Politik der Notenbanken Inflation lässt sich nicht steuern

Nicht alles, was möglich ist, ist volkswirtschaftlich auch heilsam, schrieb Arthur Salz 1932 über die Politik der Notenbanken in dem „Deutschen Volkswirt“, dem Vorgänger der WirtschaftsWoche. Die Aussagen sind erschreckend aktuell.

Weltwirtschaftskrise von 1914 bis 1948
Weltkrieg und Hyperinflation vernichten die Vermögen von Millionen Deutschen. Im November 1923 steht ein Dollar bei 4,2 Billionen Mark. Quelle: AKG
Fünfzig Milliarden Reichsmark als Reichsbanknote. Dieser Schein war nur wenige Pennies wert. Quelle: AKG
Spielende Kinder im Jahr 1923. Im Jahr der Hyperinflation war die damalige Reichsmark nichts mehr als Altpapier. Quelle: AKG
Heute erziehen Eltern die Kinder zu gesundem Umgang mit Geld - im Jahre 1923 durften Kinder mit reichlich Geld spielen. Quelle: Interfoto
Börsencrash und Weltwirtschaftskrise lassen die Produktion um fast die Hälfte schrumpfen. Sechs Millionen Deutsche sind arbeitslos. Der Gang zur Suppenküche gehört für die Menschen zum Alltag. Quelle: dpa
Der Börsencrash vom 24. Oktober 1929 breitet sich rasant in der Welt aus. Im Jahre 1933 stellt US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit einer Durchführungsverordnung den privaten Besitz von Gold unter Strafe. Quelle: AP
Auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 wird das internationale Währungssystem reformiert: 40 Staaten vereinbaren feste Wechselkurse, der Wert des Dollar wird in Gold festgelegt. 1974 brach der Gold-Dollar-Standard von Bretton Woods zusammen. Quelle: dpa

Von Arthur Salz; bearbeitet von Malte Fischer und Bert Losse

Das Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern überragt jedes andere soziale Organisationsprinzip an Bedeutung. Es ist das wirtschaftliche und soziale Polarisationsprinzip schlechthin, und zwar von Land zu Land und von Einzelwirtschaft zu Einzelwirtschaft. Es geht quer hindurch durch jede sonstige Integration und Desintegration der Gesellschaft. Das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis ist ein monetäres und kreditäres Prinzip, ist Ausdruck und Folge der modernen Geld- und Kreditwirtschaft. Und je größer die Bedeutung des Gläubiger-Schuldner-Verhältnisses ist, umso mehr werden durch stark schwankende Preise die Grundlagen des betreffenden Wirtschaftssystems erschüttert.

Man sagt mit Recht: Kratze einen Inflationisten, und du stößt auf einen Schuldner und umgekehrt: Kratze einen Deflationisten, und du findest einen Gläubiger. Gewiss, ein Sinken der Preise vermindert die Profite und verschlechtert die Lage der Produzenten, während die Kaufkraft der Bezieher fixer Einkommen vergrößert wird. Andererseits begünstigen sinkende Preise die Wirtschaftslage der Gläubiger auf Kosten der Schuldner, denn bei Rückzahlung der Schuldsumme erhalten die Gläubiger eine größere Kaufkraft, und wenn das Geld zu festen Zinsen verliehen wurde, ist jede Zinszahlung für die Empfänger mehr wert als bei hohen Güterpreisen.

Arthur Salz (1881–1963) war ein in Böhmen geborener Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Der jüdische Ökonom lehrte ab 1923 Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg, wurde aber 1933 aus „rassischen Gründen“ entlassen. Er emigrierte nach Großbritannien, wo er eine Gastprofessur in Cambridge erhielt. 1934 wanderte Salz nach Amerika aus und lehrte viele Jahre an der Ohio State University.

Wenn die Preise im Steigen begriffen sind, wird der Schein der Prosperität leicht übertrieben, weil die öffentliche Meinung, einschließlich der Arbeiterklassen, stark unter dem Einfluss des Urteils der nach ihren eigenen Erfahrungen urteilenden Geschäftswelt steht. Es ist aber das rasche und plötzliche starke Sinken und Steigen der Preise, nicht etwa das Sinken der Preise an sich, was die Störung der ganzen Wirtschaft bedingt.

Diesem Grundverhältnis von Gläubiger und Schuldner steht die Geldordnung in den modernen Staaten neutral gegenüber. Würden die Notenbanken als Hüter der Währungsverfassung bei jeder starken Änderung des Gläubiger-Schuldner-Verhältnisses aus ihrer überparteilichen Stellung heraustreten und sich auf Seite der einen Partei schlagen, so würde die Folge sein, dass wir statt einer Währungsordnung dauernde Erschütterungen aller Wertvorstellungen hätten. Wie viele und wie starke derartige Erschütterungen ein Wirtschaftssystem erträgt ohne zusammenzubrechen, ist eine noch wenig untersuchte Frage.

Die höchsten Inflationen aller Zeiten
Turkmenistan, Januar 1992 - November 1993Währung: Manat Tägliche Inflationsrate: 5,71 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 12,7 Tage Quelle: Institute for Applied Economics, John Hopkins University Baltimore Quelle: AP
Armenien, Oktober 1993 - Dezember 1994Währung: Rubel Tägliche Inflationsrate: 5,77 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 12,5 Tage Quelle: REUTERS
China, Oktober 1947 - Mitte Mai 1949Währung: Yuan Tägliche Inflationsrate: 14,1 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 5,34 Tage
Griechenland, Mai 1941 - Dezember 1945Währung: Drachme Tägliche Inflationsrate: 17,9 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 4,27 Tage
Deutschland, August 1922 - Dezember 1923Währung: Papiermark Tägliche Inflationsrate: 20,9 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 3,70 Tage
Republika Srpska, April 1992 - Januar 1994Währung: Dinar Tägliche Inflationsrate: 64,3 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 1,41 Tage
Jugoslawien, April 1992 - Januar 1994Währung: Dinar Tägliche Inflationsrate: 64,6 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 1,41 Tage Quelle: dpa

Jedenfalls wäre das Geld seiner wesentlichen Funktion, die es in der neueren Zeit hat, Rechenmaß aller wirtschaftlichen Werte zu sein, entkleidet. Wir würden in eine Anarchie aller Wertvorstellungen geraten, solange nicht ein von Geld losgelöster, unabhängiger Wertmaßstab gefunden ist.

Wie in einem modernen Staat die oberste Staatsspitze gewohnheitsmäßig nicht in den Streit der Parteien und parlamentarischen Debatten gezogen wird, so ist in den modernen Staaten auch die Währung als eherner Fels dem Streit der Wirtschaftsinteressen entrückt, und dies mit gutem Grund. Denn von allen Faktoren, die sonst noch auf das Preisniveau einwirken, ist vielleicht der stärkste preisbestimmende Faktor das Vertrauen in die Währungsordnung selbst. Der Kredit, den eine Währung genießt (vonseiten des in- und ausländischen Publikums), ist wichtiger als der Kredit, der künstlich geschaffen werden kann.

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