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Preissteigerung Deflation könnte Inflation überholen

Seit langem wird die Inflation herbei geredet, Anleger sind aus Angst vor Preissteigerungen in Gold und Immobilien geflüchtet. Passiert ist bisher nichts. Zumindest kurzfristig droht ein ganz anderes Problem: Deflation.

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Wo die Preise explodieren
Frau in Supermarkt Quelle: dpa
Brot Quelle: dpa
Eine Frau beißt in Schokolade Quelle: dpa
Kaffeebohnen Quelle: dpa
Drehstromzähler Quelle: dpa
Grillwürstchen Quelle: dpa
Jemand tankt Quelle: dpa

Die einen fürchten Sie, die anderen sehnen Sie herbei: Inflation. Während in Deutschland die Angst vor hohen Teuerungsraten zu einem Dauerzustand geworden ist, pumpen Japans Notenbanker immer mehr Geld in den Markt, um die dort anhaltende Deflation zu bekämpfen und wenigstens eine leichte Inflation zu erzeugen.

Erneut ist es also die lockere Geldpolitik der Notenbanken rund um den Globus, die Zündstoff für Diskussionen liefert. Die Entscheidung der Japaner, unbegrenzt Anleihen kaufen zu wollen und dafür die Drucker anzuschmeißen, wird scharf kritisiert. Einige werfen den Notenbankern vor, sie wollten mit ihrer expansiven Geldpolitik vor allem die eigene Währung schwächen. Wertet der Yen ab, werden japanische Produkte im Ausland billiger – davon kann eine derart exportorientierte Wirtschaft stark profitieren. Bisher wehrt sich Japans Notenbank gegen die Vorwürfe, auch andere Zentralbanken dementieren vorbeugend Gerüchte um einen globalen Abwertungswettlauf. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) betont immer wieder, dass die Notenbank ihr Mandat, die Preisstabilität, nicht aufgeben werde.

Währungshüter am Scheideweg

Trotzdem stehen die Währungshüter am Scheideweg. Sollen sie weiter Geld drucken und damit die Konjunktur ankurbeln? Oder wird es langsam Zeit, das Geld wieder abzuziehen? Ausgerechnet aus den USA, dem Heimatland des Gelddruckens, kommen Zweifel an der lockeren Geldpolitik. Einige Notenbanker der Fed warben zuletzt darum, die Anleihekäufe der Zentralbank lieber früher als später zu beenden. „Aus meiner Sicht sind die Risiken aus den Käufen seit Anfang 2012 höher als die damit erzielten Vorteile“, sagte US-Notenbanker Jeff Lacker dem „Handelsblatt“.

Allerdings hat die Fed ihre geldpolitischen Maßnahmen bisher immer mit der relativ hohen Arbeitslosenquote in den USA gerechtfertigt. Solange die nicht auf ein akzeptables Maß sinkt, dürften zumindest die Leitzinsen niedrig bleiben. Erst wenn die Quote auf unter 6,5 Prozent sinkt, werde wieder über höhere Zinsen nachgedacht. Damit rechnet die Fed allerdings erst 2015. Im letzten Monat lag die Quote bei 7,8 Prozent.

Unterstützung von der Statistik

Jobs bleiben sicher
Was die Unternehmen für 2013 planen und welche Risiken sie für die Konjunktur sehen.* _____________________________________________________________ * Umfrage des ifo Instituts unter knapp 600 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen im Dezember 2012, Differenz zu 100: keine Angabe ** Mehrfachnennungen möglich
Was die Unternehmen für 2013 planen und welche Risiken sie für die Konjunktur sehen.* _____________________________________________________________ * Umfrage des ifo Instituts unter knapp 600 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen im Dezember 2012, Differenz zu 100: keine Angabe ** Mehrfachnennungen möglich
Was die Unternehmen für 2013 planen und welche Risiken sie für die Konjunktur sehen.* _____________________________________________________________ * Umfrage des ifo Instituts unter knapp 600 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen im Dezember 2012, Differenz zu 100: keine Angabe ** Mehrfachnennungen möglich
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Was die Unternehmen für 2013 planen und welche Risiken sie für die Konjunktur sehen.* _____________________________________________________________ * Umfrage des ifo Instituts unter knapp 600 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen im Dezember 2012, Differenz zu 100: keine Angabe ** Mehrfachnennungen möglich
Was die Unternehmen für 2013 planen und welche Risiken sie für die Konjunktur sehen.* _____________________________________________________________ * Umfrage des ifo Instituts unter knapp 600 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen im Dezember 2012, Differenz zu 100: keine Angabe ** Mehrfachnennungen möglich

