die Stunde können Sie in vielen Städten inzwischen kein vernünftiges Dasein finanzieren.

Fakten zum Mindestlohn

Also ist der Mindestlohn unnütz?

Nein. Das ist eine Kompromiss- und Minimallösung, die wir brauchen, da einige Unternehmen sonst nicht die Verantwortung spüren, menschenwürdige Löhne zu zahlen. Es ist gut, dass es in Deutschland wie in Europa inzwischen Konsens ist, dass Grenzen des guten Geschmacks nicht unterschritten werden dürfen. Aber der deutsche Mindestlohn ist kein Grund, in Jubel auszubrechen. Lohnerhöhungen sind dringend geboten.

Sie vergessen, dass die Unternehmen im globalen Wettbewerb stehen und schauen müssen, dass sie ihre Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten können. Die Lohnentwicklung muss mit der Produktivität Schritt halten.

Wir dürfen Löhne nicht nur als Kosten für Unternehmen betrachten, sondern als ein Investment. In den USA macht allein der Konsum rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, in Deutschland um die 58 Prozent. Das heißt: Die wirtschaftliche Entwicklung ist an die Löhne gekoppelt. Wer die Löhne niedrig hält, würgt den Konsum ab und sorgt für wirtschaftliche Stagnation.

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