Post aus Harvard

Den USA droht ein Inflationsschub

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Die Geldmenge ist nahezu explodiert, die Inflation aber hält sich in engen Grenzen oder ist sogar negativ. Sind die alten Weisheiten der Volkswirtschaft widerlegt? Keineswegs.

Ist der Dollar in Gefahr? Quelle: dpa/Montage

Gerade für einen Ökonomen, der sich oft mit dem Verhältnis zwischen Inflation und Veränderungen der Geldmenge beschäftigt hat, bedarf die derzeit überraschend niedrige Inflationsrate in den USA einer Erklärung. Gilt etwa die alte Regel nicht mehr, dass ein schnelleres Wachstum der Geldmenge zu mehr Inflation führt oder zumindest von stärkerer  Inflation begleitet wird? Und umgekehrt, dass eine Verlangsamung des Geldmengenwachstums mit weniger Inflation einhergeht, wobei Geldmenge hier die Summe des umlaufenden Geldes plus der Guthaben der Geschäftsbanken bei der Notenbank bedeutet?

Für die Vergangenheit stimmt das jedenfalls. In den USA kletterte die Geldmenge zum Beispiel zwischen 1985 und 1995 im Jahresdurchschnitt um neun Prozent; in den darauf folgenden zehn Jahren sank dieser Durchschnittswert auf sechs Prozent. Dem nachlassenden Wachstum der Geldmenge entsprach ein Rückgang des Inflationstempos. Der Verbraucherpreisindex CPI stieg von 1985 bis 1995 im Jahresdurchschnitt um 3,5 Prozent und danach bis 2005 nur noch um durchschnittlich 2,5 Prozent.

Die wichtigsten Fakten zur niedrigen Inflation

Dann aber war es mit dem Konnex zwischen Geldmenge und Inflation vorbei. Von 2005 bis 2015 nahm die Geldmenge gewaltig zu – im Jahresdurchschnitt um 17,8 Prozent. Und der Verbraucherpreisindex? Wuchs um durchschnittlich 1,9 Prozent pro Jahr – nicht mehr. Wenn wir diesen gewaltigen Wandel erklären wollen, müssen wir uns das Wechselverhältnis zwischen Geldmenge und Geldentwertung ansehen und uns mit der veränderten Funktion der Guthaben der Geschäftsbanken bei der Notenbank Fed beschäftigen.

Worum geht es? Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit gewährt, schafft sie ein Guthaben für den Kreditnehmer, der dieses Geld entnehmen und damit etwas kaufen kann. Dieser Vorgang führt meistens dazu, dass das Geld transferiert wird, von der den Kredit vergebenden Bank an einer andere.

Die Geschäftsbanken sind gesetzlich verpflichtet, Guthaben bei der Notenbank zu unterhalten, und zwar in einem proportionalen Verhältnis zu den einlösbaren Einlagen in ihren Büchern. Demnach folgt aus höheren Guthaben bei der Notenbank, dass die Geschäftsbanken mehr oder höhere Kredite vergeben können. Die Kreditnehmer können dann mehr Geld ausgeben. Solche zusätzlichen Ausgaben führen zu mehr Beschäftigung, höherer Auslastung des Kapitalstocks ­ und schließlich zu einem Aufwärtsdruck auf Löhne und Preise.

Wer von der Mini-Inflation profitiert - und wer nicht

Bis vor ein paar Jahren war es so, dass die Fed sich so genannter Offenmarkt-Geschäfte bediente, um die Einlagen der Handelsbanken zu erhöhen: Sie kaufte ihnen amerikanische Staatsanleihen ab. Das hieß: Die Geschäftsbanken tauschten staatliche Papiere mit fester Verzinsung gegen Guthaben bei der Fed, die  früher keinen Zins abwarfen. Das war für die Geschäftsbanken nur sinnvoll, wenn sie gestützt auf diese Guthaben mehr Geld an Kunden ausliehen. Falls eine einzelne Bank dafür keinen Bedarf oder keine Möglichkeit hatte, konnte sie das Guthaben an eine andere Bank verleihen und dafür Zinsen zum Zinssatz der Fed für so genannte Interbankenkredite kassieren. Weil es diese Möglichkeit gab, sorgten am Ende fast alle Einlagen bei der Fed zur Ankurbelung der Bankkredite an die reale Wirtschaft.

2008 änderte sich das völlig: Ein neues Gesetz erlaubte der Fed, Zinsen auf Einlagen über einem Mindestmaß zu zahlen. Seitdem kann eine Geschäftsbank der Fed Treasury Bills und langlaufende Zinspapiere verkaufen, um dafür ihre Einlagen bei der Fed zu erhöhen, wofür sie eine kleine, aber sehr sichere Verzinsung erhält.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%