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Rezession in der Euro-Zone Deutschland trotzt dem düsteren Ausblick

Berlin macht auf Optimismus: Deutschland finde zu höherem Wachstum zurück. Das steht in krassem Gegensatz zu den Aussichten für die Euro-Zone. Handelsblatt Online erklärt, warum Deutschland eine Sonderrolle hat.

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Deutschland ist ins Visier der Ratingagenturen geraten.

Bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung strahlte Wirtschaftsminister Rösler großen Optimismus aus. Die deutsche Wirtschaft sei nach wie vor in einer „erfreulich robusten Verfassung“, sagte er. Nach einer „Wachstumsdelle“ im Winter werde die Wirtschaft im Laufe des Jahres wieder zu einem höheren Wachstum zurückfinden. Auf Jahressicht sei ein Wachstum von 0,7 Prozent drin. „Von Rezession kann überhaupt nicht die Rede sein.“

Röslers Optimismus steht in krassem Gegensatz zu dem, was die restliche Welt für dieses Jahr erwartet. Die Weltbank warnt in ihrem aktuellen Bericht vor einer Rezession in der Euro-Zone. „Eine weitere Eskalation der Krise wird keine Ausnahmen kennen“, schreibt Weltbank-Ökonom Andrew Burns. Die Wirtschaft der Euro-Länder soll seiner Vorhersage nach um 0,3 Prozent schrumpfen. In ihrem vorigem Wachstumsausblick im Juni hatte die Weltbank noch mit einem Plus von 1,8 Prozent für die Eurozone gerechnet.

Falls es zu einer weltweiten Krise komme, könne der Abschwung deutlich länger ausfallen als 2008/2009, befürchtet die Weltbank: „Die reicheren Länder haben nicht mehr die fiskalischen und monetären Ressourcen, um die Banken zu retten oder die Nachfrage anzuregen.“ Die Verlangsamung der weltweiten Wachstums zeige sich bereits jetzt in austrocknenden Warenströmen und sinkenden Rohstoffpreisen, so Burns. „Die Weltkonjunktur hat eine gefährliche Phase erreicht.“

Noch eindringlicher sind die Warnungen aus dem globalen Finanzzentrum London. „Wenn die Historiker von morgen auf die Große Stagnation zurückblicken, die die reichen Länder zu Beginn des 21. Jahrhunderts heimsuchte, könnte das Jahr 2012 als deprimierender Wendepunkt hervorstechen, “schrieb das renommierte britische Wochenmagazin The Economist zu Jahresbeginn. 2012 könnte das Jahr sein, in dem ein schwacher Aufschwung durch politische Fehler niedergeprügelt werde.

Auch IWF-Chefin Lagarde warnte Ende 2011 vor einer Weltwirtschaftskrise wie in den 30er Jahren, wofür sie sich prompt Kritik vom Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, einhandelte. „Rezessionen lassen sich auch herbeireden. Frau Lagarde wäre wirklich gut beraten, bei ihrer Wortwahl zurückhaltender zu sein“, sagte Franz im Dezember in einem Handelsblatt-Interview.

Warum steht Deutschland so viel besser da als seine Nachbarn? Nach wie vor ist die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie hervorragend. Sie hat sich sogar durch die Angst um den Euro noch weiter verbessert. Für viele Anleger ist der Euro kein sicherer Hafen mehr, so wie es früher die D-Mark war. Das führt dazu, dass sie in den US-Dollar flüchten und so den Wechselkurs des Euro drücken.


Goldene Zeiten für die Baubranche

Seit November vergangenen Jahres befindet sich der Euro auf Talfahrt: Während der Euro Ende Oktober noch über der Marke von 1,40 Dollar notierte, fiel er zu Jahresanfang unter 1,30 Dollar. Davon profitiert Deutschland als besonders exportabhängiges Land überproportional stark. Ein weicher Euro macht die deutschen Exporte in die USA nach China und in andere Schwellenländer billiger. So kann die deutsche Wirtschaft eine schrumpfende Nachfrage aus den anderen Ländern der Eurozone leichter kompensieren.

Auch für die Binnenkonjunktur in Deutschland sind die Perspektiven gut. Dazu könnte die positive Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt beitragen. Die Bundesregierung erwartet, dass der deutsche Arbeitsmarkt weiter boomt und 2012 weitere 220 000 neue Jobs geschaffen werden.

Hinzu kommen die nach wie vor hervorragenden Refinanzierungsbedingungen. Auch diese sind letztlich ein Resultat der Eurokrise. Die EZB orientiert sich bei der Zinspolitik am Durchschnitt der Eurozone. Das bedeutet: Für die robuste deutsche Wirtschaft ist der Zins zu niedrig, für die anderen Euro-Länder immer noch zu hoch.

Seit seinem Amtsantritt hat EZB-Chef Draghi die Zinsen in zwei Schritten auf 1,0 Prozent gesenkt. Viele Ökonomen erwarten in den kommenden Monaten sogar noch eine weitere Reduktion des Leitzinses auf 0,5 Prozent. Dies sorgt vor allem in der deutschen Baubranche für einen Boom: Selten zuvor war das Verhältnis aus Mietrendite und Zinsen so günstig wie jetzt.

Diese günstigen Bedingungen erklären den Optimismus deutscher Ökonomen und Politiker. Doch auch sie wissen: Gegen einen Flächenbrand in der Eurozone wäre Deutschland machtlos. Im Jahrswirtschaftsbericht der Bundesregierung liest sich das so: „Eine Verschärfung der Schuldenkrise stellt zweifellos das Hauptrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2012 dar."

Vor dem EU-Gipfel Ende Januar wollen Deutschland und Frankreich nun eine gemeinsame Wachstumsinitiative für Europa vorstellen. „Deutschland und Frankreich sind der Ansicht, dass der Europäische Rat ein starkes Signal für mehr Wachstum und Beschäftigung senden sollte“, heißt es in einem deutsch-französischen Papier, das am Mittwoch in Brüssel vorlag. Bevor beide Länder eine gemeinsame Initiative starten, brauchen sie allerdings noch eine einheitliche Problemanalyse.
Mit Material von AFP

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