Rohstoffpreise: Die Kohle schwankt am stärksten
Wie verhält sich der Iran? Diese Frage beschäftigt angesichts des eskalierenden Nahostkonflikts in diesen Tagen nicht nur die Politik, sondern auch die Rohstoffmärkte. Das ökonomische Horrorszenario: Der Iran könnte im Verlauf des Konfliktes die Wasserstraße von Hormus am Persischen Golf blockieren, über die gut ein Fünftel des global gehandelten Öls verschifft wird. Dann, so viel ist sicher, würde der Ölpreis einen heftigen Sprung nach oben machen.
So weit ist es freilich noch nicht. Im Gegensatz zum subjektiven Empfinden vieler Menschen haben sich die Notierungen in den vergangenen Monaten weniger erratisch bewegt, als es vielfach scheint. Das zeigt der Rohstoffradar, den die Commerzbank zweimal jährlich exklusiv für die WirtschaftsWoche ermittelt. Der Indikator spiegelt die Volatilität der Preise wider, gibt also Aufschluss darüber, wie heftig die Notierungen nach oben und unten schwanken und die Kalkulation der Unternehmen erschweren.
Der Ölpreis schwankte demnach in den vergangenen zwölf Monaten mit einer Volatilität von 30,9 Prozent eher moderat. Zum Vergleich: Der Kohlepreis pendelte um durchschnittlich 63,4 Prozent um seinen Mittelwert - bei keinem anderen Rohstoff sind die Notierungen so stark nach oben und unten gehüpft. Vergleichsweise große Sprünge machten auch Nickel und Diesel (je 43,6 Prozent), Kerosin (42,4 Prozent), Zinn (36,5 Prozent) und Eisenfeinerz (33,9 Prozent).
Treiber der hohen Volatilität ist vor allem China. In den ersten neun Monaten des Jahres haben die Kohleimporte Chinas um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugelegt. Im August lag die chinesische Kohleeinfuhr auf Rekordniveau, im September nur knapp darunter.
China ist aber auch der weltweit wichtigste Nachfrager und zugleich Produzent vieler Industriemetalle, sein Anteil liegt teilweise bei mehr als 50 Prozent. Bei Basismetallen wie Aluminium, Kupfer oder Nickel ist China größter Nettoimporteur der Welt. Bei zehn der 22 Bergbauprodukte, bei denen die Deutsche Rohstoffagentur (Dera) die Versorgung als kritisch einstuft, liegt das Gros der Produktion in China. Veränderungen der chinesischen Konjunkturlage und bereits schon die Bekanntgabe neuer Einzeldaten können direkt und überproportional auf Angebot und Nachfrage an zentralen Rohstoffmärkten durchschlagen – und die Preise wahlweise purzeln oder hochschießen lassen.
Beispiel Diesel: Hier ist in den vergangenen Monaten der so genannte „Crack Spread“, die Preisdifferenz zwischen Diesel und Rohöl, deutlich gestiegen, berichtet Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst der Commerzbank: „Die Dieselnachfrage ist stark zyklisch, bei Konjunktursorgen fällt der Preis für Diesel stärker als für Rohöl“. Dabei spielen niedrige Lagerbestände und reduzierte Raffineriekapazitäten ein Rolle, aber auch wieder das Marktverhalten Chinas, das selber Diesel herstellt. Fritsch: „Die chinesischen Dieselexporte sind sehr volatil und abhängig von staatlichen Exportquoten.“
Und wie geht es weiter mit dem Ölpreis? Die Commerzbank hat angesichts der Eskalation im Nahen Osten ihre Preisprognose für die Sorte Brent zum Jahresende von 85 Dollar auf 90 Dollar je Barrel angehoben.
Für 2024 erwarten Experten dann wieder eine leichte Entspannung. „Die Ölnachfrage dürfte im nächsten Jahr wegen einer milden US-Rezession und der Normalisierung in China deutlich an Dynamik verlieren“, sagt Analyst Fritsch. Sofern es nicht zu einer Ausweitung des Nahostkonflikts (und dadurch ausgelösten Angebotsausfällen) komme und Saudi-Arabien seine freiwillige Produktionskürzung Anfang 2024 zurücknehme, sei der Ölmarkt im ersten Halbjahr tendenziell überversorgt. „Der Preis dürfte deshalb nachgeben“, prognostiziert Fritsch.
Allerdings nur ein bisschen – anderenfalls dürften die Scheichs ihre Produktion schnell wieder drosseln.
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