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Philosoph Peter Koslowski Das Leben in der Hochstapler-Ökonomie

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Peter Koslowski, Jahrgang 1952, ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Amsterdam Quelle: Eljee Bergwerff für WirtschaftsWoche

Teilen Sie die neuerdings populäre These, nach der das Prinzip des "Shareholdervalue" nicht der Wirtschaftsweisheit letzter Schluss ist?

Das Denken in Aktienkursen hat jedenfalls begünstigt, dass überzogene Risiken eingegangen wurden, die mit überzogenen Gehältern vergütet wurden – und wenn überzogene Gehälter gezahlt werden, deutet das auf eine Störung des Marktmechanismus hin: Warum sind nicht alle Überflieger auf den Banker- und Broker-Markt gestürmt – mit der Folge, dass dort das Gehaltsniveau sinkt?

Was ist Ihre Vermutung?

Dass die Investmentbanker ihr Geschäft gleichzeitig ausgeweitet und künstlich verknappt und damit eine Art oligopolis-tisches Verhalten ausgebildet haben. Außerdem versuchte das Shareholdervalue-Prinzip den Manager zum Spekulanten zu machen, der durch seine Unternehmensführung seiner eigenen Firma spekulative "Capital Gains" aus der Aktie seiner Firma sichern muss. Es ist aber für den Manager unmöglich, den Aktienkurs seines Unternehmens zu garantieren, weil dieser von Bestimmungsfaktoren des Aktienmarktes abhängt, die der Manager gar nicht kontrollieren kann. Der Fall Porsche zeigt, wohin es führt, wenn Manager sich in Spekulanten verwandeln.

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    Die Politik fordert, die Banken hätten wieder der Wirtschaft und die Wirtschaft den Menschen zu dienen. Können Sie sich einen Reim darauf machen, was damit gemeint ist?

    Der Dienstgedanke ist den kapitalistischen Gesellschaften weitgehend abhanden -gekommen. Er hat aber immer noch seinen guten Sinn. Es gehört schließlich zur Idee des Kapitalismus, dass der Produzent dem Konsumenten dient. Nur ist die Motivation des Produzenten dabei eine andere: Er möchte Gewinn erzielen. Wenn ein Bankmanager sich allein am Shareholdervalue orientiert und darüber den Dienst am Gesamtunternehmen aus den Augen verliert, hat er seinen Job falsch verstanden. Zu seinem Dienstvertrag gehört weit mehr als die gute Verzinsung der Aktionäre. Unter Umständen muss er sogar das Interesse des Unternehmens über das der Anteilseigner stellen.

    Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat das getan und ist grandios gescheitert – an seiner Hybris oder an der Krise der Finanzmärkte und der Flaute auf dem Automarkt?

    Die Konstellation von Volkswagen, Porsche und dem Land Niedersachsen ist eine deutsche Wirtschaftstragödie. Warum eine von sich selbst eingenommene Familie mit einem sich selbst überschätzenden Manager, einem machtbewussten, aber nicht managementerfahrenen Ministerpräsidenten, arabischen Scheichs und übermächtigen Gewerkschaften das größte Automobilunternehmen Europas leiten müssen, das Volkswagen-Volk aber nur 13 Prozent der Volkswagen-Holding in Streubesitz sein Eigen nennt, ist mir unverständlich. Herr Wiedeking hat sich verzockt, weil er zu viel und zu riskant spekuliert hat. Damit habe ich kein Mitleid.

    Was war sein entscheidender Fehler?

    Die Wette auf das Verbot des Volkswagen-Gesetzes durch die EU und andere Spekulationen sind nicht aufgegangen. Man sollte nie mit der Zukunft seiner Firma auf den Ausgang einer politischen Entscheidung wetten. Außerdem finde ich es peinlich, wenn erfolgreiche Firmen wie Porsche den Finanzmarkt benutzen, um sich Vorteile in ihrem Kerngeschäft zu verschaffen. Einen Vorwurf kann man allerdings Wiedeking und der Familie Porsche nicht machen: dass sie es mit dem Shareholdervalue-Prinzip übertrieben hätten.

    Sie fanden es schon unter ihrer Würde, Quartalsberichte abzugeben. Das ist eine äußerst undemokratische, wenn nicht arrogante Einstellung der Eigentümerfamilie und auch von Wiedeking gewesen, die nicht in die Zeit passte. Es wäre zu wünschen, dass der Einfluss einer so wenig dem Volk verpflichteten Familie zurückgedrängt wird. Das Konzept von Familienunternehmen, wie Ferdinand Piëch es zelebriert, ist für Volkswagen und selbst für Porsche ungeeignet. Es ist zu klein für ein Großunternehmen und der Firma Volkswagen und der deutschen Industrie nicht würdig. Volkswagen ist zum abschreckendsten Fall des deutschen Korporatismus und zu einer Karikatur der sozialen Marktwirtschaft geworden.

    Gehört zum Wettbewerbsprinzip des Kapitalismus nicht auch, Macht und Gewinn des eigenen Unternehmens zu maximieren?

    Man darf die Vorstellung nicht überziehen, wir alle seien nur davon bewegt, unseren Gewinn zu maximieren. Banken haben durch ihre Geldschöpfung eine öffentliche Nebenfunktion. Sie können sich daher nicht verhalten wie bloße Eigennutzmaximierer. Ärzte, zum Beispiel, können sich auch nicht nur an der Maximierung ihres Eigennutzes orientieren, wenn sie einen Patienten behandeln. Der Mensch ist in allem von vielem motiviert; er hat stets selbstsüchtige und noblere Motive. Keiner kann in seiner Profession, egal, welche es ist, gut sein, wenn er immer nur an seinen Gewinn denkt. Das gilt auch für Banken.

    Klar. Aber warum soll ein Manager nicht gut sein, der allein seinen Gewinn im Sinn hat?

    Moment. Nichts hindert einen daran, zu sagen: In der Wirtschaft gilt ein größeres Vorherrschen des Gewinnmotivs als in der Kirche. Und doch verpflichtet den Manager schon sein Arbeitsvertrag, im Interesse der Firma zu handeln. Insofern führt sich in seiner Engführung auch das Shareholdervalue-Prinzip ad absurdum. Es ist dem Manager überhaupt nicht möglich, die Wirkung seiner Entscheidung so abzuschätzen, dass sie den Shareholdervalue maximiert.

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