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Schuldenkrise Angst um Euro wächst dramatisch

Der Euro im Sturzflug, der Dax unter 5000 Punkten und die Kosten für griechische Kreditausfallversicherungen auf neuem Rekordhoch - die Sorgen um den Euro nehmen weiter zu. Hauptverantwortlich die Planspiele von Wirtschaftsminister Rösler, der dafür auch aus den eigenen Reihen harsch kritisiert wurde.

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Die Anzeigetafel für den Quelle: dpa

Das von einer Staatspleite bedrohte Griechenland verfügt nach eigenen Angaben noch bis Oktober über ausreichend Geld. Bis dahin sei das Land zahlungsfähig, sagte der stellvertretende griechische Finanzminister Filippos Sachinides am Montag. Zuletzt war aus griechischen Regierungskreisen verlautet, das südeuropäischen Land verfüge nur noch wenige Wochen über finanzielle Mittel.

Faktisch wäre eine Staatspleite schon bald Realität, wenn Griechenland nicht die ausstehende sechste Tranche von acht Milliarden Euro aus dem 110 Milliarden Euro schweren ersten Hilfspaket seiner Euro-Partner und des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhält. Weil das Land seine Sparzusagen bisher nicht einhalten kann, liegt die Tranche auf Eis. Am Wochenende kündigte die Regierung in Athen die Einführung einer Immobiliensteuer an, die zwei Milliarden Euro in die klamme Staatskasse spülen soll.

Dax und Euro auf Talfahrt - Kosten für griechische Kreditausfallversicherungen auf Rekordhoch

Die Sorgen um die Zahlungsfähigkeit Griechenlands haben die Kosten für eine Kreditausfallversicherung (CDS) des südeuropäischen Landes auf ein neues Rekordhoch getrieben. Fünfjährige Swaps zur Versicherung von zehn Millionen Euro an griechischen Staatsanleihen waren mit 3,950 Millionen Euro so teuer wie noch nie.

Die Aktienmärkte gingen erneut in die Knie. Der Dax fiel am Montag erstmals seit gut zwei Jahren unter die Marke von 5000 Punkten, er rutschte um bis zu 3,8 Prozent ab. Die Börsen in Mailand, Paris oder London gaben ebenfalls deutlich nach. Am deutschen Aktienmarkt gehörten die Deutsche Bank und die Commerzbank mit Abschlägen von jeweils mehr als sieben Prozent zu den größten Verlierern.

In den vergangenen acht Wochen verzeichnete der Dax damit den stärksten Kursrutsch seit neun Jahren. Zwischen Ende Juli und Mitte September verlor der deutsche Leitindex rund 2300 Punkte oder ein Drittel seines Wertes. Das aktuelle Quartal ist zudem das zweitschlechteste seiner Geschichte nach dem dritten Quartal 2002. Sollte der Dax in den kommenden beiden Wochen weitere fünf Prozentpunkte auf den Verlust seit Ende Juli draufpacken, würde es zum schwärzesten Jahresviertel. Durch die Talfahrt des Aktienmarktes verloren die 30 Dax-Werte insgesamt 238 Milliarden Euro an Börsenwert. Dies entspricht in etwa der Wirtschaftsleistung Griechenlands.

Auch der Euro befindet sich im freien Fall: Die Gemeinschaftswährung rutschte zeitweise auf ein Acht-Monats-Tief von 1,3499 Dollar und lag damit rund 1,5 US-Cent unter dem New Yorker Freitagsschluss. Zur japanischen Valuta war sie mit 104,08 Yen sogar so billig wie seit Mitte 2001 nicht mehr.

Röslers Bankrott-Planspiele

Weiterhin für Unruhe sorgte der Abgang von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Er hatte am Freitag überraschend seinen Rücktritt angekündigt und damit die Märkte in Aufruhr versetzt. Das stärke nicht gerade das Vertrauen in die EZB, die europäische Finanzkrise in den Griff zu bekommen, sagte ein Händler. „Das hat den Märkten einen ordentlichen Schlag versetzt und das wirkt nach“, ergänzte IG-Markets-Stratege Potter.