Vieles deutet also darauf hin, dass die Zentralbanken nicht so schnell von ihrer lockeren Geldpolitik los kommen. Unterstützt werden sie dabei von den Statistikern. Denn die Inflationszahlen waren bisher kaum Angst einflößend. Das Statistische Bundesamt vermeldete in der vergangenen Woche, dass 2012 der Preisanstieg übers Jahr gesehen bei genau zwei Prozent lag. 2011 waren die Preise noch um 2,3 Prozent zum Vorjahr gestiegen.

Auch in den USA sind die Preise zuletzt langsamer gestiegen. Das liegt vor allem am sinkenden Ölpreis. Im Dezember 2012 stiegen die Preise um 1,7 Prozent zum Vormonat, die Teuerungsrate liegt damit deutlich unter dem von der US-Notenbank angestrebten Wert von zwei Prozent.

Kurzfristig scheinen die Sorgen der deutschen Sparer vor der Hyperinflation also unbegründet. Viele Volkswirte erwarten für 2013 sogar rückläufige Teuerungsraten. „Die Inflationsrate dürfte 2013 eher sinken“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei der Unicredit. Schließlich handele es sich dabei um einen sogenannten nachlaufenden Indikator, die schlechten Wachstumszahlen der Euro-Zone aus den letzten Quartalen werden sich also erst in den nächsten Monaten in den Zahlen widerspiegeln.

„Im Moment ist es noch zu früh, um die Geldschwemme aus der Badewanne wieder rauszulassen“, sagt Rees. Für einen geldpolitischen Richtungswechsel müssten sich die Länder der Euro-Zone weiter stabilisieren. Anderenfalls riskiere die Politik, dass kriselnde Staaten sich nicht mehr finanzieren könnten.

Was für und gegen eine Rezession in Deutschland spricht

Auch Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), forderte die EZB in der vergangenen Woche zu einer erneuten Lockerung der Geldpolitik auf. Eine derartige Maßnahme sei angemessen, um die Nachfrage in Europa aufrecht zu erhalten. Andere gehen sogar noch einen Schritt weiter. Einige Investoren, wie beispielsweise der amerikanischen Anleihe-Guru Jeffrey Gundlach, warnen bereits vor einer weltweiten Deflation, also sinkenden Preisen. Sobald die Zentralbanken die Notenpresse stoppen würden, könnten rund um den Globus die Preise fallen. Ökonomen warnen in der Regel vor Deflation, da die sinkenden Preise die Investitionsbereitschaft der Unternehmen bremst und die Konjunktur auf diese Weise schnell in eine Abwärtsspirale rutschen kann. Auch die Konsumenten bremsen ihre Nachfrage, um die niedrigsten Preise abzuwarten. Das verstärkt den negativen Effekt.

Vor allem an den Börsen sind die Effekte der lockeren Geldpolitik laut Gundlach klar zu erkennen. Die hohen Aktienkurse seien das Ergebnis der gesteigerten Geldmenge. Doch genau die Aktienkurse sind es, die anderen Bauchschmerzen bereiten. „Die Inflation ist längst da“, sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt des Goldhändlers Degussa. Vor allem bei Aktien und Immobilien sei die Teuerung bereits gut spürbar. Das Problem sei, dass derartige Bestandsgüter nicht zur Messung der Inflation herangezogen werden. „Die Messung der Inflation anhand eines Warenkorbs ist mittlerweile unzureichend und irreführend“, sagt Polleit. In den Körben seien nämlich nur Güter des laufenden Bedarfs wie beispielsweise Lebensmittel.

