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Report des World Economic Forum So wettbewerbsfähig sind die Nationen

Die Autoren des globalen Index für Wettbewerbsfähigkeit sehen Deutschland in der Spitzengruppe. Für Afrika und andere Sorgenkinder der Weltwirtschaft bleiben die Aussichten düster, Chinas Platzierung irritiert.

Um große Worte sind die Autoren des aktuellen „Global Competitiveness Reports“ des World Economic Forums nicht verlegen: Die Menschheit sei mit der „vierten industriellen Revolution“ – gemeint ist die Digitalisierung – in „eine neue Phase“ eingetreten, schreibt WEF-Gründer Klaus Schwab gleich zu Anfang seines Vorworts. Die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten stehe vor grundlegenden Veränderungen. Die neue Wirklichkeit schaffe neue Möglichkeiten für Unternehmen, Regierungen und Individuen, aber es drohten auch „neue Divergenzen und Polarisierung innerhalb und zwischen den Volkswirtschaften und Gesellschaften“.

Für Deutschland kommen die Autoren zu einem höchst schmeichelhaften Urteil: Mit deutlichem Abstand zur Weltwirtschaftsmacht USA und hinter dem kleinen Singapur steht Deutschland auf Platz drei der WEF-Rangliste, mit knappem Vorsprung vor der Schweiz, Japan, den Niederlanden und Hongkong. Die ersten vier Plätze bleiben damit unverändert gegenüber dem letzten WEF-Report von 2017.

Das WEF berechnet für jedes der untersuchten 140 Länder einen Wert auf einem Index von 0 bis 100, wobei 100 der imaginäre Grenzwert optimaler Wettbewerbsfähigkeit wäre. In die Berechnung fließen Bewertungen der Institutionen, der Politik und der Faktoren für die Produktivität ein, die das langfristige Wirtschaftswachstum bestimmen.  

Auffällig ist Deutschlands gutes Abschneiden beim WEF im Vergleich zum „World Competitiveness Ranking“ der privaten Wirtschaftshochschule IMD: Dort steht Deutschland aktuell nur auf Rang 15, Tendenz allmählich fallend. Im WEF-Report dagegen hat Deutschland 0,2 Punkte im Vorjahresvergleich zugelegt und erreicht 82,8 von 100 theoretisch möglichen Punkten. Schwer verständlich ist auch die eher schwache Platzierung Chinas auf Rang 28 (mit 72,6 Punkten). Im IMD-Ranking rangiert China dagegen auf Platz 13, zwei Plätze vor Deutschland.

Soll man wirklich annehmen, dass die kommende Wirtschaftssupermacht China weniger wettbewerbsfähig ist als die Vereinigten Arabischen Emirate (Rang 27 mit 73,4 Punkten)? Wann hat zuletzt eine Innovation aus den Emiraten den Weltmarkt erobert?

Der unschlagbare Spitzenreiter ist allerdings beim WEF-Report derselbe wie beim IMD-Ranking: USA (85,6 Punkte). Die Vereinigten Staaten haben damit – unter Trump! – laut WEF nochmals 0,8 Punkte zugelegt. Allerdings haben die meisten der untersuchten Länder auf dem WEF-Wettbewerbsfähigkeitsindex zugelegt. Die Welt – oder zumindest die 140 untersuchten Staaten – hat also laut WEF im untersuchten Zeitraum die Bedingungen für wirtschaftliche Dynamik verbessert.

Starke Regionen unverändert

Aus beiden Ranglisten kann man – wenig verwunderlich – auch ähnliche globale beziehungsweise weltregionale Kräfteverhältnisse ablesen: Nordamerika, (Nord-)Europa und Ostasien machen die vorderen Plätze unter sich aus. Die Spitzenreiter der Wettbewerbsfähigkeit sind also laut WEF-Report aller Revolutionsrhetorik zum Trotz weiterhin diejenigen Weltgegenden, die schon seit vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten Zentren wirtschaftlicher Dynamik darstellen. Von wenigen Ausnahmen wie dem einst wohlhabenden Krisenland Venezuela (Rang 127 mit 43,2 Punkten) abgesehen entspricht die Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit also der wirtschaftshistorischen Erfahrung und die Wettbewerbsfähigkeit nimmt mit zunehmender räumlicher Entfernung zu diesen Zentren in Nordamerika, (Nord-)Europa und Ostasien ab.

Global Competitiveness Report 2018

Das einzige nahöstliche Land auf den vorderen Plätzen ist Israel auf Rang 20 (76,6 Punkte). Auf den Plätzen 21 bis 70 stehen zunächst vor allem süd- und osteuropäische Länder, durchmischt von einigen ölexportierenden Golf-Staaten, traditionell dynamischen lateinamerikanischen Staaten wie Chile (Rang 33 mit 70,3 Punkten) oder Uruguay (Rang 53 mit 62,7 Punkten) und asiatischen Schwellenländern wie Indonesien (Rang 45 mit 64,9 Punkten). Selbst die wettbewerbsschwächsten europäischen Länder – Moldawien (Rang 88 mit 55,5 Punkten) und Bosnien (Rang 91 mit 54,2 Punkten) – liegen auf dem Index weit vor den meisten untersuchten Ländern Afrikas südlich der Sahara.  Am Ende der Rangliste stehen mit Tschad (Rang 140 mit 35,5 Punkten), Jemen (Rang 139 mit 36,4 Punkten), Haiti (Rang 138 mit 36,5 Punkten) vor allem Subsahara-Länder (unter den 20 schwächsten Staaten sind 17 afrikanische), gemeinsam mit mittelasiatischen Staaten wie Pakistan (Rang 107 mit 51,1 Punkten) und einigen lateinamerikanischen Dauersorgenkindern wie Bolivien (Rang 105 mit 51,4 Punkten).

Wenn Ranglisten wie der WEF-Report oder das IMD-Ranking also ihrem Anspruch gerecht werden, die Potenziale für zukünftige Wertschöpfung abzubilden, dann dürften sich die innereuropäischen, vor allem aber globalen ökonomischen Ungleichheiten tatsächlich weiter verstärken. Die vierte industrielle Revolution verändert nichts an den Kräfteverhältnissen der Weltwirtschaft, sondern bestätigt und verstärkt sie noch. Die Fortschrittsrhetorik der WEF-Autoren – „Es ist möglich, Gleichheit, Nachhaltigkeit und Wachstum zusammen zu erreichen, das erfordert aber vorausschauende, weitblickende Führung“ – steht in einem seltsamen Gegensatz zu der letztlich höchst ernüchternden Aussage der Rangliste: die seit jeher wirtschaftlich erfolgreichen Länder und Weltregionen werden auch auf absehbare Zukunft erfolgreich bleiben, die abgehängten bleiben abgehängt.

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