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Rohstoff Öl Expertin Kemfert erwartet neue Energiekrise

Der niedrige Ölpreis ist nicht von Dauer und verzögert die notwendige Erschließung neuer Ölquellen. Nach der Finanzkrise droht daher eine neue Energiekrise, sagt Claudia Kemfert.

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Droht eine neue Energiekrise? Quelle: dpa

"Die Zeit billiger Energie ist vorbei“: Damit überschrieb die Internationale Energieagentur (IEA) im November ihren neuen Weltenergiebericht. Die weltweit geförderte Ölmenge, so die Kernbotschaft, werde im Jahre 2020 ihr Maximum erreichen (peak oil) und danach sukzessive zurückgehen. Hingegen werde die Ölnach-frage weiter anwachsen und das Preisniveau deutlich nach oben treiben. Von 2025 an sei ein Ölpreis von bis zu 200 Dollar pro Barrel möglich.

Zu Beginn des Jahres 2008 hätte diese Prognose sicherlich für viel Aufregung gesorgt. Doch Anfang 2009, in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise, ist diese überaus wichtige Meldung leider untergegangen. Die neue Ölmarktanalyse unterscheidet sich deutlich von früheren Berichten der IEA. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte weist die Energieagentur darauf hin, dass das Ölangebot weltweit seinem Ende entgegengeht – und die Ölpreise diesen Sachverhalt widerspiegeln werden. Besonders interessant ist das Ergebnis auch deshalb, weil die IEA bis vor Kurzem noch betont hatte, das Öl werde noch deutlich über 40 Jahre in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, und der Ölpreis werde auf maximal 60 Dollar pro Barrel im Jahre 2030 steigen.

Sicherlich ist nach wie vor die genaue Abschätzung aller derzeit auf der Welt geförderten Ölmengen und der vorhandenen Ölreserven mit großen Unsicherheiten behaftet. Dennoch ist es wichtig, zu verstehen, dass massive Investitionssummen in die Ölexploration fließen müssen, um das sogenannte peak oil im Jahre 2020 wirklich zu erreichen. Selbst die IEA rückt mittlerweile von ihrer bisherigen optimistischen Prognose ab, dass bis dahin das weltweite Ölfördermaximum tatsächlich auf 106 Millionen Barrel pro Tag ausgeweitet werden kann. Denn um dies zu erreichen, müssten Investitionen von bis zu einer Billion Euro pro Jahr getätigt werden. Anders ausgedrückt: Wir benötigen vier neue Saudi-Arabien, um das Ölfördermaximum von 106 Million Barrel pro Tag zu erreichen.

Hinzu kommt: 64 Prozent des neu geförderten Öls müssten aus neuen Ölfeldern kommen. Doch deren Erschließung lohnt sich erst ab einem Ölpreis von über 80 Dollar pro Barrel. Die Förderung von Ölvorkommen in der Tiefsee (etwa vor Brasilien), im Permafrostboden (zum Beispiel in der Arktis) oder von Ölsanden (in Kanada) und Teersanden ist sogar erst ab einem Ölpreis von über 90 Dollar pro Barrel rentabel.

Wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise kann davon ausgegangen werden, dass die Ölnachfrage nicht wie in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich weiter steigt. Im Gegenteil: Im ersten Halbjahr 2009 dürfte die weltweite Nachfrage zum ersten Mal seit 1983 wieder fallen. Dies hat den Ölpreis dramatisch einbrechen lassen, nachdem er bis Mitte 2008 wegen der Sorge vor künftigen Angebotsengpässen unverhältnismäßig stark angestiegen war. Und diese Sorge war ja auch nicht ganz unbegründet: Das starke Wirtschaftswachstum und die damit verbundene Steigerung der Ölnachfrage insbesondere der Schwellenländer China und Indien haben dazu geführt, dass die Reservekapazitäten stark abgeschmolzen sind.

Doch dieser Anstieg des Ölpreises ist nun deutlich korrigiert worden. Nun dominieren vielmehr Sorgen vor einem massiven Nachfragerückgang, der den Preis unverhältnismäßig stark fallen lässt. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) ist an dauerhaft stabilen Preisen von 75 Dollar pro Barrel interessiert. Aus diesem Grund hat sie mehrfach angekündigt, die geförderte Ölmenge deutlich zu kürzen. In diesem Monat etwa sollen 2,2 Millionen Barrel pro Tag weniger gefördert werden. Die IEA geht davon aus, dass die Ölnachfrage 2009 auf 85,8 Millionen Barrel pro Tag absackt – das Ölangebot soll somit in etwa auf diese Menge reduziert werden.

Aufgrund des massiven Ölpreisverfalls werden nun jedoch vielerorts die wichtigen Investitionen in die Ölexploration storniert oder verschoben. Dies bedeutet: Sobald sich die globale Wirtschaft (mittelfristig) wieder erholt und die Ölnachfrage ihre gewohnten Nachfragesteigerungsraten aufnimmt, droht der Welt eine neue Ölknappheit. Zwar lässt sich mithilfe des durch die Förderquotenkürzung entstandenen Kapazitätsüberschusses leicht das Ölangebot auf eine Größenordnung von bis zu 89 Millionen Barrel pro Tag erhöhen. Steigt die Nachfrage jedoch darüber hinaus und werden neue Ölfelder nicht rechtzeitig erschlossen, können Engpässe auftreten. Die Finanzkrise verschärft somit das Problem: Gerade jetzt wären Investitionen in die Ölförderung wichtig, um solche künftigen Engpässe zu vermeiden. Zudem sollten möglichst schnell mehr Investitionen in die Erforschung neuer Antriebstechniken getätigt werden, um unabhängiger vom Rohstoff Öl zu werden – doch auch das wird nun erst mal verschoben.

Sicher, der niedrige Ölpreis kann derzeit die Konjunktur ein Stück weit stabilisieren. Der Preisrückgang bei Öl und Benzin hat Wirtschaft und Verbraucher in Deutschland im zweiten Halbjahr 2008 um mindestens zehn Milliarden Euro entlastet. Im ersten Halbjahr 2009 sind Einsparungen in ähnlicher Größenordnung drin. Allerdings kann es die Konjunktur später umso härter treffen, wenn der Ölpreis durch globale Angebotsengpässe und mangelnde Ausweichtechniken wieder stark ansteigt. Nach der Finanzkrise droht der Welt eine neue Energiekrise – wenn wir uns nicht rechtzeitig umstellen und uns darauf in ausreichender Art und Weise vorbereiten.

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