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Philip Jennings "Der Markt kann die Dinge nicht regeln"

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Rechtliche Rahmenbedingungen

Glauben Sie, dass die Wirtschaft Ihre Botschaft erhört – oder braucht es rechtliche Rahmenbedingungen?

Wir leben seit Jahren im Krisenmodus und die Unternehmen verweigern – in der Regel – kräftige Lohnerhöhungen. Das Einkommen reicht oft nicht aus, die eigene Familie zu ernähren. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Das ist Beweis genug, dass der Markt die Dinge nicht regeln kann. Unternehmen brauchen Druck; der kann durch die Öffentlichkeit kommen oder durch Gesetzesinitiativen. Fakt ist: Wo der Druck nachlässt, regiert der Egoismus.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, Wut zu schüren und Proteste zu organisieren?

Wir sind die Stimme der Arbeiterschaft. Und wir sind bereit, die Stimme auch zu erheben. Ich spüre, wie die Unzufriedenheit über die Ungleichheit größer wird und sich Ventile sucht. Gewerkschaften in Südeuropa bekommen bei ihren Aufrufen mehr als 100.000 Demonstranten auf die Straße. Aber nicht nur dort regt sich Protest. Am 28. Januar gab es einen Generalstreik in Norwegen. Ich betone: In Norwegen, einem der reichsten Länder der Welt!

Hier spüren Verbraucher den Mindestlohn

Es gibt auch Gegenbeispiele. Etwa die Schweiz. Dort wurde die 1:12-Initiative – niemand sollte mehr als zwölfmal soviel verdienen dürfen wie die schlechtestbezahlten Mitarbeiter im selben Unternehmen – mit fast zwei Dritteln der Stimmen abgelehnt.

Sie haben recht, dass die 1:12-Initiative gescheitert ist. Dennoch stimmt es mich positiv, dass die Initiative von jungen Menschen initiiert und verteidigt wurde. In Deutschland wäre das Ergebnis offenbar anders ausgefallen: Laut einer Umfrage äußerten sich zum Zeitpunkt des Schweiz-Referendums – im November 2013 – 73,3 Prozent der Befragten in Deutschland zustimmend zu einer „1:12“-Regel. Und vergessen Sie bitte auch nicht: Bereits im März 2013 stimmten die Schweizer dafür, dass die Aktionäre börsennotierter Unternehmen jedes Jahr über die Vergütung von Verwaltungsräten und Geschäftsführung abstimmen. Bisher wurden die Managerlöhne vom Verwaltungsrat beschlossen. Kurzum: Auch in der Schweiz wehren sich die Menschen gegen Exzesse.

Die Stärken und Schwächen des deutschen Arbeitsmarkts

Warum profitieren die Gewerkschaften nicht von dem wachsenden Gefühl der Gesellschaft, es gehe ungerecht zu? Die Mitgliederzahlen bei den meisten Arbeitnehmerverbänden sind rückläufig, vor allem junge Leute sind oft nicht gewerkschaftlich organisiert.

Ich glaube, es gibt per se ein wachsendes Misstrauen gegen Institutionen. Und sicher haben auch die Gewerkschaften nicht alles richtig gemacht in den vergangenen Jahren. Wir waren oft zu zögerlich, manches Mal auch zu kompromissbereit. Wir müssen wieder kämpferischer werden, Missstände klar benennen und Lösungen aufzeigen.

Aber gerade junge Leute suchen – in einer sich dynamisch verändernden Arbeitswelt – doch nach Einzel- und nicht nach Kollektivlösungen. Sind Gewerkschaften in diesem Umfeld noch zeitgemäß?

Konjunktur



Die Generation Y ist anspruchsvoll, keine Frage. Die jungen Menschen wollen nicht nur gut bezahlt werden, sondern auch stolz auf ihre Arbeit sein. Ich würde aber nicht behaupten, dass sie egoistisch sind. Wir müssen den Dialog suchen und ihnen beweisen, dass wir an vorderster Front für sie kämpfen. Die IG Metall geht in die Universitäten, erklärt dort ihre Arbeit und berät Studenten über Karrierewege oder Arbeitsverträge. Das ist der richtige Schritt.

Sie haben keine Angst, dass Ihre Kernklientel durch die digitale Transformation, durch den Einsatz von 3D-Druck und Robotik abgelöst wird – und Gewerkschaften dadurch überflüssig werden?

Die Arbeitswelt ändert sich, aber es wird weiter Lohnarbeit geben. John Maynard Keynes hat 1930 vorhergesagt, dass die Wochenarbeitszeit von damals 60 Stunden bis 2030 auf 15 Stunden fallen wird. Sie wissen selbst, dass die Menschen in Europa im Schnitt rund 40 Stunden die Woche arbeiten, in Asien deutlich mehr. Die Prognose dürfte sich als falsch erweisen. So oder so: Es wird auch in Zukunft ein Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber existieren. Und damit Fragen nach der Ausgestaltung dieser Beziehung. Es wird wichtig bleiben, dass die Interessen des Arbeitsnehmers von einer starken, kollektiven Stimme verteidigt werden. Und auf der Makroebene wird uns die Verteilungsfrage noch lange beschäftigen. Diese Diskussion wollen wir führen. Und dafür werden wir gebraucht.

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