Deflation ist ein Thema

Dennoch sei das Thema Deflation nicht vom Tisch zu weisen. „Grundsätzlich ist das Problem tatsächlich gegeben“, sagt Polleit. Allerdings sei das eine sehr kurzfristige Sicht der Dinge, die die lange Frist ignorieren würde. Je früher das Gelddrucken beendet würde, desto besser. Zwar sei die Inflationsrate zur Zeit auf einem Tiefpunkt. Aber das Geld, welches die Zentralbanken geschöpft hätten, werde sich schon seinen Weg in die Realwirtschaft suchen.  „Das ist wie bei einem Rohrbruch. Auch das Wasser taucht irgendwann dort in der Wohnung auf, wo man es am wenigsten vermutet.“

Wann kommt die Flut?

Wovor die Sparer am meisten Angst haben
Die Krise in Europa ängstigt die Anleger. Eine Umfrage unter Privatanlegern* im Auftrag der britischen Vermögensverwaltung Schroders zeigt, dass viele die Euro-Krise als größte Gefahr für ihr Vermögen sehen. Auch steigende Steuern, Inflation und Turbulenzen an den Märkten verunsichern die Menschen. Was sehen Sie als größte Gefahr für ihr Vermögen?Euro-Krise: 43 Prozent Steigende Steuern: 25 Prozent Marktunsicherheit: 28 Prozent Niedrigzinsumfeld: 15 Prozent Höhere Inflation: 27 Prozent Je nach Land fallen die Ergebnisse aber durchaus unterschiedlich aus. Ausgerechnet in den Ländern, die am stärksten dastehen, haben die Menschen die größte Angst - in Deutschland und Österreich. *Umfrage unter rund 1.300 Privatanlegern in zwölf europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Niederlande, Belgien, Italien, Frankreich, Portugal, Israel und Großbritannien), durchgeführt von YouGov. Das Anlagevermögen der befragten Personen liegt bei 60.000 Euro (ohne Wohnimmobilien).  Der Umfragezeitraum war April-Mai 2012. Quelle: dapd
FrankreichDie Grande Nation kommt in der Schuldenkrise ordentlich ins Straucheln. Vor allem die französischen Banken geraten zunehmend in Schieflage. Auf der europäischen Bühne hingegen zeigt Frankreich weiterhin Stärke. Der neue Staatspräsident Francois Hollande bietet bei den Verhandlungen in der Euro-Krise Deutschland die Stirn. Dennoch bleibt die Sorge um die Euro-Krise bei Frankreichs Privatanlegern groß. Auch steigende Steuern sind für die Franzosen ein Graus. Euro-Krise: 43 ProzentSteigende Steuern: 41 Prozent Marktunsicherheit: 23 Prozent Niedrigzinsumfeld: 16 Prozent Höhere Inflation: 21 Prozent Quelle: Reuters
SpanienViele Analysten befürchten, dass Spanien das zweite Griechenland wird. Der Unterschied jedoch ist, dass eine Rettung Spaniens schwer zu stemmen wäre. Im Land selbst ist die Sorge um den Euro jedoch nicht die größte. Vielmehr fürchten sich die Spanier vor steigenden Steuern. Das ist kein Wunder. Schließlich muss der Staat Geld von den Bürgern holen, um seine Schulden abzubauen muss. Euro-Krise: 39 Prozent Steigende Steuern: 47 ProzentMarktunsicherheit: 37 Prozent Niedrigzinsumfeld: 23 Prozent Höhere Inflation: 25 Prozent Quelle: Reuters
DeutschlandDie deutschen Privatanleger geht es bislang gut. Sie haben mehr auf der hohen Kante als alle anderen in Europa. Man könnte auch sagen: Sie haben viel zu verlieren. Die größten Sorgen machen sich die Deutschen um den Euro und die Inflation. Euro-Krise: 48 ProzentSteigende Steuern: 21 Prozent Marktunsicherheit: 21 Prozent Niedrigzinsumfeld: 27 Prozent Höhere Inflation: 37 Prozent Quelle: dpa
ÖsterreichNoch mehr Angst vor der Euro-Krise als die Deutschen haben die Österreicher. Mehr als die Hälfte der Befragten sorgt sich um den Euro. Inflation ist dagegen in unserem Nachbarland etwas weniger gefürchtet. Euro-Krise: 56 ProzentSteigende Steuern: 32 Prozent Marktunsicherheit: 25 Prozent Niedrigzinsumfeld: 29 Prozent Höhere Inflation: 33 Prozent Quelle: dpa
ItalienÄhnlich wie die Spanier fürchten die Italiener vor allem höher Steuern. Dass daran kein Weg vorbei führt, ist beinahe sicher, wenn man die Staatsverschuldung des südeuropäischen Euro-Staats sieht. Im letzten Jahr betrug der Schuldenberg 120 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts. Anders als in Spanien kommt in Italien noch die Furcht vor Inflation hinzu. Euro-Krise: 44 Prozent Steigende Steuern: 63 ProzentMarktunsicherheit: 41 Prozent Niedrigzinsumfeld: 24 Prozent Höhere Inflation: 38 Prozent Quelle: dpa
SchwedenDas skandinavische Land ist gar nicht Mitglied der Euro-Zone. Trotzdem haben die Menschen Angst vor der Euro-Krise. Abgesehen davon lebt der schwedische Sparer offenbar ziemlich sorglos. Steigende Inflation oder niedrige Zinsen bereiten den Menschen kaum Angst. Euro-Krise: 48 ProzentSteigende Steuern: 17 Prozent Marktunsicherheit: 28 Prozent Niedrigzinsumfeld: 10 Prozent Höhere Inflation: 11 Prozent Quelle: dpa

