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Reinhard Selten Deutschlands einziger Ökonomie-Nobelpreisträger ist tot

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Probleme lassen sich experimentell abbilden

2002 ging der Ökonomie-Nobelpreis an zwei experimentelle Wirtschaftsforscher, die US-Amerikaner Vernon L. Smith und Daniel Kahneman. Smith ist Erfinder eines der bekanntesten Marktexperimente, der sogenannten Double Auction. Hierbei handeln die Teilnehmer gleichzeitig fiktive Güter untereinander. Jeder Proband übernimmt entweder die Rolle des Käufers oder Verkäufers und muss versuchen, seinen Gewinn im Verlauf des Experiments zu maximieren. Ein Verkäufer sollte seine Güter zu einem möglichst hohen Preis veräußern. Er kann Angebote der Käufer annehmen oder selber ein Gebot abgeben. Das Experiment, das aus etwa 30 Perioden à 120 Sekunden besteht, wurde unzählige Male an Universitäten durchgeführt. Es lässt sich stets beobachten, dass die Teilnehmer nach wenigen Perioden ein Marktgleichgewicht erreichen.

Auch die Probleme einer Währungsunion lassen sich experimentell abbilden. Selten etwa verglich die Situation mit und ohne Währungsunion mit Probanden anhand eines vereinfachten Zwei-Länder-Modells. Einige der Teilnehmer schlüpften in die Rolle der Regierungen und Zentralbanken beider Länder, andere spielten Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände oder Unternehmen. Dabei konnten Selten und seine Bonner Kollegen zeigen, dass eine Währungsunion zwar Vorteile bietet. Eine Kooperation der Zentralbanken führte allerdings zum gleichen Ergebnis. Je mehr die Währungshüter auf stabile Wechselkurse achteten, desto besser war die durchschnittliche Wettbewerbsfähigkeit beider Länder. Da die Zentralbanker im Experiment in den meisten Fällen vernünftig handelten und Wechselkursschwankungen weitgehend ausblieben, ließ sich anhand der Untersuchung kein deutlicher Unterschied zwischen der Situation mit und ohne Währungsunion nachweisen.

Wer schon den Friedensnobelpreis bekam
2017Mit dem Friedensnobelpreis 2017 für die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) hat die Jury ein klares Signal für ein Verbot von Atomwaffen gesetzt. „Wir leben in einer Welt, in der das Risiko, dass Atomwaffen zum Einsatz kommen, größer ist als lange Zeit“, sagte die Chefin des norwegischen Nobel-Komitees Berit Reiss-Andersen am Freitag. „Wir senden Botschaften an alle Staaten, vor allem die mit Atomwaffen.“ Sie seien aufgefordert, ihre Verpflichtungen zum Verzicht auf Nuklearwaffen einzuhalten. Ican erhält die weltweit wichtigste politische Auszeichnung unter anderem für ihre „bahnbrechenden Bemühungen um ein vertragliches Verbot solcher Waffen“. Die Organisation hat maßgeblich am UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen mitgewirkt, der im Juli unterzeichnet wurde und von 122 Staaten unterstützt wird. Quelle: dpa
Nobelpreis 2015 Santos Quelle: AP
2015Den Friedensnobelpreis 2015 erhielt das tunesische Quartett für den nationalen Dialog - für die Bemühungen, eine pluralistische Demokratie in Tunesien im Zuge des Arabischen Frühlings aufzubauen. Es stieß einen friedlichen politischen Prozess an, als das Land kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs stand. Das Quartett besteht aus dem tunesischen Gewerkschaftsverband (UGTT), dem Arbeitgeberverband (UTICA), der Menschenrechtsliga (LTDH) und der Anwaltskammer. Diese vier Mitglieder repräsentieren verschiedene Bereiche und Werte in der tunesischen Gesellschaft: das Arbeitsleben, die staatliche Fürsorge, Grundsätze des Rechtsstaates und die Menschenrechte. Quelle: BR Quelle: dpa
Friedensnobelpreis für Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai Quelle: dpa
2013 Mit den Chemiewaffen-Vernichtern der OPCW wurde ebenfalls eine Organisation ausgezeichnet. Quelle: dpa
2012Der Friedensnobelpreis geht an die Europäische Union. Die EU erhalte die Auszeichnung, weil sie "mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen hat", begründete der Vorsitzende des Norwegischen Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland, in Oslo am Freitag die Entscheidung. Die EU war bereits mehrfach als möglicher Träger des Friedensnobelpreises gehandelt worden. Quelle: Handelsblatt Online
2010Sehr zum Ärger der chinesischen Machthaber zeichnet das Nobelkomitee den chinesischen Regimekritiker Liu Xiaobo (rechts) aus. Er unterstützte im Dezember 2008 mit 302 anderen chinesischen Intellektuellen das im Internet veröffentlichte Bürgerrechtsmanifest Charta 08. Quelle: REUTERS

