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Post aus Harvard

Zinswende muss im Dezember kommen

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Und die chinesische Börse?

Doch in Wirklichkeit haben die Nöte der Chinesen weniger Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft, als es scheint. Chinas Nachfrage nach Importgütern verlangsamt sich im Gefolge des wirtschaftlichen Strukturwandels – weniger Industriewachstum, mehr Dienstleistungen und mehr privater Konsum. Daraus folgt zwar, dass China weniger Rohstoffe aus Australien und aus Südamerika braucht, auch weniger Spezialmaschinen aus Deutschland und Japan. Aber nur acht Prozent des chinesischen Imports stammt aus den USA, und unsere Exporte nach China machen nur ein Prozent vom US- Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Wenn China seine Importe also scharf drosselt, kann das am US-BIP nur hinter dem Komma etwas ändern, und auch das nur im geringeren Umfang und über mehrere Jahre.

Und die chinesische Börse? Sie ist nach Ansicht vieler Beobachter nicht mehr als eine Art Kasinobetrieb für eine kleine Minderheit der chinesischen Haushalte. Nur sechs Prozent der Chinesen besitzen Aktien, und die sind jetzt zumeist auch nicht verarmt. Der Börsenindex in Shanghai stieg von 2200 Punkten vor einem Jahr auf 5100 in diesem Sommer, stürzte dann auf etwa 3000 ab und steht inzwischen bei etwa 3300. Man darf den Schlagzeilen also nicht glauben: Chinesische Aktienbesitzer sind in 15 Monaten um etwa 50 Prozent reicher geworden. Und selbst wenn es anders wäre: Wohlstand und Konsum korrelieren in China vor allem mit Immobilienbesitz, nicht mit der Börse.

Bleibt die Währung: Die viel beschworene Abwertung des Renminbi gegenüber dem Dollar betrug etwa 2,5 Prozent. Das ist fast nichts im Vergleich zum zweistelligen Wertverlust von Yen, Euro und Pfund Sterling vor einiger Zeit. Auf Basis eines gewichteten Warenkorbes für die Handelspartner Chinas ist von einer Abwertung des Renminbi also keine Rede, ganz im Gegenteil.

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    Auf Importpreise in den USA hatten die geringe Abwertung des Renminbi und der starke Kursverlust anderer Währungen sowieso nur einen geringen Einfluss. Denn Exporteure in China berechnen ihre Preise wie in anderen Ländern zumeist auf Dollarbasis und passen sie nicht automatisch an Wechselkursveränderungen an. Gewiss: Nach offiziellen Angaben sind die Importpreise in den USA von August 2014 bis August 2015 um elf Prozent gesunken. Das liegt aber fast ausschließlich an den niedrigeren Kosten für Energieträger. Rechnet man die heraus, ergibt sich ein durchschnittlicher Preisrückgang von nur noch drei Prozent.

    Konjunktur



    Die Fed hat also recht mit der Behauptung, die starke Verbilligung von Energie habe für die niedrige Inflationsrate gesorgt. Was aber auch heißt, dass sich die Teuerung schnell der heutigen Kerninflationsrate von 1,8 Prozent annähern wird, sobald die Energiepreise nicht mehr weiter fallen. Und unbegründet ist die Sorge vor Auswertungen von Währungsentwicklungen bei den wichtigen Handelspartnern für die amerikanische Wirtschaft.

    Was folgt nun aus Yellens Rede und aus dieser Analyse? Falls es nicht zu überraschenden neuen Entwicklungen kommt, können wir mit einer Zinserhöhung noch vor Jahresende rechnen, wie die Notenbankpräsidentin das vorgeschlagen hat. 2016 und darüber hinaus sollte es in dieser Richtung weiter gehen: Ich kann nur hoffen, dass die Fed in den kommenden anderthalb Jahren den Leitzins so weit anhebt, dass wir nicht die Instabilität auf den Finanzmärkten und die lang anhaltende Inflation erleben müssen, die wegen der jetzt schon überlangen Ära einer unmäßig laxen Geldpolitik weiterhin drohen.

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