Die Frage ist also, wann die Flut kommt. Wann kommt das zusätzliche Geld, welches durch die Politik der Zentralbanken geschaffen wurde, in der Realwirtschaft an. Denn bisher schlummern die von der EZB in die Märkte gepumpten Euros größtenteils bei Europas Banken. Die vergeben weniger Kredite – schließlich müssten sie diese laut Basel II und III mit mehr Eigenkapital unterlegen. Erst sobald die Konjunktur merklich anzieht und die Kreditnachfrage steigt, dürfte das zusätzliche Geld also zum Problem werden.  

„Auch das erwartete leichte Wirtschaftswachstum in Deutschland wird nicht ausreichen, um die Inflation merklich anzuheizen“, sagt Unicredit-Volkswirt Rees. „Für die nächsten anderthalb bis zwei Jahre bleibt die Lage entspannt“. Erst wenn die EZB auf eine anziehende Konjunktur und die damit verbundene steigende Kreditschöpfung nicht reagiere, drohten hohe Inflationsraten.

Die Vertrauensfrage

Letztlich ist die Frage nach der Inflation also vor allem eine Glaubens- und Vertrauensfrage. Denn während die einen glauben, die EZB werde rechtzeitig die Zinsen erhöhen und damit die Geldmenge reduzieren, sehen andere da schwarz. „Wer glaubt, dass die EZB das zusätzliche Geld rechtzeitig wieder aus den Märkten ziehen wird, der verkennt das Motiv der Inflationierung“, sagt Degussa-Ökonom Polleit. Damit solle bewusst eine Entschuldung der Staaten herbeigeführt werden. Offensichtlich stünden die Zentralbanken dabei unter dem strengen Einfluss der Politiker. „Die Zentralbank ist die Hausbank des Staates“.

Deshalb ist Polleit sicher: „Die Entwertung des Geldes kommt. Ich wäre nicht überrascht, wenn in fünf Jahren die Hälfte der Kaufkraft des Geldes dahin ist.“ Nicht ganz so pessimistisch ist Goldman Sachs-Chefvolkswirt Dirk Schumacher. Er warnte zuletzt vor einer Teuerungsrate von immerhin vier bis fünf Prozent.

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Anleger müssen daher die Vertrauensfrage stellen, wenn es ums Thema Inflation geht. Schafft es die EZB, rechtzeitig den Absprung von der lockeren Geldpolitik zu finden? Oder ist der Druck der Politiker, gerade aus den überschuldeten Ländern im Süden Europas, zu groß? Ein kritischer Moment wird sicherlich, wenn sich die deutsche Wirtschaft merklich erholt, während die Südeuropäer weiter hinterher hinken. Dann dürfen wir gespannt sein, wie der Italiener Mario Draghi und die anderen Mitglieder des EZB-Rats reagieren werden.

Fazit: Wann genau die Inflation kommt weiß eigentlich keiner. Dass sie kommt, davon gehen die meisten Experten aus. Aber bei kaum einem Thema ist die Frage der Perspektive so wichtig wie bei der Preissteigerung. Während kurzfristig wenig zu befürchten ist, könnte langfristig einiges schief gehen – wenn die Notenbanken nicht handeln.  

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