Ginge es nach Selten, hätten viel mehr Experimente einen aktuellen politischen Bezug, etwa zu den möglichen Auswirkungen einer Reform oder zur Schuldenkrise der Euro-Staaten. Allerdings wäre dafür eine große Anzahl von Teilnehmern nötig – und dafür reichen die Kapazitäten der bestehenden Laboratorien an den Universitäten nicht aus. „Für derart umfangreiche Experimente fehlt es den Laboratorien schlicht an Infrastruktur und Personal. Dafür bedarf es der Unterstützung der Politik, auch finanziell“, sagt Selten.

Mittlerweile geht die experimentelle Wirtschaftsforschung noch einen Schritt weiter – raus aus dem Labor und rein ins reale Leben. Von sogenannten Feldexperimenten erhoffen sich die Forscher noch realitätsnähere Ergebnisse. Sie sind besonders dann vorteilhaft, wenn das Umfeld der Teilnehmer eine bedeutende Rolle spielt.

Vom Labor ins Feld

Außerordentlich wichtig sind Feldexperimente zur Erforschung der Ökonomie von Entwicklungsländern. Die Ökonomen Pascaline Dupas und Jonathan Robinson etwa untersuchten in Kenia, inwiefern fehlende Infrastruktur den Erfolg von Unternehmen schmälert. Eine zufällig ausgewählte Gruppe Selbstständiger in Kenia erhielt ein zinsfreies Bankkonto. Obwohl die Versuchspersonen sogar Gebühren für das Geldabheben zahlen mussten, wurde das Konto viel genutzt, besonders von Frauen. Bereits nach einem halben Jahr erhöhte sich das Einkommen der weiblichen Teilnehmer deutlich, auch die Ausgaben waren gewachsen, die Unternehmen der Frauen konnten expandieren. Das Experiment zeigte, dass ein größeres Angebot an Bankdienstleistungen das Wirtschaftswachstum von Entwicklungsländern ankurbeln kann.

Und was macht ein Nobelpreisträger privat? Wer glaubt, Spieltheoretiker würden in ihrer Freizeit am liebsten Schach spielen oder pokern, liegt falsch. Viel lieber schnappte sich Naturliebhaber Selten ein Buch zur Pflanzenbestimmung und machte lange Spaziergänge durchs Siebengebirge. Beim gemeinsamen Abendbrot mit seiner Frau sprach Reinhard Selten zudem manchmal Esperanto, eine internationale, systematisch und einfach aufgebaute Plansprache. Bereits sein Vater war Esperantist, den Ökonomen selber haben vor allem die damit verbundenen humanistischen Ideale berührt. Statt wie andere Kinder die Ferien zu genießen, lernte der ehrgeizige Selten in den Osterferien von früh bis spät Esperanto. Als die Schule wieder anfing sprach er die 1887 erfundene Sprache bereits nahezu fließend. Bei der Europawahl 2009 zog Selten sogar als Spitzenkandidat der Partei Europa-Demokratie-Esperanto (EDE) in den Wahlkampf.

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