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Post aus Harvard
Ökonom Martin Feldstein Quelle: Laif

US-Ökonom Feldstein: China wird sich als erstes von Krise erholen

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

China könnte das erste Land werden, das die Wirtschaftskrise überwindet. Voraussetzung: Die Politik sorgt dafür, dass die Chinesen weniger sparen müssen, sagt Martin Feldstein.

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Welche der großen Volkswirtschaften der Welt erholt sich wohl als erste von der globalen Konjunkturkrise? Ich bin sicher: Dies wird China sein. Mag sein, dass sein Wachstum nicht zweistellig ausfallen wird wie in den vergangenen Jahren, doch dürfte China 2010 schneller wachsen als alle Länder Europas oder der gesamten westlichen Hemisphäre.

Noch ist die Lage in China freilich kritisch: Das Land leidet gegenwärtig stark unter dem weltweiten Einbruch der Nachfrage bei einer Vielzahl von Industrieprodukten. Der steile Rückgang der Einzelhandelsumsätze in den USA und Europa lässt die Bestellungen für die in chinesischen Fabriken gefertigten Waren zurückgehen. Hinzu kommt: Während der Kurs des chinesischen Yuan im Vergleich zum Dollar im vergangenen Jahr mehr oder weniger konstant blieb, hat die steile Aufwertung des Dollar gegenüber dem Euro und weiteren Währungen zu einem Anstieg des handelsgewichteten Außenwertes der chinesischen Währung geführt. Dies drückt zusätzlich auf die chinesischen Exporte.

Und die Wirkungskette geht weiter. Weil der Export lahmt, verlieren immer mehr chinesische Fabrikarbeiter ihren Arbeitsplatz; dies führt zu negativen Zweitrundeneffekten bei der Nachfrage nach chinesischen Waren und Dienstleistungen vor Ort, weil die chinesischen Haushalte ihre Ausgaben einschränken. Viele kleine, ausschließlich für den Export produzierende Fabriken mussten bereits schließen. Millionen gering qualifizierter Arbeiter, die Bauernhöfe im Inland verließen, um in den Produktionszentren an der Küste zu arbeiten, sind nun gezwungen, in ihre Dörfer zurückzukehren. Und die bisher von ihren Überweisungen profitierenden Familien müssen ihrerseits ihren Konsum einschränken.

Die chinesischen Behörden stehen daher unter Druck. Sie müssen denen, die ihre Jobs verloren haben, und den Millionen junger Menschen, die in China jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt drängen, Arbeitsplätze verschaffen. Sollte ihnen dies nicht gelingen, würde dies nicht nur Not und Elend für Millionen von Arbeitslosen zur Folge haben – sondern auch die auf der Erwartung anhaltenden wirtschaftlichen Wohlstands beruhende politische Stabilität des Landes bedrohen.

Die auf eine Steigerung der Gesamtnachfrage zielende politische Strategie der Regierung konzentriert sich auf Investitionen in die Infrastruktur, zum Beispiel in den Straßenbau und den öffentlichen Nahverkehr. Viel wichtiger wäre es hingegen, die Politik so zu ändern, dass sie den Konsum der chinesischen Verbraucher anregt, und die staatlichen Ausgaben zu erhöhen, von denen Chinas Haushalte unmittelbar profitieren. Warum? Weil der Konsum der Chinesen dem Wirtschaftswachstum seit Jahren hinterherhinkt. Dies spiegelt der sinkende Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttoinlandsprodukt und der gegenüber den Haushaltseinkommen steigende Anteil der Kapitaleinkünfte wider. Um die Konsumausgaben zu erhöhen, muss die chinesische Regierung beide Trends umkehren. Beispiel Löhne: Obwohl die privaten Unternehmen der am schnellsten wachsende Teil der chinesischen Volkswirtschaft sind, bleiben die sich ganz oder teilweise in Staatseigentum befindlichen Unternehmen weiterhin ein wichtiger Arbeitgeber. Die Regierung kann die Löhne in diesen Firmen direkt beeinflussen und damit das gesamtwirtschaftliche Lohnniveau verändern.

Ein Problem ist auch die hohe Sparquote der chinesischen Haushalte. Diese spiegelt sowohl die hohe Sparquote jüngerer Generationen als auch die Tatsache wider, dass die älteren Generationen in ihrer Jugend sehr geringe Einkommen hatten und daher nur wenig Geld zurücklegen konnten. Die aggregierte Sparquote der privaten Haushalte entspricht der Differenz zwischen der Ersparnisbildung der (meist jungen) Sparer und der Auflösung von Ersparnissen der (meist alten) Entsparer. Da die Jungen viel sparen und die Alten nur geringe Ersparnisse auflösen können, ist die Nettosparquote hoch. Junge Leute haben in China viele Gründe, um zu sparen: Das öffentliche Rentensystem ist unzureichend. Krankenversicherungen, die die hohen Kosten medizinischer Leistungen auf westlichem Niveau bezahlen, gibt es kaum. Für die Ausbildung ihrer Kinder müssen Eltern Schulgeld bezahlen. Kredite für den Kauf langlebiger Gebrauchsgüter sind kaum zu bekommen, und für den Kauf einer Wohnung ist eine hohe Anzahlung erforderlich.

Ich glaube, dass die Regierung hier handeln muss und wird. Damit der Zwang entfällt, hohe Ersparnisse anzuhäufen, wird sie die Kreditvergabe erleichtern, ein Krankenversicherungssystem einführen und die Anzahlungspflichten für Immobilienkäufe lockern. Ministerpräsident Wen Jiabao hat jüngst vor dem Volkskongress deutlich gemacht, dass er alles Erforderliche tun wird, um die Nachfrage anzukurbeln und ein starkes Wirtschaftswachstum in China zu gewährleisten. Ich habe wenig Zweifel an seiner Bereitschaft und seiner Fähigkeit, dies zu tun.

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