WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Produktivität "Wir erleben eine ökonomische Machtverschiebung"

Europa fällt im Wettbewerb mit Asien zurück, sagt der Ökonom Bart van Ark. Es sollte sich neu ausrichten – und intelligenter investieren. Denn das Gewicht der Schwellenländer ist gewaltig gewachsen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Bart van Ark Quelle: Pressefoto

WirtschaftsWoche: Herr van Ark, der Euro ist zuletzt auf ein Vierjahrestief gefallen, die Währungsunion steckt in einer tiefen Krise. Schadet das der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas? 

Van Ark: Da gibt es zwei Seiten: Einerseits stärkt die Euro-Schwäche die Wettbewerbsfähigkeit vorübergehend, weil Exporte ins außereuropäische Ausland billiger werden. Andererseits kann der schwächere Euro dazu führen, dass Unternehmen nötige Reformen verschieben – wie etwa Technologiewechsel oder Kostensenkungen. Ich denke, diese beiden Effekte neutralisieren sich gegenseitig.

Wären in der jetzigen Krise flexible Wechselkurse innerhalb Europas besser als der Euro?

Nein, flexible Wechselkurse würden uns nicht helfen. Noch mal: Die positiven und negativen Effekte einer Abwertung heben sich auf. Die Produktivität eines Landes ist unabhängig von seinem Währungsregime. Das heißt umgekehrt, dass der Euro keine großen Produktivitätsgewinne gebracht hat. Allerdings hat er geholfen, den Handel zwischen den Mitgliedsländern reibungsloser zu gestalten. Eine Rückkehr zu nationalen Währungen würde sich also indirekt negativ auswirken.

Wer wird 2010 Wachstumsweltmeister?

China. Das Land dürfte um 9,5 Prozent wachsen und sich in den kommenden Jahren bei etwa 7,5 Prozent einpendeln, nach zweistelligen Raten vor der Krise. Das Wachstum Chinas verlangsamt sich also etwas. Das ist gut für die Welt, denn dies korrigiert die globalen Handelsungleichgewichte.

Und die Euro-Zone...

...dürfte beim Wachstum in diesem Jahr die Schlusslicht-Region sein – wir gehen von weniger als einem Prozent Wachstum aus.

Ein Arbeiter am Containerhafen Quelle: dpa

Asien hat also die gegenwärtige Krise besser weggesteckt.

Ja, das Gewicht der Schwellenländer ist in dieser Finanz- und Wirtschaftskrise gewaltig gestiegen. Wir erleben derzeit keinen synchronen Aufschwung der Weltwirtschaft wie nach früheren Rezessionen, sondern eine ökonomische Machtverschiebung. China wird immer produktiver und drängt verstärkt von der Billigproduktion in den Technologiesektor hinein. Zugleich kommt der lange vernachlässigte chinesische Binnenmarkt in Fahrt. Indien beginnt derweil, die Lücke, die China im Niedrigtechnologiebereich hinterlässt, zu füllen. Im Jahr 2000 standen die Industrieländer für zwei Drittel der globalen Produktion, 2008 waren es noch 50 Prozent. 2016 wird nur noch ein Drittel der Weltproduktion aus den Industrieländern kommen und zwei Drittel aus den Schwellenländern. Das ist eine gewaltige Transformation.

Wie kommt dies zustande?

Die Unternehmen in Asien werden immer effizienter – sie setzen ihr Kapital besser ein, nutzen verstärkt neue Technologien und besser qualifizierte Arbeitskräfte. Chinas Wirtschaft hat zudem ein neues Gleichgewicht gefunden, seine Inlandsmärkte werden stärker, der Export verliert an Gewicht. Das erhöht den Druck auf die chinesischen Unternehmen, zu Hause wettbewerbsfähig zu sein. Das setzt Produktivität frei.

Wie sollte Europa auf die asiatische Konkurrenz reagieren?

Es muss sich von der Vorstellung befreien, dass nur Investitionen in Maschinen und Anlagen produktiver machen. Immaterielle Produktionsfaktoren sind viel entscheidender! Die Unternehmen müssen viel stärker in ihre Organisation, ihre Strukturen, ihre Entscheidungsprozesse und ihr Know-how investieren. Das bedeutet auch, mehr Geld in die Weiterbildung der Mitarbeiter zu stecken. All dies sehen viele Betriebe immer noch als reine Kostenfaktoren. Doch immaterielle Produktionswerte sind der größte strategische Vorteil im Wettbewerb mit Asien. Schauen Sie nur in die USA: Das Land investiert zwölf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in immaterielle Produktionswerte – und ist auf einem deutlich höheren Wachstumspfad als Europa. Viele Studien zeigen, dass es hier einen klaren Zusammenhang gibt.

Wo genau müssen wir in Deutschland ansetzen?

Deutsche Unternehmen sind noch zu sehr darauf fokussiert, Arbeitskosten zu senken. Doch hier kann Deutschland ohnehin nicht mit Asien konkurrieren. Auch Deutschlands wichtigste Ressource sind seine immateriellen Werte, sein Humankapital. Solange das traditionelle Exportmodell funktioniert, ist der Druck zu Veränderung nicht so groß. Doch die Frage ist, wie lange es noch funktionieren wird. China drängt auch im Mitteltechnologiebereich nach vorn, eine klassische deutsche Domäne. Nun wäre es an der Zeit, stärker in den Hochtechnologiebereich zu gehen oder in den Dienstleistungsbereich. Dienstleistungen effizient zu produzieren, etwa im Gesundheitssektor, könnte ein neues Wettbewerbsmodell sein – und ein Exportschlager. 

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%