Professorenstreit Der Glaubenskrieg der Ökonomen

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Historische Vergleiche

"Das ist ein erneuter Dammbruch"
Der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler lehnt die direkte Kreditvergaben der Euro-Rettungsfonds an notleidende Banken, wie sie der EU-Gipfel gerade beschlossen hat, ab. „Das ist ein erneuter Dammbruch
Schäffler bemängelte, insbesondere mit Blick auf die am Freitag anstehenden Entscheidungen des Bundestages und des Bundesrates zum neuen dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM und zum europäischen Fiskalpakt: „Es ist wie bei manchen vorigen Entscheidungen: die Tinte ist noch nicht ganz trocken, da werden schon die nächsten Schritte angekündigt.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig hat sich mit den Vereinbarungen des Brüsseler EU-Gipfels zufrieden gezeigt. Die Ergebnisse wiesen nach vorn, sagte der SPD-Politiker am Freitag im ZDF-Morgenmagazin. Im Sinne Europas müssten Italien und Spanien mit ihren Finanzproblemen wieder auf Kurs gebracht werden. „Wir sind diejenigen in Europa, die am meisten davon profitieren, dass Europa funktioniert
Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach, hat die Ergebnisse der Brüsseler Gipfelnacht kritisiert. Einige Beschlüsse widersprächen den bisherigen Positionenen Deutschlands, sagte er am Freitag im Deutschlandfunk. „Bisher haben wir deshalb nie rote Linien überschritten, weil immer dann, wenn die rote Linie erreicht war, sie weiter verschoben wurde
CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe hat die Beschlüsse des Gipfeltreffens der EU-Staats- und Regierungschefs verteidigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe Versuche, eine gemeinsame Haftung für Staatsschulden einzuführen, „erfolgreich
Auf Deutschland kommen nach Überzeugung des CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Willsch trotz des Neins zu Euro-Bonds wachsende Risiken zu. Deutschland sei längst in einem Mechanismus gefangen, der letztlich dazu führe, „dass die Risiken zu uns wandern
Die SPD findet die Ergebnisse des EU-Gipfels zur Bewältigung der Euro-Krise akzeptabel. Zwar habe Bundeskanzlerin Angela Merkel in wesentlichen Punkten, in denen sie vorher rote Linie markiert habe, nachgeben müssen, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles am Freitag dem Nachrichtensender n-tv. Sie fügte aber hinzu: „Aus meiner Sicht ist das inhaltlich aber durchaus begründet, und insoweit kann ich mit dem Ergebnis leben.

Wie sicher die Economist-Redaktion sich ihrer Sache ist, zeigt deren Reaktion auf eine Gegenkarikatur des Handelsblatts: Deren Graphiker hatten der sinkenden Weltwirtschaft Säcke voller Schulden als Ballast beigefügt. Der Economist antwortete besserwisserisch: „Das Handelsblatt-Bild zeigt, dass die Deutschen es immer noch nicht kapieren.“ Der Glaube, die Wahrheit gepachtet zu haben, ist offenbar fest verankert.

Unterstützung für Merkels Kurs ist in der englischsprachigen Ökonomenwelt sehr selten. Nur so ist das Aufsehen zu erklären, das das US-Magazin "Time" mit seinem Titel erregte: "Warum alle es lieben, Angela Merkel zu hassen. Und warum damit alle falsch liegen." 

"Der Sparwahnsinn muss beendet werden"

Das Rezept der meisten amerikanischen Ökonomen ist das von Nouriel Roubini: "Der Sparwahnsinn muss beendet werden", verlangt er im Interview mit der Bild-Zeitung. Er geizt auch nicht mit konkreten Vorschlägen: "Die deutsche Regierung sollte jedem deutschen Haushalt einen 1000-Euro-Reisegutschein schenken. Der darf aber nur für Urlaub in den Krisenländern ausgegeben werden." In der Financial Times Deutschland forderte er gemeinsam mit dem britischen Historiker und Nebenberufsökonomen Niall Ferguson die Deutschen auf, ihre Inflationsangst zu überwinden und die "Lehren der Vergangenheit" anzunehmen: Merkel wiederhole die Fehler von Reichskanzler Heinrich Brüning, der die Wirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren durch seine Sparpolitik verschärft habe. Auch Eichengreen und der ehemalige US-Vize-Finanzminister und Berkeley-Professor J. Bradford DeLong, schreiben gemeinsam in einem Vorwort, dass die Parallelen zwischen Europa in den frühen 30ern und in der Gegenwart "beängstigend" seien. Dass Europa damals gerade einen Weltkrieg hinter sich hatte und der Sozialstaat nur ansatzweise existierte, scheint kaum erwähnenswert.

Der Ökonom Nouriel Roubini (links) von der New York University wird wegen seiner frühen Vorhersage der US-Immobilienkrise und der Euro-Krise

Die Rezepte der angelsächsischen Ökonomen

Wenn es um Deutschland geht, sind sich Amerikas Ökonomen vom notorischer Pessimisten Roubini ("Dr. Doom") bis zum Keynesianer Paul Krugman einig: Europa braucht eine Bankenunion, und Deutschland muss den anderen Ländern der Euro-Zone aus der Patsche helfen, sonst geht die Währungsunion unter. An Selbstgewissheit mangelt es Krugman nicht: "Wir haben das Wissen und die Mittel, um dem Leiden ein Ende zu machen."  

Krugman präsentiert als Vorbild die Unterstützung Floridas durch die US-Zentralregierung: Washington hat für den unter der Immobilienkrise, sinkenden Einnahmen und dem demografischen Wandel leidenden Staat ein Hilfspaket geschnürt, das größer ist als jeder Bail-Out eines Euro-Staats. Dennoch steigen die Zinsen für US-Anleihen kaum, die Kapitalmärkte denken nicht daran, gegen den US-Dollar zu wetten. Er folgert daraus, dass Berlin gegenüber Athen, Madrid und Rom so handeln soll wie Washington gegenüber Florida: Zahlen, bis das Geld ausgeht – und dann über die EZB die Notenpresse anwerfen, um weiter liquide zu sein.

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