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Qualitätskontrolle in der VWL Die Ökonomenzunft kämpft mit einem wachsenden Reputationsproblem

Quelle: imago images

Der Ökonom Hilmar Schneider über fehlerhafte ökonomische Studien und die geringe Bereitschaft der Zunft, Forschungsergebnisse von Kollegen nachzurechnen. 

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WirtschaftsWoche: Herr Schneider, wenn man eine Rangliste der Reputation verschiedener Berufsgruppen erstellen würde: An welcher Stelle stünden die Ökonomen?
Herr Hilmar Schneider: Jedenfalls nicht an der Spitze. Die Ökonomenzunft kämpft mit einem wachsenden Reputationsproblem – und zwar mit einem, das sie sich selbst eingebrockt hat.

Was läuft falsch?
Wir erleben eine wachsende Bedeutung empirischer Arbeiten, deren Ergebnisse werden aber kaum hinterfragt – und noch weniger wissenschaftlich überprüft. Studien zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen kommen zum Teil zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, welche Zeiträume oder Personengruppen man betrachtet. Das führt zu einer ideologischen Übersteuerung der Wissenschaft. Es gibt Wissenschaftler, die einseitige Erkenntnisse verbreiten und dabei gern unter den Tisch fallen lassen, was ihren Zahlen und Deutungen widerspricht. Nehmen Sie nur die Verteilungs- und Armutsdebatte. Bei jeder Studie, die Deutschland mal wieder als Hort der Verelendung identifiziert, können Sie sicher sein, dass die Autoren ein Studiendesign verwendet haben, das dieses Ergebnis begünstigt. Was ich sagen will, ist: Es fehlt die konstruktive Auseinandersetzung mit Widersprüchen in der Forschung. Statt sich aneinander abzuarbeiten, beschäftigen sich viele Wissenschaftler lieber mit etwas Unverfänglichem. Das führt in der Wirtschaftswissenschaft inhaltlich zu einem Brei der Beliebigkeit. Das ökonomische Wissen in der Welt wächst nicht in die Höhe, es wächst in die Breite. Davon hat aber niemand was.

Was wäre für Sie eine geeignete Gegenstrategie?
Ein erster Schritt wäre, den Anreiz für die Durchführung so genannter Replikationsstudien zu erhöhen, also schlicht dazu zu ermuntern, mal nachzurechnen, was andere publiziert haben. Viele Studien sind nämlich fehlerhaft. Zwei amerikanische Kollegen haben vor zwei Jahren 60 makroökonomische Paper anhand der verwendeten Daten und Programmcodes überprüft – und nur die Hälfte war fehlerfrei.

Zur Person

Überspitzt ausgedrückt: Wer keine eigenen guten Ideen hat, soll Kollegen an den Karren fahren.
Es stimmt, wer Replikationsstudien macht, gilt in der Wissenschaftsszene vielfach als Nestbeschmutzer, nicht nur in der Ökonomie, sondern zum Beispiel auch in der Medizin. Im Editorial einer medizinischen Fachzeitschrift wurden Wissenschaftler, die Replikationsstudien erstellen, vor einiger Zeit offen als „Forschungsparasiten“ diskreditiert. Natürlich könnte Wissenschaft nicht überleben, wenn Wissenschaftler nicht mehr kreativ sind und nur noch nachrechnen, was andere bereits herausgefunden haben.  Aber daraus folgt nicht, dass Nachrechnen und das Hinterfragen eines Studiendesigns nicht wissenschaftlich verdienstvoll sein können – vor allem bei Studien, mit denen anschließend Politik gemacht wird.  Das Problem: Es gibt für Replikationsstudien keine Anreize. 

Wieso nicht?
Für wissenschaftliche Publikationen in Top-Journals ist ein Kriterium entscheidend: Man muss etwas machen, was vorher noch kein anderer gemacht hat. Das steht dem Replikationsgedanken prinzipiell im Wege. Ökonomen, die Karriere machen wollen, haben keinen Anreiz, ihre wertvolle Zeit für Replikationsstudien zu opfern, von denen sie im Vorhinein nicht wissen können, was herauskommt. Eine Chance auf Veröffentlichung haben solche Arbeiten ja nur, wenn der Nachweis gelingt, dass sich Kollegen grandios geirrt haben. Hinzu kommt ein psychologischer und sozialer Faktor: Das System reagiert sehr heftig auf Versuche, die Belastbarkeit empirischer Ergebnisse zu überprüfen. Und wenn es doch mal jemand tut und Kollegen wissenschaftliche Fehler nachweist, muss man gestandener Wissenschaftler sein, um das intern durchstehen zu können. Da tun sich bei den Reaktionen im Wissenschaftsbetrieb bisweilen menschliche Abgründe auf. Gerade bei jungen Ökonomen, etwa Doktoranden, ist die Angst groß, der eigenen Karriere zu schaden, wenn sie die Arbeiten etablierter Ökonomen hinterfragen.

Sie sind Mitbegründer des Online-Journals „International Journal for Re-Views in Empirical Economics“, das 2017 an den Start ging und Replikationsstudien veröffentlicht. Wie ist die Resonanz?
Wir sind bisher nicht gerade mit Studien überschüttet worden. Es herrscht immer noch große Zurückhaltung. Bisher sind fünf Studien publiziert, vier weitere sind im Begutachtungsprozess. Ganz klar: Wir haben hier noch ein dickes Brett zu bohren. Wir senden das Signal aus: Liebe Ökonomen, wenn ihr euch einer Replikation widmet, habt ihr bei uns eine Publikationsmöglichkeit, auch wenn die Ergebnisse weniger spektakulär sind. Aber so ein Kulturwandel gelingt nicht über Nacht.

Wissenschaft Big Data hat zu einem Boom der empirischen Wirtschaftsforschung geführt – doch es hapert bei der Qualitätskontrolle. Mehr zu dem Thema lesen Sie hier.

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