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Post aus Harvard

Die Amerikaner sparen sich zu Tode

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Die Krise hat den traditionell spendablen US-Verbrauchern gründlich die Laune verdorben: Die Sparquote der privaten Haushalte explodiert, die Konsumausgaben schrumpfen. Amerikas Wirtschaft droht ein Rückfall in die Rezession – mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft.

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Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de Quelle: Laif/Polaris

Lange galten die Amerikaner als unangefochtene Konsumweltmeister. Doch in den vergangenen drei Jahren hat sich die Sparquote der privaten Haushalte in den Vereinigten Staaten verdreifacht. Warum ist das passiert? Und was bedeutet das für die US-Wirtschaft und den Rest der Welt?

Der rapide Anstieg der Ersparnisse hat die Verbraucherausgaben verringert und somit das Tempo des Wirtschaftswachstums in 2009 und Anfang 2010 verlangsamt. Sollte die Sparquote weiter so rasch wachsen, könnte sie Amerikas fragile Wirtschaft in einen weiteren Abschwung schubsen. Das würde niedrigere Importe bedeuten, was potenziell zu einem Problem für Länder werden könnte, deren Arbeitsplätze von Exporten in die USA abhängen.

Konsum gedrosselt

Höhere private Ersparnisse drosseln zudem den Konsum, denn sie sind die Differenz zwischen dem nach Steuern und Abgaben verfügbaren Einkommen der Haushalte und dem, was die Privatleute davon ausgeben. Das Ersparte wird etwa in Bankkonten angelegt, oder die Verbraucher kaufen Investmentfonds oder Unternehmensaktien. Gespart werden kann auch in Form individueller Einzahlungen in Pensionskonten. Daneben können Arbeitgeber Teile der Löhne und Gehälter in betriebliche Sparpläne stecken. Die Rückzahlung von Schulden auf Kreditkarten oder Hypotheken gilt statistisch ebenfalls als Ersparnis. Dagegen fällt eine Wertsteigerung bestehender Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien nicht darunter, obwohl sie das Vermögen der Haushalte steigern.

Jedes Jahr betätigt sich ein Teil der Verbraucher als Sparer und andere – besonders Rentner – als „Entsparer“. Letztere decken ihren aktuellen Verbrauch mit Ersparnissen der Vergangenheit. Die nationale Nettosparquote der Privathaushalte ist die Differenz zwischen den Ersparnissen der Sparer und dem Konsum der „Entsparer“.

Der jüngste Sparboom der US-Privathaushalte folgt auf einen langen Zeitraum, während dem die Sparquote stetig sank. Diese Periode begann vor 25 Jahren. Davor, also zwischen 1960 und 1985, sparten die amerikanischen Verbraucher durchschnittlich neun Prozent ihrer verfügbaren Einkommen. Während dieser Jahre lag die Sparquote relativ stabil zwischen sieben und elf Prozent.

2007 nur zwei Prozent Sparquote

Doch ab 1985 führten verschiedene Veränderungen dazu, dass die Sparquote deutlich sank, bis sie im Jahr 2007 sogar unter zwei Prozent lag. Ein Grund dafür war, dass die boomenden Aktienmärkte und steigenden Hauspreise den Einzelnen reicher machten, sodass weniger für das Rentenalter gespart werden musste und Ruheständler mehr Erspartes ausgeben konnten. Die allgemeine Verschiebung von leistungsorientierten Pensionsplänen zu beitragsorientierten Plänen bedeutet, dass die Angestellten die Auswirkungen der steigenden Aktienpreise direkt auf ihrem persönlichen Konto spürten.

Darüber hinaus konnten die Amerikaner durch die höhere Verfügbarkeit von Kreditkarten mehr „entsparen“, indem sie Waren und Dienstleistungen kauften aber erst später zahlten. Hypotheken wurden für immer mehr Menschen verfügbar. Steigende Hauspreise ermöglichten es vielen Hauseigentümern, ihre Hypotheken umzuschulden und so an zusätzliches Bargeld zu gelangen, das sie für andere Dinge ausgeben konnten. Kreditlimits, die mit dem ins Eigenheim investierten Eigenkapital abgesichert waren, boten eine weitere Möglichkeit, Ausgaben zu finanzieren.

All das änderte sich aber schlagartig, als die amerikanische Wirtschaft Ende 2007 in eine heftige Rezession rutschte. Die Börse stürzte ab. Die Immobilienpreise fielen um 40 Prozent, sodass ein Drittel aller Hausbesitzer mit Hypotheken ihr Eigenkapital komplett verlor. Das Vermögen der Haushalte ist heute 10 Billionen US-Dollar weniger wert als vor der Rezession.

Dieser Vermögensverfall bedeutet, dass die Haushalte mehr sparen müssen, um sich auf den Ruhestand vorzubereiten. Ruheständler können zudem nicht mehr so viel konsumieren wie zuvor. Banken und Kreditkartenfirmen sind wesentlich vorsichtiger mit dem Verteilen von Krediten. Da die Arbeitslosigkeit hartnäckig hoch bleibt, sparen viele Haushalte schon im Voraus, um Bargeld zu haben, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren oder in Kurzarbeit gehen müssen.

Vermögensaufbau von vorn

Es ist unmöglich vorherzusagen, in welche Richtung sich die Sparquote als Nächstes bewegt. Doch die Haushalte müssen ihr Vermögen wieder aufbauen, und weil es an verfügbaren Krediten mangelt, könnte die Sparquote wahrscheinlich noch weiter steigen. Im Juni meldete die Statistik eine Quote von 6,4 Prozent, sodass die Quote von neun Prozent aus dem Jahr 1985 wieder in greifbare Nähe rückt. Falls dies tatsächlich so schnell passiert, könnten die Ausgaben insgesamt abnehmen und die Wirtschaft in eine doppelte Rezession abgleiten lassen. Nur wenn die Haushalte das Tempo der Erholung stattdessen optimistisch bewerten, könnten sie unter Umständen trotz schwacher Einnahmen weniger zu sparen, um weiter wie gewohnt zu konsumieren. Das wird erst die Zukunft zeigen.

Die Ersparnisse der Privathaushalte sind allerdings nur ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Nettoersparnisse. Da das persönliche Einkommen nach Steuern ungefähr 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, bedeutet eine Haushaltssparquote von sechs Prozent lediglich einen Anteil von 4,5 Prozent am BIP. Die einbehaltenen Unternehmensgewinne betragen durchschnittlich drei Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung – nach Abzug der Wertminderung von Anlagen und Maschinen. Die Kombination der Ersparnisse von Privathaushalten und Unternehmen bringt die gesamten privaten Ersparnisse auf 7,5 Prozent des BIP. Bedauerlicherweise wird die staatliche Kreditaufnahme zur Finanzierung des Staatsdefizits in diesem Jahrzehnt voraussichtlich fünf Prozent des BIP verschlingen. So würde eine gesamtwirtschaftliche Sparquote von nur 2,5 Prozent übrigbleiben.

Globale Ungleichgewichte

Diese niedrige gesamtwirtschaftliche Sparquote reicht nicht, um dringend nötige Investitionen in Anlagen, Maschinen und Wohnungsbau zu finanzieren. Daher bleiben die USA trotz der steigenden Sparquote der Privathaushalte von Kapitalzuflüssen aus dem Rest der Welt abhängig – es sei denn, die US-Regierung sorgt dafür, dass Amerikas künftige Haushaltsdefizite schrumpfen. Bleibt das Land auf ausländisches Geld angewiesen, werden die globalen Ungleichgewichte weiterhin das Risiko für die Weltwirtschaft erhöhen.

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