Für Unruhe sorgte zudem vor allem, dass eine Staatspleite Griechenlands in der Euro-Zone offenbar kein Tabu mehr ist. Medienberichten vom Wochenende zufolge laufen im Bundesfinanzministerium bereits Planspiele, wie ein Bankrott beherrscht werden könnte. Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler nannte in einem Beitrag für „Die Welt“ eine geordnete Insolvenz denkbar, wenn dafür die Instrumente zur Verfügung stünden. „Die Unterstützung für das Land scheint zu bröckeln. Der Markt beginnt, mit dem schlimmsten zu rechnen“, sagte Katsunori Kitakura, Chef-Händler bei Chuo Mitsui Trust and Banking. Die Analysten der Commerzbank sahen ebenfalls Anzeichen, dass die Bundesregierung ein Ende der Griechenland-Hilfe anstrebe. „Sollte das die neue Position Berlins sein, wird das Problem der Ansteckung wieder akut.“

Philipp Rösler Quelle: dapd

Doch die Position der Bundesregierung ist weiter konfus, verschiedenen Spitzenpolitiker äußerten sich erneut mit gegensätzlichen Ansichten zur Eurokrise. So kritisierte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe die Debatte über eine mögliche Insolvenz Griechenlands und stellte sich damit klar gegen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler: „Wir müssen die Griechen fordern, dürfen sie aber nicht pleite reden. Damit wird niemandem geholfen“.

Auch Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) bezeichnete Röslers Überlegungen als „kontraproduktiv und gefährlich“. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Fritz Kuhn, erklärte: „Röslers Gerede wirkt wie ein Brandbeschleuniger.“ Die Aussagen des seien hoch gefährlich und unverantwortlich.

Auch FDP-Politiker gingen auf Distanz zu Rösler. So sagte Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer (FDP): „Behutsamkeit auch in der Wortwahl ist hier angesagt. Die Gefahr, dass es Dominoeffekte gibt, ist einfach zu groß“. Da es kein bewährtes Instrument für die geordnete Insolvenz eines Euro-Staats gebe, dürfe man mit dem Thema nicht herumspielen.

Diskussion um eine Pleite Griechenlands

Die CSU fordert zur Euro-Stabilisierung als letztes Mittel den Ausschluss hoch verschuldeter EU-Staaten aus der Eurozone. Die Partei von Horst Seehofer stellt sich damit gegen die Position von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) bekräftigte hingegen, dass ein Ausschluss Griechenlands aus der Währungsunion rechtlich nicht möglich sei. Auch FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle erklärte, ein Rauswurf Griechenlands komme nicht infrage. „Geht gar nicht“, sagte er mit Blick auf die EU-Verträge.

Die Diskussion um eine Pleite Griechenlands verstärkte auch den Druck der Finanzmärkte auf Italien und Spanien. Anleger forderten für die Bonds dieser beiden ebenfalls hoch verschuldeten Euro-Staaten höhere Risikoaufschläge. Der Spread für zehnjährige italienische Titel stieg im Vergleich zur entsprechenden Bundesanleihe um 14 auf 380 Basispunkte, teilte der Datenanbieter Tradeweb mit. Bei spanischen Papieren lag der Aufschlag bei 355 Basispunkten, zwölf Basispunkte über dem Freitagsschluss. Spanien und Italien wollen in den kommenden Tagen neue Staatsanleihen im Gesamtvolumen von rund zehn Milliarden Euro ausgeben.

Auch die schossen in die Höhe, CDS für italienische Papiere kletterten um 38 Basispunkte auf ein Rekordhoch von 505 Basispunkten. Damit beliefen sich die Kosten für die Versicherung von Anleihen über zehn Millionen Euro auf 505.000 Euro. Auch portugiesische und spanische CDS legten deutlich zu.

Sorge um Griechenland Quelle: dpa

Dunkle Wolken brauten sich zudem über den französischen Banken zusammen: BNP Paribas , Societe Generale und Credit Agricole rechnen mit einer Herabstufung durch die Ratingagentur Moody's, wie mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten. Die Kurse der in Griechenland besonders engagierten französischen Banken sind am Montag  drastisch in die Tiefe gestürzt. Sie verloren am Morgen bis zu 12 Prozent. Bis gegen 11.00 Uhr erholten sich die Werte geringfügig wieder, das Minus lag bei knapp 10 Prozent.

Eine von den nationalen Medien als Option ins Spiel gebrachte teilweise Verstaatlichung der Geldinstitute wurde aber am Montag von Industrieminister Eric Besson zurückgewiesen. So eine These anzusprechen, erscheine ihm völlig verfrüht und am Ziel vorbeigeschossen, erklärte er dem TV-Sender BFM. Die französischen Banken seien krisenfest und hätten eine gesunde Finanzbasis.

Nach ersten Gerüchten vor wenigen Wochen ist der Börsenwert bereits seit längerem im Sinkflug. Der Marktwert der Großbank Société Générale sank seit Anfang Juli um knapp 60 Prozent auf zuletzt nur noch etwas mehr als 13 Milliarden Euro. Société Générale will nun mit einem Stellenabbau und Spartenverkäufen die Ertrags- und Kapitalbasis absichern und bis Ende 2013 durch den Verkauf von Unternehmensteilen Kapital in Höhe von vier Milliarden Euro freisetzen, wie die Bank am Montag in Paris mitteilte.

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