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Post aus Harvard

Ist das goldene Zeitalter der USA vorbei?

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Der Ökonom Robert Gordon behauptet, dass die Wachstumswirkung von Innovationen nachlässt. Doch der Pessimismus ist übertrieben - unser Lebensstandard steigt durch neue Produkte und Dienstleistungen schneller, als es die Statistik anzeigt.

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Martin Feldstein ist Ökonomie-Professor an der Harvard University und emeritierter Präsident des Nationalen Büros für Wirtschaftsforschung in den USA. Seine Kolumne

Der amerikanische Ökonom Robert Gordon von der Northwestern University hat eine lebhafte und wichtige Debatte über das zukünftige Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten eröffnet. Sein Buch "The Rise and Fall of American Growth" erscheint zwar erst im Januar 2016, aber seine zentrale These wurde bereits im Economist und in Foreign Affairs vorgestellt. Gordons Einschätzung der amerikanischen Wachstumsaussichten ist düster. Sie verdient es, ernst genommen zu werden. Aber stimmt sie auch?  

Gordon argumentiert, die großen technologischen Veränderungen, die in der Vergangenheit unseren Lebensstandard erhöht haben, seien tiefgreifender gewesen als all das, was noch kommen könnte. Als Beispiele nennt er sanitäre Einrichtungen im Haus, Automobile, Elektrizität, Telefone und Zentralheizungen. Diese Erfindungen seien für den Lebensstandard zentraler als neuere Innovationen wie etwa das Internet oder Mobiltelefone. Ich stimme mit Gordon überein, dass ich lieber mein Mobiltelefon oder sogar das Internet aufgeben würde, als auf sanitäre Einrichtungen und Strom zu verzichten. Aber dies bedeutet lediglich, dass wir Glück haben, in der heutigen Zeit zu leben und nicht vor 100 Jahren (geschweige denn vor 200 Jahren oder im Mittelalter). Die Tatsache, dass große Innovationen in der Vergangenheit stattfanden, ist kein Grund dafür, die Zukunft pessimistisch zu sehen.

Gordon weist auf die aktuelle Verlangsamung des realen (inflationsbereinigten) BIP-Wachstums in den USA hin. Laut offizieller US-Statistiken wuchs das reale BIP pro Arbeitskraft zwischen 1891 und 1972 jährlich um 2,3 Prozent und danach nur noch um 1,5 Prozent. Allerdings geben die offiziellen Statistiken zum BIP-Wachstum die meisten positiven Einflussfaktoren auf unseren Lebensstandard, die von neuen und verbesserten Gütern und Dienstleistungen stammen, nicht wieder. Dies bedeutet, dass die offizielle Wachstumsrate die Steigerung des Lebensstandards, die zum Beispiel durch Krebsmedikamente, neue Operationstechniken und viele weitere Innovationen verursacht wird, nicht ausreichend erfasst. Da das BIP nur dasjenige zusammenfasst, was am Markt verkauft wird, taucht auch die enorme Expansion der Fernsehunterhaltung oder die Einführung von Diensten wie Google oder Facebook in der nationalen Bilanz nicht auf.

Der Wohlstand steigt schneller als die Statistik anzeigt

Anders ausgedrückt: Der Wohlstand steigt schneller als offizielle Statistiken glauben machen – vielleicht sogar viel schneller. Dies trifft auf die Daten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu und gilt heute immer noch. Für die Ansicht, die oft in Umfragen und auch in Gordons Buch vertreten wird, dass der Lebensstandard der Kinder der heutigen Generation niedriger sein wird als derjenige ihrer Eltern, gibt es keine Grundlage. Für manche Menschen, insbesondere solche mit relativ hohem Einkommen, mag dies gelten. Aber für die meisten trifft es definitiv nicht zu.

Nehmen wir ein junges, dreißigjähriges Elternteil mit einem Gehalt in der Mitte der Einkommensverteilung. In 30 Jahren wird das Kind so alt sein wie sein Elternteil heute. Selbst wenn das Wachstum der Realeinkommen jährlich nur 1,5 Prozent beträgt, wird das mittlere Medianeinkommen in 30 Jahren fast 60 Prozent höher sein als heute. Sogar wenn das Kind dann 30 Prozent weniger verdient als der Median zu dieser Zeit, ist sein Einkommen noch höher als das heutige Medianeinkommen. Wenn die Realeinkommen pro Kopf durch Produktinnovationen und -verbesserungen jährlich um drei Prozent wachsen, wird das Medianeinkommen in 30 Jahren mehr als doppelt so groß sein wie heute.

Konjunktur



Dies ist gleichwohl kein Anlass zur politischen Nachlässigkeit. Die USA können ihre zukünftige Wachstumsrate weiter steigern, indem sie das Bildungssystem verbessern, die Sparquote und Investitionen wieder auf ihr vergangenes Niveau erhöhen und diejenigen Faktoren des Steuer- und Transfersystems eliminieren, die sich negativ auf Beschäftigung und Einkommen auswirken.

Gordon legt den Schwerpunkt auf den Effekt der technologischen Innovationen auf die Realeinkommen. Aber ein entscheidende Schwäche seiner Argumentation ist, dass sie sich kaum mit politischen Innovationen befasst. Würden die Politiker entsprechende Reformen durchführen, könnte die nordamerikanische Volkswirtschaft – und diejenige vieler anderer Länder – künftig viel stärker wachsen als erwartet.

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