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Post aus Harvard

US-Starökonom erwartet neuen Höhenflug des Euros

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Der schwache Euro ist nur ein Übergangsphänomen. Bald wird sich die europäische Einheitswährung wieder in Richtung von 1,60 Dollar bewegen, sagt Martin Feldstein.

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Wer als Amerikaner in diesen Tagen nach Paris oder Berlin reist, ist erstaunt, wie hoch hier die Preise im Vergleich zu den USA sind. Ein Hotelzimmer, ein einfaches Mittagessen oder ein Herrenhemd kosten zum aktuellen Wechselkurs mehr als in New York oder Chicago! Um die Kosten für Waren und Dienstleistungen auf US-Niveau zu senken, müsste der Euro im Verhältnis zum Dollar um etwa 15 Prozent auf einen Kurs von 1,10 Dollar fallen. Heißt das also, der Euro ist trotz seiner aktuellen Talfahrt noch immer überbewertet? Die Antwort lautet: nein! Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlicher ist, dass der Euro, der in der vergangenen Woche auf den tiefsten Stand seit Mai 2009 fiel, künftig wieder das Rekordniveau von 2008 erreicht; damals war er auf rund 1,60 Dollar nach oben geschossen.

Hoher Handelsüberschuss

Es gibt drei Gründe, warum der Euro nicht überbewertet ist. Der erste ist eher technischer Natur: Auf die Preise, die der Reisende sieht, wird im Allgemeinen die Mehrwertsteuer aufgeschlagen, die in den USA unbekannt ist. Zieht man die Mehrwertsteuer ab, ähneln die Preise in Europa denen in den USA. Zweitens stellen die Waren und Dienstleistungen, die Reisende kaufen, nur einen kleinen Teil der Güter dar, die international gehandelt werden. Zu den Waren, die Europa exportiert, zählen Maschinen, Chemikalien und eine Reihe anderer Produkte, die Verbraucher nicht direkt einkaufen. Um zu beurteilen, ob die Preise dafür beim derzeitigen Wechselkurs „zu hoch“ sind, müssen wir uns die Handelsbilanz ansehen.

Deutschland, Europas größter Exporteur, hat einen sehr hohen Handelsüberschuss gegenüber dem Rest der Welt. Da deutsche Exportartikel beim aktuellen Wechselkurs attraktiv für ausländische Käufer sind, war Deutschland 2009 der zweitgrößte Exporteur der Welt (nach China). Deutschlands Exporte überstiegen seine Importe in den vergangenen zwölf Monaten um nahezu 200 Milliarden Dollar, der Überschuss entspricht fast sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Es liegt auf der Hand, dass Deutschlands Nettoexporte selbst dann hoch blieben, wenn der Euro beträchtlich an Wert gewinnen würde.

Die anderen Länder der Euro-Zone sind beim gegenwärtigen Wechselkurs nicht so wettbewerbsfähig wie Deutschland. Dennoch verzeichnete der Euro-Raum als Ganzes in den letzten zwölf Monaten einen Handelsüberschuss von umgerechnet über 30 Milliarden Dollar. Da der Euro 2009 im Verhältnis zu vielen anderen Währungen beträchtlich gesunken ist, dürfte Europas Handelsüberschuss in den kommenden Monaten weiter wachsen. Dies aber würde die aktuellen globalen Ungleichgewichte verschärfen.

Das bringt mich zum dritten und grundlegendsten Faktor, der wahrscheinlich dazu führen wird, dass der Euro bald wesentlich zulegt: Die Ölförderländer und China werden weiter wesentlich mehr exportieren als importieren. Ihre Netto-Deviseneinnahmen legen sie in ausländische Aktien und Wertpapiere an. Und sie wollen ihre Investitionen aus diesen neuen Nettoexport-Einnahmen diversifizieren.

Die Euro-Zone bietet neben den USA den einzigen großen Kapitalmarkt für solche Investitionen. Doch kann die Euro-Zone den Zustrom an ausländischem Kapital nur steigern, wenn sie ein beträchtliches Leistungsbilanzdefizit aufweist, das heißt, wenn sie ihre Importe im Verhältnis zu den Exporten erhöht. Und dazu wird ein weniger wettbewerbsfähiger Euro benötigt – höher im Verhältnis zum Dollar und höher zu anderen Währungen. Wenn die Nettoexporteinnahmen von den Ölproduzenten und anderen in den Euro fließen, wird das dessen Wert steigen lassen.

Umschichtung von Dollar in Euro

Zudem dürften Länder mit großen Dollar-Reserven einen Teil davon in Euro umtauschen. Die Zentralbanken in Asien, im Mittleren und Nahen Osten haben ihre Reserven traditionell in Dollar angelegt. Das war sinnvoll, als die Reserven liquide sein mussten, um damit vorübergehende Handelsdefizite zu überbrücken. Doch sind diese Devisendepots weit über den als Notreserve erforderlichen Umfang hinaus angewachsen. Südkorea und Taiwan etwa verfügen jeweils über Devisenbestände von über 250 Milliarden Dollar, Chinas Gesamtbestand beläuft sich auf über zwei Billionen Dollar. Länder mit großen Devisenguthaben beginnen nun damit, Dollar-Bestände in Euro zu wechseln – ein Prozess, der unweigerlich zu einem steigenden Euro führt.

Ich werde mich also auf meinen Europabesuchen weiter über die Preise beschweren können. Der wachsende Druck auf Europa, Kapital zu importieren, und der Druck auf Überschussländer, ihre Devisenbestände zu diversifizieren, werden Reisen nach Europa für Dollar-Besitzer immer teurer werden lassen.

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